Warum fragen wir eigentlich? Was bezwecken wir mit unseren Fragen? Unsere Fragen zeigen uns auf, was uns in einer Situation interessiert. Was wir wollen. Was uns wichtig ist. Die Art zu fragen, ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit. Sie zeigt auf, was uns als Lebewesen ausmacht. Und dafür brauchen wir uns unseres inneren Wesens nicht einmal bewusst zu sein. Denn unser inneres Wesen ist dennoch vorhanden, ist aktiv und drängt zu einem Ausdruck. Unbewusst bestimmt es unser Verhalten und unsere Sprache. Insbesondere die Fragen, die wir stellen.
Die Art zu fragen, gibt uns einen möglichen Zugang zu unserem Wesen, zu unserer prägenden Persönlichkeitseigenschaft. Denn die Art zu fragen, ist bei den verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften unterschiedlich. (Natürlich gibt es zahlreiche andere Ansätze, sein Wesen aufzuspüren. Siehe auch: Erkenne Dich selbst!)
Es sind neun Grundwesenheiten zu unterscheiden, die als innere Bedürfnisse unser Leben ausmachen:
- Der Wunsch nach Orientierung
- Der Wunsch nach Zentrierung
- Der Wunsch nach Weite
- Der Wunsch nach Eigenständigkeit
- Der Wunsch nach Klarheit
- Der Wunsch nach sozialer Verbundenheit
- Der Wunsch nach Neuausrichtung
- Der Wunsch nach Aktivität
- Der Wunsch nach Ordnung
Diese neun Grundbedürfnisse hat jeder Mensch. In ihrem Zusammenwirken bestimmen sie unser Leben. Dabei sind die Bedürfnisse ganz individuell ausgeprägt. Und es gibt stets eins, das dominiert – den Wesenskern. Der Kern prägt unsere Persönlichkeit, er zeigt uns auf, was uns motiviert, er gibt uns ein Ziel im Leben, das wir erreichen wollen. Und mit unseren Fragen suchen wir jetzt eine Lösung, wie wir unser Ziel in einer Situation verwirklichen können. Indem wir auf unsere Fragen achten, verschaffen wir uns einen Zugang zu unserem Wesenskern.
Neun unterschiedliche Arten zu fragen
Also fangen wir an. Betrachten wir die ausrichtenden Fragen bei den neun Grundbedürfnissen:
1. Der Wunsch nach Orientierung
Wir haben das Ziel, uns ein umfassendes, klares und konkretes Bild von einer Situation zu verschaffen. Dafür stellen wir Fragen. Offene Fragen. Mit einem unvoreingenommenen Interesse fragen wir: Was? Wann? Wie? Wo? Die Fragen aktivieren unsere Sinne. Wir werden angeregt, die Situation aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Und dabei schauen wir genau. Wir lassen nicht eher locker, bis wir passende Antworten gefunden haben, die sich wie einzelne Puzzleteilchen zu einem möglichst realistischen Gesamtbild verbinden.
2. Der Wunsch nach Zentrierung
Hier verfolgen wir das Ziel, den Kern einer Sache zu ergründen. Eine Frage oder ein Thema klar auf den Punkt zu bringen. Wir möchten die Ursache erkennen, das Wesentliche, das die Situation prägt.
Dabei bleiben wir nicht beim Beobachten stehen, sondern wir hinterfragen, was wir sehen mit Warum? Wieso? Weshalb? Es ist wie beim Schälen einer Zwiebel. Die Fragen wirken wie ein Schälmesser mit dem wir Zwiebelring für Zwiebelring abtragen und immer mehr zum Kern vordringen.
3. Der Wunsch nach Weite
Es ist die Sehnsucht nach Weite, nach Freiheit, nach Unabhängigkeit von den irdischen Zwängen. Dabei betrachten wir die Welt im Lichte eines universellen Gedankens und fragen uns: Welche Möglichkeiten bietet dieser Gedanke?
Und haben wir den Gedanken gut auf den Punkt gebracht, dann weckt das unsere Intuition und wir finden neue Ideen. Dabei wirkt die erste Idee wie ein Katalysator, der unser Denken auf ein neues Niveau hebt, uns inspiriert, so dass wir immer weitere Ideen finden. Es ist wie bei einem Adler, der hoch über der Landschaft seine Kreise zieht, eine Beute ausmacht und sich auf sie stürzt.
4. Der Wunsch nach Eigenständigkeit
Hier gilt es eine Vorstellung zu entwickeln, ob ich mich auf eine Sache, auf eine Idee einlassen möchte oder nicht. Wir fragen: Was nutzt mir eine Sache? Welche Konsequenzen hat sie für mich? Welche Risiken sind damit verbunden? Soll ich mich darauf wirklich einlassen? Wir betrachten die Möglichkeiten, finden plausible Antworten für die Zweifel und Fragen, wägen ab und haben dabei stets die Frage im Hinterkopf: Taugt die Sache für mich?
Entsteht mit den Antworten ein Vertrauen in die Idee, so bildet dies die Grundlage für einen Entschluss, sich wirklich auf die Sache einzulassen möchte. Der fundierte Entschluss schafft eine solide Basis, auf der ich dann mein Leben oder eine Situation weiter ausrichten und gestalten kann.
5. Der Wunsch nach Klarheit
Es ist die Sehnsucht, einen Gedanken, eine Lösung oder die Antwort auf eine Frage so weit zu konkretisieren, bis alle Zweifel, bis alle Fragen und Eventualitäten aus dem Weg geräumt sind. Die führende Frage ist dabei: Wie lässt sich der Gedanke verwirklichen?
Dafür ist immer wieder kritisch zu schauen: Wo passt etwas noch nicht? Wo ist noch etwas zu verbessern? Die Punkte werden aufgegriffen und mit der Frage: Wie lässt sich der Vorschlag berücksichtigen?, werden neue Ideen gefunden, konkretisiert und in der Lösung mit aufgenommen. Der Vorgang erinnert an das Schleifen eines Diamanten. Als Rohdiamant macht der Stein noch nichts her, doch mit dem Schleifen erstrahlt er immer mehr in seinem vollen Glanz.
6. Der Wunsch nach sozialer Verbundenheit
Es ist die Sehnsucht nach sozialer Nähe, nach dem Austausch und freudigen Miteinander. Die zentrale Frage ist: Was kann ich mit meinen Möglichkeiten in das Miteinander einbringen?
So fragt sich ein Lehrer: Wie kann ich meinen Schülern etwas beibringen? Welchen Lehrstoff greife ich auf? Wie bereite ich ihn so auf, dass er für die Schüler leicht verständlich wird? Ein Vertreter fragt sich: Wie kann ich meine Waren an den Mann bringen? Oder ein Moderator: Wie kann ich das Miteinander in der Gesprächsrunde gestalten, damit im konstruktiven Austausch ein ordentliches Resultat erzielt wird?
In den Fragen wird ein Bezug zu den Mitmenschen geschaffen. Sie wirken wie eine Brücke für die Gestaltung des Miteinanders.
7. Der Wunsch nach Neuausrichtung
Hier treibt uns die Sehnsucht nach dem Neuen, nach der Veränderung. Dafür entwickeln wir eine klare Zielvorstellung von dem, was wir wollen und stecken den Weg dahin ab.
Dabei ist die zentrale Frage: Wie wollen wir die Situation neu ausrichten? Und haben wir ein klares Zielbild entwickelt, dann fragen wir uns: Wie können wir das Ziel erreichen? Welche konkreten Aufgaben sind zu erledigen? Welche Hindernisse stehen uns dabei im Weg? Wie können wir sie überwinden? Welche Unterstützungen benötigen wir? Wie aufwendig ist die Umsetzung? Wie lange werden wir dafür benötigen? Was kostet die ganze Sache?
Durch die Fragen ebnen wir den Weg zum Ziel. Erscheint es uns zuerst wie eine große Herausforderung, wie ein hoher, steiler Berg, so wird dieser durch die Antworten auf die Fragen immer flacher, bis wir schließlich das Ziel leichten Fußes erreichen können. Dann werden wir bereit, das Alte hinter uns zu lassen und uns auf das Neue wirklich einzulassen.
8. Der Wunsch nach Aktivität
Es ist die Sehnsucht, etwas zu machen, zu tun, zu gestalten, verbunden mit der Freude, zu sehen, wie durch unser Wirken etwas entsteht. Die zentrale Frage ist: Wo kann ich hier etwas machen? Und haben wir eine Aufgabe identifiziert, so geht es daran, sie zu verwirklichen.
Dabei fragen wir uns: Wie kriege ich das hin? Und haben wir eine passende Antwort gefunden, dann legen wir los. Anschließend betrachten wir das Resultat und fragen uns: Passt es? Wo ist noch etwas zu verbessern? Wo ist noch etwas zu ändern? Und mit den Antworten werden wir wieder aktiv. So geht es munter weiter, bis wir mit dem Resultat unserer Arbeit zufrieden sind.
Wesentlich dabei ist der Mut zu dem ersten Schritt, die Bereitschaft, sich wirklich auf die Aufgabe einzulassen, um sie zu erledigen. Das kostet durchaus Überwindung. Es ist wie bei einem Seefahrer, der die bekannten Küsten hinter sich lässt, um zu einem anderen Kontinent aufzubrechen.
9. Der Wunsch nach Ordnung
Es ist die Sehnsucht, die verschiedenen inneren Wesen in ein konstruktives Miteinander zu bringen. Dafür fragen wir uns: Was ist das Wesentliche in der Situation? Wie können wir die Wesen aktivieren? Wie können wir ihr Zusammenwirken koordinieren, so dass wir das Wesentliche zu einem guten Ausdruck bringen?
Es ist wie bei einem Dirigenten, der mit seinem Orchester ein Musikstück aufführen möchte. Der Dirigent aktiviert die einzelnen Musiker, fordert und fördert sie, so dass im Miteinander das Stück erklingt.
Zeig mir, wie Du fragst, und ich sag Dir, wer Du bist
Wir haben gesehen, wie unterschiedlich die Fragen bei den neun Grundbedürfnissen ausgeprägt sind, und wie die Fragen einen Ausgangspunkt bilden, um das jeweilige Bedürfnis zu befriedigen. So können wir, indem wir bewusst auf unsere Fragen achten, einen Zugang zu unserem eigenen Wesenskern schaffen. Und haben wir den Kern aufgespürt, dann können wir die Fragen gezielt einsetzen, um unsere täglichen Situationen zu gestalten. Für uns alleine, und auch mit unseren Mitmenschen. Denn anhand ihrer Fragen können wir auch ihren Wesenskern erkennen. Und das schafft eine Brücke ins Miteinander. Denn wenn wir uns unseres Selbst bewusst sind und erkennen, wie das Gegenüber gestrickt ist, können wir im konstruktiven Zusammenwirken uns ergänzen, unterstützen und die Situation bewusst gemeinsam gestalten. (siehe auch: Vielfalt im Einklang)
Doch ganz so einfach ist die Sache meistens nicht. Denn einerseits prägt uns unser Wesen, andererseits prägen uns unsere Vorstellungen und Ansichten, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Und diese Ansichten überschatten oftmals unseren Wesenskern. Dann fragen wir nicht, wie es unserem Wesen entspricht. Stattdessen fragen wir, wie wir es gelernt haben oder wie wir meinen, dass man fragen müsste. Und diese Art zu fragen, passt mitunter gar nicht zu unserem Wesen.
Wir haben genau zu schauen. Dafür ist ein Dialog sehr hilfreich. Ein Gesprächsführer klopft sozusagen die einzelnen Grundbedürfnisse bei seinem Gegenüber ab. Prüft: welches Grundbedürfnis ist bei dem Gesprächspartner besonders ausgeprägt? Welches Bedürfnis dominiert? Es ist wie bei einem Arzt, der eine Diagnose stellt. Im Kopf gleicht der Arzt seinen Untersuchungsbefund mit verschiedenen Krankheitsbildern ab und erwägt weitere Untersuchungen – solange, bis er die Ursache des Übels erkannt hat. Ähnlich gehen wir vor. Dabei sind unsere Krankheitsbilder die Vorstellungen zu den einzelnen Grundbedürfnissen. Und statt der Krankheit wollen wir den Wesenskern herausfinden. Die Untersuchungsmethode sind gezielte Fragen.
Fazit
Die Art zu fragen, prägt die Persönlichkeit. Indem wir unsere Fragen betrachten, können wir unserem Wesenskern auf die Schliche kommen. Außerdem können wir den Wesenskern bei unseren Mitmenschen erkennen. So entsteht ein Bezug ins Miteinander. Wir können ein konstruktives Zusammenwirken gestalten, bei dem sich jeder mit seinen Möglichkeiten einbringt, um für eine Situation ein ordentliches Resultat zu erzielen.
