Von dem alten Seneca ist der Spruch überliefert [1]: „Wenn ich mich mitunter an einem Narren erfreuen will, muss ich nicht lange suchen: Ich lache über mich selbst.“ Ach Seneca, was erzählst Du da! Wir Menschen haben doch eine allzu große Angst davor, uns lächerlich oder zum Narren zu machen. Ernsthaft und mit aller Kraft sind wir damit beschäftigt, uns eine Maske zu zimmern, hinter der wir unsere Fehler und Marotten verbergen. Denn wir wollen möglichst perfekt erscheinen, und es erheitert uns, wenn wir bei unseren Mitmenschen irgendwelche Unzulänglichkeiten erkennen.
Dabei erwecken Personen, die ihre Fehler mit Gelassenheit ertragen und zu ihnen stehen, unsere Sympathie, und wir empfinden für sie eine Zuneigung und Achtung. Doch wie kommen wir dazu, uns selbst nicht so ernst zu nehmen, über uns selbst lachen zu können und uns zum Narren zu machen? Wie können wir unseren Humor befreien? Wie gelangen wir zu einer gelösten, heiteren Lebenseinstellung?
Facetten des Humors
Humor spielt mit unseren vertrauten Vorstellungen. Sie werden in ein neues, überraschendes Licht gerückt und erzeugen so eine neuartige Wirklichkeit. Dabei ist der Humor vielseitig und tritt in den unterschiedlichsten Formen auf [2]:
Manchmal ist der Humor in einer listigen Frage versteckt, in einer schlauen Antwort, in einem eigenwilligen Grund, in einem scharfsinnigen Hinweis, in einem hinterhältig ablenkenden oder clever formulierten Einwand. Manchmal finden wir ihn in einer kühnen oder ironischen Formulierung, einer kraftvollen Übertreibung, einer verblüffenden Metapher, einer plausiblen Versöhnung von Widersprüchen oder in einem scharfsinnigen Unsinn.
Manchmal drückt sich der Humor in einem flüchtigen Blick oder einer treffenden Geste aus. Manchmal in einer gekünstelten Einfachheit; manchmal in einer anmaßenden Unverblümtheit. Manchmal zeigt er sich, wenn wir etwas Fremdes neugierig betrachten; manchmal, wenn wir offensichtliche Dinge unvoreingenommen hinterfragen.
Oft stolpern wir über den Humor, ohne zu wissen, wie er entspringt. Humor ist kurz gesagt eine Art, auf die einfache und schlichte Weise zu sprechen. Er zeigt sich durch eine ziemlich überraschende Ungezwungenheit, die unsere Fantasie beflügelt und etwas Erstaunliches aufzeigt, das uns amüsiert.
Humor ist vielfältig und lauert hinter jeder Ecke
Doch der Humor liegt weniger in den Situationen selbst, sondern in der Art, wie wir Menschen sie betrachten. Es liegt in uns, ob wir klagen, schimpfen, verzweifeln, oder ob wir das Leben auf eine heitere Art nehmen können. Humor ist eine Lebenshaltung, die Menschen hilft, die Herausforderungen des Alltags leichter zu nehmen, Situationen, Ereignisse oder Worte als lustig zu empfinden und Freude daran zu haben.
Und sind wir humorvoll, dann wirkt das oft ansteckend und überträgt sich auf unsere Mitmenschen. Dann wirkt der Humor wie eine Brücke, die eine Verbindung ins Miteinander schafft. Dann rücken wir zusammen, um die Situation gemeinsam spielerisch zu gestalten.
Allerdings gelingt das Spiel nur, wenn alle Beteiligte die gleichen Spielregeln haben, wenn alle die gleiche Vorstellung von Humor haben. Doch das ist nicht immer der Fall. Oft empfinden andere Menschen das, was uns selbst erheitert, als eine Unverschämtheit, als eine Provokation oder schlicht für die Situation als unangemessen. Es ist als hätten die Beteiligten unterschiedliche Spielregeln. Als würden wir jemandem einen Ball zuwerfen, mit der Absicht, weiter mit ihm zu spielen, doch dieser jemand fängt den Ball und steckt ihn in die Tasche.
Zwei Arten des Humors
Wir haben prinzipiell zwei Arten des Humors zu unterscheiden: einmal den Humor, der in uns als Reaktion auf ein äußeres Ereignis angeregt wird. Und dann den Humor, der aus unserem Inneren kommt. Betrachten wir die beiden Arten genauer:
1. Humor als Reaktion auf ein äußeres Ereignis
Schon im antiken Griechenland wusste man über die Bedeutung des Humors. Er fand seinen Ausdruck in den Komödien: Dramen mit einem erheiternden Handlungsablauf, die für den Helden stets glücklich enden. In der Antike wurden die Komödien in den Theatern aufgeführt und erfreuten sich großer Beliebtheit.
Dabei entsteht die heitere Grundstimmung durch die übertriebene Darstellung menschlicher Schwächen. Die Zuschauer fühlen sich zu den Figuren auf der Bühne entweder hingezogen, weil sie sich in ihnen wiedererkennen, oder aber sie blicken auf sie herab und verlachen sie, weil sie Schwächen haben, die es zu vermeiden gilt.
Die Faszination für die Komödien durchzieht die Jahrhunderte und strahlt bis in unsere heutige Zeit. Dabei sind die Arten der Unterhaltung vielschichtiger geworden. Heute gehen wir ins Theater oder Kino, in Konzerte oder Kabaretts, schauen uns zu Hause Filme, Talkshows oder Beiträge von Comedians im Fernsehen an, und manche finden Vergnügen bei der Lektüre eines Buchs. In all den Fällen lassen wir unseren Alltag hinter uns, lassen uns entführen in eine Scheinwelt, die uns erheitert und von unserem täglichen Kram ablenkt.
Schön und gut. Ist Humor, ist Heiterkeit jetzt eine Art Flucht aus der Wirklichkeit? Ist Humor nur ein Ausdruck der Kunst, eine nette Art der Unterhaltung, die jedoch mit dem wahren Leben gar nichts zu tun hat? Ja so sagte es Friedrich Schiller [3]: Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.
Danach haben Leben und Kunst gar nichts miteinander zu schaffen. Ich möchte es etwas anders herausstellen: Indem wir heiter werden, können wir unser Leben leichter und freudiger gestalten. Doch wie kommen wir dahin?
Denn all die Unterhaltung hat jetzt nicht den Anspruch, in unserem Alltag wirklich etwas zu verändern. Die Situationen bleiben wie sie sind. Wenn es gut geht, mag sich unsere Einstellung zu ihnen ändern. Doch meistens ist die gute Laune nur unsere Reaktion auf die äußeren Ereignisse. Der vermittelte Frohsinn hält durchaus eine Weile an, aber dann verpufft er. Doch wie können wir selbst heiter werden? Wie kommen wir zu einer heiteren Lebenseinstellung?
2. Humor aus dem Inneren
Eine Antwort liefert Trevor Griffith, der einen Anspruch an einen „wirklichen“ Komödianten stellt [4]:
Ein wirklicher Komödiant – das ist ein wagemutiger Mann. Er wagt das zu sehen, was seine Zuhörer sich scheuen auszudrücken. Und was er sieht, ist eine Art Wahrheit über die Menschen, über die Situation, über dasjenige, was sie schmerzt oder erschreckt, über das, was schwierig ist und vor allem über das was sie wollen. Und ein passender Witz setzt die Spannung frei, er sagt das Unsagbare. So gut wie jeder Witz leistet dies. Aber ein wahrer Witz, der Witz eines Komödianten, muss mehr tun als Spannung freisetzen; er muss den Willen und das Begehren befreien, er muss die Situation verändern.
Ja ein „wahrer Witz“ trifft ins Schwarze und bewirkt, dass sich die Situation tatsächlich verändert. Doch damit wir dieses Ziel erreichen, haben wir zuvor unsere Hausaufgaben zu machen. Wir haben die Situation und die beteiligten Menschen genau wahrzunehmen. Und erst wenn wir uns ein klares Bild verschafft haben, stellen wir uns die Frage: Was möchte in der Situation mehr zu einem Ausdruck gebracht werden? Was ist hier das Wesentliche?
Es muss etwas sein, das für die konkrete Situation passt und angemessen ist. Und haben wir das Wesentliche erkannt, dann erheben wir es zum Leitgedanken und fragen uns: Wie kann ich die Information so verpacken, dass sie beim Gegenüber auch wirklich ankommt, dass sie ihn trifft und erreicht? Was ist der befreiende Witz, der die Situation wirklich verändern kann? Betrachten wir ein Beispiel [5]:
Nahrung fürs Gewand
Mullah Nasrudin hörte, dass in der nahegelegenen Stadt der Emir ein Bankett veranstalte. Er eilte dorthin, so schnell er konnte. Doch als der Zeremonienmeister ihn in seinem zerlumpten Gewande sah, wurde Nasrudin der Eintritt verwehrt.
So ging er wieder nach Hause, kleidete sich in einen prächtigen Mantel und Turban aus Zobelpelz und ging wieder auf das Fest. Sobald die Herolde des Emirs diesen prächtigen Auftritt sahen, schlugen sie die Trommeln und ließen sie die Trompeten erschallen – so wie es einem Besucher von hohem Rang gebührt.
Der Hofmeister kam selbst aus dem Palast und führte den kostbar gekleideten Nasrudin zu einem Platz in der Nähe des Emirs. Sogleich wurden ihm Schüsseln mit erlesenen Gerichten vorgesetzt. Ohne zu zögern machte sich Nasrudin daran, Händvoll Essen in seinen Turban und in sein Gewand zu stopfen.
„Eminenz“, sagte der Emir, „ich wüsste gerne, was es mit Euren Essensgewohnheiten auf sich hat, sie sind mir neu.“
„Nichts Besonderes“, antwortete Nasrudin, „das Gewand ermöglichte mir den Einlass zu diesem Fest, brachte mich hier an Eure Seite und verschaffte mir das gute Essen. Hat es da nicht seinen Anteil verdient?“
Seitdem haben zu den Feiern des Emirs alle Menschen Zutritt.
Nehmen wir die Geschichte unter die Lupe
In der Geschichte wollte Nasrudin dem Emir aufzeigen, dass das äußere Gewand, die Kleidung eigentlich gar nicht so wichtig ist und nichts über den Menschen als solches aussagt. Der Zeremonienmeister und Hofmeister aber beurteilen die Menschen nur nach dem Aussehen und danach entscheiden sie, wer zu dem Fest Zulass bekommt und wo sie ihren Platz einnehmen können.
Das ist der Leitgedanke, den Nasrudin dem Emir nachdrücklich klarmachen wollte. Doch um jetzt dem Emir den Gedanken zu vermitteln, brauchte Nasrudin die passende Idee. Denn wenn Nasrudin sich jetzt als Oberlehrer hingestellt hätte, und dem Emir seinen Gedanken mit erhobenem Zeigefinger vermittelt hätte, nun dann hätte der Emir ihn wohl einfach ignoriert oder bestenfalls müde über ihn gelächelt. Doch höchstwahrscheinlich wäre Nasrudin gar nicht bis zum dem Emir vorgedrungen. Der Hofmeister hätte ihn wohl schon vorher aus dem Palast geschmissen.
Es braucht die richtige Inszenierung, um eine Lehre zu vermitteln. Und die fand Nasrudin, indem er sich in Schale warf – das war die Eintrittskarte zum Emir – und weiter, dass er das Essen in seinen Turban und Gewand stopfte – so wurde der Emir auf ihn aufmerksam. Schließlich konnte Nasrudin ihm mitteilen, dass die gesamte Aufmerksamkeit, die ihm zu Teil wurde, nur aus der Kleidung resultierte, er als Mensch jedoch gar nicht betrachtet wurde. Doch das tat er nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in Form eines treffenden Witzes.
Sie mögen einwenden: „So machte sich Nasrudin doch zum Narren.“ Ja sicher. Doch es ging ihm nicht darum, einfach nur albern und lustig zu sein. Es ging Nasrudin darum, dem Emir eine Lehre zu erteilen. Und dafür war er bereit, sich selbst zum Narren zu machen.
Ein weiser Narr sein
Ein weiser Narr bringt eine Weisheit ins Leben. Er trägt einen passenden Gedanken in eine Situation. Er erkennt den Gedanken und formt ihn so, dass die Menschen sich angesprochen fühlen, den Gedanken weiter aufgreifen und in ihrem Leben zum Ausdruck bringen. Doch ein Narr belehrt nicht, sondern gibt einen gezielten Stups, der dann zu einer Veränderung führt.
Es ist wie bei einem Wassertropfen, der in einen See fällt. Der Tropfen ist sozusagen der Gedanke. Der muss für die Situation gut passen und klar herausgearbeitet sein. Und fällt er ins Wasser, so verursacht er Wellen, die sich weiter ausbreiten können. Dabei befolgt der Narr den Rat von Kosma Prutkow [6]: Wenn Du einen Stein ins Wasser wirfst, dann achte auch auf die Wellen, die von ihm ausgehen, denn sonst wäre ein solcher Wurf reine Zeitverschwendung.

In der Komödie sowie in den meisten Witzen betrachten wir eine Situation, machen uns darüber unsere krausen Gedanken, die uns durchaus erheitern, über die wir uns amüsieren, wobei die Situation jedoch unverändert bleibt.
Ein weiser Narr hingegen gibt etwas in die Situation, das die Menschen einerseits erheitert und sie darüber hinaus zu einer tatsächlichen Veränderung anregt. Und diese Veränderung zu erreichen, ist ihm so wichtig, dass er dafür bereit wird, sich zum Narren zu machen.
Dabei ist sich der weise Narr des Wesentlichen in der Situation bewusst und er vertraut darauf, dass es eine passende Ausrichtung bietet. Dieses Bewusstsein verleiht ihm einerseits die nötige Zuversicht, einen passenden Stups formen zu können, und andererseits gibt es ihm die Gelassenheit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen und über sich selbst lachen zu können.
Quellen
[2] Terry Eagleton: Humour, Yale University Press, New York and London, 2019, S. XI, in einer sehr freien Übersetzung.
[3] Schiller:Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst
[4] Trevor Griffith: Comedians, Faber, London 1976, S. 20
[5] Frei erzählt nach Idries Shah: Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mullah Nasrudin. Herder, Freiburg, 1984, S. 80
[6] Kosma Prutkow: Wenn Du einen Stein ins Wasser wirfst, dann achte auch auf die Wellen, die von ihm ausgehen, denn sonst wäre ein solcher Wurf reine Zeitverschwendung.
Das Zitat habe ich in einem Schachbuch gefunden: Mark Dworetski: Geheimnisse gezielten Schachtrainings, Edition Olms, Zürich 1994, S. 147
