In der Physik gibt es ein universelles Prinzip, das hinter den Naturgesetzen steht: Das Prinzip der kleinsten Wirkung. Danach minimiert die Natur stets den Aufwand, um etwas zu verwirklichen. Die Kräfte werden nicht verschwendet, sondern sehr ökonomisch eingesetzt. Doch wie lässt sich dieses Prinzip auf unser Leben übertragen?
Das Prinzip der kleinsten Wirkung
Betrachten wir ein Beispiel: einen Apfel, der von einem Baum fällt. Für uns ganz selbstverständlich nimmt der Apfel den direkten Weg. Er macht keinen Schlenker nach rechts oder links. Er macht keinen Umweg, sondern nimmt den kürzesten Weg. Wir können es in einem Bild veranschaulichen:

Wir möchten vom Punkt A (für Anfang) nach E (für Ende) gelangen. Dafür gibt es jetzt durchaus viele Möglichkeiten. Doch nach dem Prinzip der kleinsten Wirkung wird in der Natur immer der Weg ausgewählt, der den geringsten Aufwand erfordert. Also in unserem Beispiel mit dem Apfel, der kürzeste oder direkteste Weg. In der Abbildung ist es der schwarze Weg. Denn die blauen, längeren Wege sind zwar durchaus auch möglich, doch sie sind mit einem größeren Aufwand verbunden.
Das Prinzip ist universell. Es beschreibt, wie Spinnenfäden in einem Netz durchhängen, wie ein Planet um die Sonne kreist, wie sich die Struktur von Eiskristallen ausbildet, wie sich eine Kompassnadel nach dem Nordpol ausrichtet oder wie ein Strom in einem Draht fließt. Und so weiter und so fort.
Allerdings können wir mit dem Prinzip der kleinsten Wirkung nicht direkt die Ereignisse in der Natur berechnen. Es ist ein Grundprinzip, das hinter den Naturgesetzen steht. Es gibt an, wie durch die Naturgesetze das Wesentliche in einer Situation zum Ausdruck gebracht wird. Das Prinzip gilt etwa in der klassischen Mechanik, der Elektrizitätslehre, Wärmelehre oder Relativitätstheorie. Nur die Quantenmechanik macht eine Ausnahme. Die Welt der Atome, Kerne und Elementarteilchen genügt anderen Gesetzen. Doch sonst wirkt hinter den universellen Gesetzmäßigkeiten stets das Prinzip der kleinsten Wirkung. [1]
Wie lässt sich das Prinzip auf unser Leben übertragen?
Schauen wir in der Wirtschaft. Da entspricht dem Prinzip der kleinsten Wirkung das ökonomische Prinzip. Danach verfolgen die Unternehmen das Ziel, ihren Gewinn zu maximieren. Und gleichzeitig werden im Wettbewerb mit ihren Konkurrenten die Menschen mit möglichst preisgünstigen Produkten versorgt. [2]
Das ökonomische Prinzip ist ein rationales Prinzip. Es erfordert ein bewusstes Abwägen der eingesetzten Mittel und des erzielten Nutzens. Danach setzen sich die Produkte auf dem Markt durch, die bei einem möglichst niedrigen Preis den größten Nutzen bieten.
Das ökonomische Prinzip gibt den Unternehmen eine Ausrichtung für die Produktion ihrer Produkte sowie den Konsumenten bei ihrem Einkauf. Doch es ist kein primäres Ziel. Es gibt nicht direkt an, was wir wollen. Denn das Wesentliche bei unserm Einkauf ist die Frage: Was ist unser Bedürfnis? Was wollen wir haben? Für das Bedürfnis suchen wir eine passende Lösung. Und das ökonomische Prinzip ist jetzt ein Kriterium, das wir berücksichtigen können, um unser Bedürfnis zu befriedigen.
Doch das ökonomische Prinzip ist nicht das einzige Kriterium bei unserer Kaufentscheidung. Wesentlich ist dabei auch die Frage: Warum haben wir das Bedürfnis? Was bezwecken wir damit? Was versprechen wir uns davon, wenn wir das Bedürfnis befriedigen?
Betrachten wir ein Beispiel:
Wir wollen ein Auto kaufen. Das ist unser Bedürfnis. Doch damit wir jetzt zu einer bewussten Entscheidung gelangen, haben wir uns zu fragen: Warum wollen wir einen neuen Wagen? Was bezwecken wir damit? Welche Anforderungen soll er erfüllen? Die Antworten geben uns Kriterien an die Hand, nach denen wir uns bei dem Autokauf ausrichten. Die Kriterien sind individuell ganz unterschiedlich. Dabei lassen sich zwei Arten von Kriterien unterscheiden:
- Die Anforderungen, die wir an das Auto stellen: zuverlässig soll es funktionieren, genügend Platz für die Einkäufe bieten, sparsam im Verbrauch sein, chique darf es sein, und es sollte zu unserem Geldbeutel passen….
- Eigenschaften, die uns das Auto als Person gibt: So mag das Auto für uns ein Ausdruck der Freiheit sein. Spaß soll das Fahren machen. Als Statussymbol soll dienen….
Wir haben einmal die äußeren Anforderungen, die das Auto für uns erfüllen soll. Und auf der anderen Seite haben wir innere Sehnsüchte, die wir mit dem Autokauf verwirklichen möchten. Die äußeren und inneren Bedürfnisse haben zusammenzukommen, wir haben sie abzuwägen, damit wir eine gute Entscheidung für den Autokauf treffen.
Der Weg zur eigenen Entscheidung
Wenn wir uns bewusst sind, was wir mit dem Autokauf eigentlich bezwecken, dann sind es nicht allein die wirtschaftlichen Aspekte, von denen wir uns leiten lassen. Dann haben wir weitere Kriterien, die wir mitberücksichtigen. Mit diesen Kriterien im Hinterkopf, begeben wir uns auf die Suche nach dem passenden Fahrzeug. Wir schauen, prüfen, wägen ab, und schließlich kommen wir zu einer Entscheidung.
Dabei kommt es nicht darauf an, möglichst viele Kriterien zu finden, sondern die Aspekte herauszukristallisieren, die für uns und die Situation wirklich passen. Da ist weniger oft mehr. Und neben diesen Kriterien berücksichtigen wir auch das ökonomische Prinzip bei unserer Entscheidungsfindung.
Wir können sagen, die bewusst gewählten Kriterien bilden die Voraussetzung für eine eigenständige Entscheidung. Jetzt mögen Sie erwidern: schön und gut, doch das ist mir viel zu aufwendig. Soll ich jetzt in jeder Situation des Alltags erst die passenden Kriterien herausfinden, nach denen ich dann mein Handeln ausrichte? Das erscheint mir doch recht mühsam. Und überhaupt, wie finde ich die passenden Kriterien heraus?
Erhebe das innere Bedürfnis zum Maßstab!
Sicherlich, die äußeren Anforderungen sind in jeder Situation unterschiedlich – mal geht es um den Autokauf, mal wollen wir ein leckeres Essen kochen, einen Urlaub planen, das Wohnzimmer neu streichen und so weiter und so fort. Und in jeder Situation haben wir passende Kriterien zu finden, nach denen wir uns ausrichten.
Doch daneben gibt es unsere inneren Bedürfnisse. Und da stellen wir fest: die sind in jeder Situation die gleichen. Sie sind unabhängig von der Situation. Universell. Und indem wir herausfinden, was unser dominierendes inneres Bedürfnis ist, unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft, können wir diese für uns zum Maßstab erheben. Der Maßstab gibt uns eine Orientierung, um in den unterschiedlichsten Situationen die passenden äußeren Anforderungen zu identifizieren. [3]
Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft das Vermitteln ist, dann fragen wir uns weiter: wie bringe ich diese Eigenschaft zum Ausdruck? Vielleicht wollen wir klar, anschaulich und verschmitzt unsere Lehrinhalte weitergeben. Oder wir sind einfühlsam, verbindend und ausgleichend. Oder präzise, knapp und bündig. Und so weiter.
Indem wir unsere inneren Kriterien herausfinden, die unserem Wesen gut entsprechen, können wir die verschiedenen täglichen Situationen bewusst danach ausrichten: sei es in unserem Beruf, aber auch, wenn wir anderen Menschen etwas mitteilen, wenn wir unsere Wohnung gestalten, ein Essen kochen oder ein Auto kaufen wollen. Die Kriterien wirken wie ein Kompass, der uns eine sichere Orientierung in den Situationen gibt.
Übung macht den Meister
Doch richten wir uns nach unserem individuellen Maßstab aus, so mag der Weg zu Anfang durchaus holprig und mühsam sein. Denn wir sind unsicher, wissen noch nicht so genau, was unsere Kriterien sind und wie wir sie zu einem passenden Ausdruck bringen können.
Doch wir fangen an, nach unserem besten Wissen. Dabei sammeln wir Erfahrungen. Und haben wir das Ziel erreicht, dann prüfen wir das Resultat: Wo kann ich mein Vorgehen noch verbessern? Wo kann ich noch etwas verändern, damit die Aufgabe das nächste Mal leichter und erfolgreicher von der Hand geht? So konkretisieren wir unsere Kriterien. Gleichzeitig klärt sich unsere Vorstellung, wie wir die Situationen gestalten können. Mit der Zeit gelingt es uns immer besser, die täglichen Aufgaben mit unseren Persönlichkeitseigenschaften zu meistern. Wir können es in einem Bild darstellen:

Wir haben eine Ausgangssituation A und wollen eine Endsituation E erreichen. Und ja, es gibt den Weg mit dem geringsten Aufwand, der die beiden Punkte verbindet. Es ist der schwarze Weg in der Abbildung. Doch zu Anfang kennen wir diesen kürzesten Weg noch nicht. Stattdessen nehmen wir einen weiteren Weg, der mit einem größeren Aufwand verbunden ist, sagen wir einen der hellblauen Wege in der Abbildung.
Doch bei der nächsten Aufgabe berücksichtigen wir die gesammelten Erfahrungen. Dann fällt es uns schon leichter den Weg zu beschreiten. Oder anders ausgedrückt: wir kommen dem direkten Weg mit dem geringsten Aufwand etwas näher. Wir beschreiten einen der dunkelblauen Wege in der Abbildung.
Und so geht es immer weiter, von Aufgabe zu Aufgabe nähern wir uns dem Weg der kleinsten Wirkung, bis wir ihn schließlich für uns herausgearbeitet haben. Dann wissen wir, was für uns der Weg der kleinsten Wirkung ist und können die unterschiedlichsten Situationen danach ausrichten. Dabei braucht der gefundene Weg nicht unbedingt der kürzeste zu sein. Wichtig ist, dass der Weg für uns passt. Dass er unserer Art zu sein zu einem freudigen Ausdruck bringt und zugleich attraktiv und erfolgreich ist.
Eine Analogie aus der Quantenmechanik
Als Physiker erinnert mich das Vorgehen, wie wir unseren Weg der kleinsten Wirkung herausfinden, an die Quantenmechanik. Denn in der Welt der Atome gilt auch nicht so direkt das Prinzip der kleinsten Wirkung. Stattdessen sind prinzipiell alle möglichen Wege zu berücksichtigen, die von A nach E führen. Allerdings nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Dabei ist der Weg mit der kleinsten Wirkung stets der wahrscheinlichste Weg. Und je verschlungener die Pfade sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintreten. In der Abbildung ist der Zusammenhang dargestellt:

Der schwarze Weg ist der direkteste Weg, der Weg der kleinsten Wirkung, der Weg mit der größten Wahrscheinlichkeit. Und je heller die anderen Wege sind, umso geringer ist ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie eingeschlagen werden.
Um jetzt die Situation etwa für ein Elektron zu beschreiben, sind alle möglichen Wege zu berücksichtigen, die von A nach E führen. Betrachten wir größere Teilchen, also zum Beispiel ein Atom, ein Molekül, einen Apfel oder einen Fußball, dann sind im Prinzip auch alle Wege zu berücksichtigen, jedoch wird die Wahrscheinlichkeit für die verschlungenen Wege mit zunehmender Größe der Teilchen immer kleiner und die Wahrscheinlichkeit für den direkten Weg immer größer. Betrachten wir jetzt einen Apfel, der von einem Baum fällt oder einen Fußball, der auf ein Tor geschossen wird, dann spielen die verschlungenen Wege schlicht keine Rolle mehr. Dann gilt das Prinzip der kleinsten Wirkung. [4].
Wenngleich in der atomaren Welt das Prinzip der kleinsten Wirkung nicht direkt gilt, kristallisiert es sich doch mehr und mehr heraus, wenn wir größere Teilchen betrachten. Ähnlich verhält es sich, wenn wir unsere Aufgaben nach unserer prägenden Persönlichkeitseigenschaft und dazu passenden Kriterien ausrichten. Da sind wir am Anfang unsicher und verzagt und gehen durchaus verschlungene Pfade. Doch mit den gesammelten Erfahrungen gewinnen wir an Sicherheit und Zuversicht und können die Aufgaben immer souveräner meistern. Oder anders ausgedrückt: wir kommen dem Weg der kleinsten Wirkung immer näher.
Fazit
Jetzt „kennt“ die Natur den Weg mit dem geringsten Aufwand, um ihr Ziel zu erreichen. Sie folgt dabei den Naturgesetzen. Im Gegensatz dazu wissen wir Menschen erst einmal nicht, was für uns der Weg mit dem geringsten Aufwand ist. Doch wir haben mit unserem Bewusstsein die großartige Möglichkeit, den Weg für uns ganz individuell herauszufinden. Indem wir unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft zum Maßstab erklären, können wir unseren eigenen Weg der kleinsten Wirkung immer klarer erkennen und immer einfacher, freudiger und erfolgreicher beschreiten.
Denn das ist unser Ziel: wir möchten mit einem möglichst geringen Einsatz die Aufgaben des Lebens bestmöglich gestalten. Dafür ebnet uns das Bewusstwerden unserer prägenden Eigenschaften den Weg. Sie geben uns einen Inhalt im Leben, einen Sinn, den wir aufgreifen können, um unseren Alltag leicht, heiter und souverän zu meistern.
Dabei berücksichtigen wir auch das ökonomische Prinzip. Doch es ist nicht der führende Maßstab. Denn wenn das ökonomische Prinzip zum Maßstab erhoben wird, dann führt dies leicht dazu, dass wir unsere persönlichen Interessen unterordnen. Dann steht nicht mehr das Wohl der Menschen im Vordergrund, sondern die wirtschaftlichen Interessen.
Quellen
[1] Hamiltonsches Prinzip – Wikipedia
