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Den Nebel auflösen

Wir Menschen sehen nicht das,

was wirklich ist,

sondern das,

was wir meinen,

das sei.

Schauen wir Menschen uns etwas an, dann wird sofort unser Verstand aktiv. Wir machen uns unsere eigenen Vorstellungen und Meinungen über die Sache. Und diese Vorstellungen lösen in uns Gefühle aus, die darüber entscheiden, ob wir uns in der Situation wohlfühlen oder nicht, ob wir uns ärgern oder uns freuen, ob wir heiter sind oder traurig. Und so weiter.

Mit unseren Vorstellungen und Meinungen, die wir uns über die Dinge machen und unseren Gefühlen, die dadurch ausgelöst werden, nehmen wir die Welt wahr. So sehen wir nicht das, was wirklich ist, sondern das, was wir meinen, das sei.

Dabei wirken unsere eigenen Vorstellungen wie ein innerer Nebel, der uns die freie Sicht versperrt. Und dieser Nebel beschäftigt uns. Er prägt unser Denken, unser Fühlen und unser Wollen. Und dabei besteht die Tendenz, dass der Nebel immer dichter wird. Immer mehr Gedanken über die Dinge kreisen durch unseren Kopf und machen uns schwermütig. Hermann Hesse drückte es in einem Gedicht schön aus [1]:

Doch wie können wir den Nebel auflösen?

Denn wir wollen nicht in dem Nebel orientierungs- und freudlos umherwandern. Wir wollen aus dem Nebel heraus! Wir wollen eine klare Sicht der Dinge! Dabei nutzt es nichts, sich über den Nebel Gedanken zu machen, über ihn zu schimpfen oder gegen ihn zu protestieren. Denn dann wird der Nebel immer dichter. Mehr und mehr fängt er uns ein. Und wir fühlen uns immer schlechter dabei. Doch wie können wir den Nebel hinter uns lassen?

Schauen wir in der Natur. Sie macht es uns vor. Der Nebel löst sich durch die Kraft der Sonne auf. Zuerst mag sie nur als zarte Silhouette am Horizont erscheinen. Doch je mehr die Sonne aufsteigt, umso mehr kommt ihre Kraft zur Wirkung. Die einzelnen Nebeltropfen lösen sich auf und die Sicht wird immer freier. Schließlich erstrahlt die gesamte Landschaft in ihrem Licht.

Jetzt mögen Sie sagen: schön und gut, so funktioniert das in der Natur. Doch wie ist das mit meinem inneren Nebel, mit meinen störenden Vorstellungen und Ansichten? Was ist die Sonne, die in mir Klarheit schafft?

Nun, wie schon gesagt, wir können den Nebel nicht auflösen, indem wir im Nebel rumstochern oder indem wir unsere eigenen Gedanken von rechts nach links wälzen. Wir haben außerhalb des Nebels, wir haben außerhalb von uns selbst zu schauen. Wir brauchen einen Leitgedanken, der die Situation von außen neu ausleuchtet. Dafür können wir uns fragen: Was ist das Wesentliche in der Situation? Was ist die universelle Eigenschaft, die in der Situation oder auch in uns selbst zu einem Ausdruck kommen möchte? [2]

Und haben wir das Wesentliche erkannt, dann wirkt es wie die Sonne. Indem wir für das Wesentliche eine immer klarere Vorstellung entwickeln, treten unsere eigenen krausen Gedanken, unsere Schwermütigkeit und Orientierungslosigkeit immer mehr in den Hintergrund. Wir werden immer freier und heiterer. Der Nebel fällt und die gesamte Situation wird geklärt.

Quellen

[1] Hermann Hesse: Gedichte, Suhrkamp Taschenbuch 381, Berlin, 1977, S. 236

[2] Das Wesentliche ist in uns Menschen als innere oder seelische Bedürfnisse veranlagt. Hier finden Sie eine Anleitung, um diese Bedürfnisse zu erkennen:  Wie können wir seelische Bedürfnisse erkennen?