Der Kreis ist einerseits eine einfache mathematische Kurve. Andererseits ist er ein Symbol für Vollkommenheit und Schönheit. Doch wie hängen diese Eigenschaften zusammen? Und wie können wir selbst durch die Ausrichtung nach dem Kreis eine Ordnung in unserem Leben schaffen?
Ein Kreis ist eine in sich geschlossene Kurve um einen Mittelpunkt, wobei alle Punkte auf der Kurve den gleichen Abstand zum Mittelpunkt haben. Der Kreis wird durch die Lage des Mittelpunktes charakterisiert sowie durch den Radius, der angibt in welcher Entfernung von der Mitte der Kreisbogen sich erstreckt:

Der Kreis ist ein Zeichen für Harmonie, für Schönheit, für Vollkommenheit und hat schon immer die Menschen inspiriert. Etwa im Zen-Buddhismus, wo der „Ensō Kreis“ ein Symbol in der japanischen Kalligraphie ist und mit einem Tuschepinsel in einem freien Schwung gezeichnet wird. Oder auch in der folgenden Geschichte aus China:
Der Kaiser von China hatte zu einem Festbankett geladen. Unter den Gästen war auch ein Klostervorsteher, dem es erlaubt worden war, einige seiner jungen Mönche mitzubringen. Er erklärte ihnen, wer die hohen Würdenträger waren, die an der Kopfseite der Tafel Platz nahmen.
„Der in dem knallgelben Gewand, das ist der Landwirtschaftsminister. Er hat nach und nach die Vorratshaltung im ganzen Reich verbessern lassen, so dass unser Volk zwei Missernten nacheinander verkraften könnte. Der ganz in Rot Gekleidete ist der Kriegsminister. Er hat im Laufe der Jahre die Armee so gut organisiert, dass es kein anderer Staat mehr gewagt hat, unser Land anzugreifen.“
Nachdem der Klostervorsteher alle wichtigen Persönlichkeiten vorgestellt hatte, fragte einer der Novizen: „Und wer ist der kleine, graue Unscheinbare, dort in der Mitte?“
„Das ist der Kaiser.“
„Wie kann es sein, dass der Kaiser so unauffällig ist, während seine Minister einen imposanten Eindruck machen?“
Der Klostervorsteher antwortete: „Der Kaiser hat die staatlichen Aufgaben den Leuten anvertraut, die dafür das größte Talent haben. So kam jeder von Ihnen zur Entfaltung, während er selbst unscheinbar bleiben konnte. Genau das ist die Aufgabe des Kaisers. Er ist wie die Nabe eines Rades. Das Rad dreht sich gleichmäßig um sie herum, wenn alle Speichen an ihrem richtigen Platz sind. Die Nabe selbst aber ist ein Loch. Das Rad dreht sich um seine leere Mitte.“
Marjolein Bastin: Geh langsam, wenn du es eilig hast S. 122; Coppenrath Verlag, Münster, 2018
Doch bei dem Bild mit der Nabe und dem Rad habe ich als Physiker ein etwas seltsames Gefühl. Denn als Physiker bin ich es gewohnt, in klaren Ursache-Wirkungsbeziehungen zu denken. Und, wie anfangs schon erwähnt, ist ein Kreis – oder hier ein Rad – durch seinen Mittelpunkt und den Radius bestimmt. Mittelpunkt und Radius, das sind die wesentlichen Elemente eines Kreises. Wir können nur dann einen Kreis zeichnen, wenn wir von diesem Wesentlichen eine Vorstellung haben, also wo der Mittelpunkt sein soll und was die Ausmaße des Kreises sein sollen.
Doch was heißt das jetzt für unsere Geschichte mit dem Kaiser von China?
Sicherlich, der Kaiser will, dass seine Minister das Land gut regieren. Doch damit sie das tun, hat er zuvor zu schauen: Wer ist ein geeigneter Kandidat für den jeweiligen Posten? Welche Aufgaben soll er erledigen? Wie soll er mit den anderen Ministern zusammenarbeiten? Diese Fragen hat der Kaiser im Vorfeld zu beantworten. Sie sind das Wesentliche in der Situation. Aus den Antworten hat der Kaiser eine Vorstellung zu entwickeln, wie das Land regiert werden sollte. Nach dieser Vorstellung wählt er seine Minister aus und instruiert sie mit ihren Aufgaben. Die Minister greifen die Vorstellung auf und regieren das Land entsprechend.
Die verbindende Vorstellung ist sozusagen der Mittelpunkt des Kreises. Nach diesem Mittelpunkt richten sich die Minister aus und erledigen ihre Aufgaben, wobei sich jeder mit seinen eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten einbringt. So greifen die Minister zuerst einmal eine Aufgabe auf. Sie ziehen sozusagen gemeinsam einen kleinen Kreis um den Mittelpunkt. Und haben sie die Aufgabe gemeistert, dann greifen sie die nächste Aufgabe auf. Schritt für Schritt erweitern sie den Kreis, bis sie letztlich das ganze Land erfolgreich im Griff haben.
Es ist die Vorstellung, die die Minister in ihrem Handeln ausrichtet. Dabei muss der Kaiser anfangs durchaus noch regulierend eingreifen. Doch je souveräner die Minister ihre Aufgaben wahrnehmen, umso mehr kann sich der Kaiser zurücklehnen. Schließlich merkt man von dem Kaiser gar nichts mehr. Dann hat er die Vorstellung soweit entwickelt, dass sie die Minister in ihrem Handeln ganz selbstverständlich ausrichtet und die gesamte Situation trägt. Oder in der Sprache eines Physikers:
Die bewusste Vorstellung, wie das Wesentliche in einer Situation zum Ausdruck kommen soll,
ist die Ursache, aus der wir die Situationen im Miteinander erfolgreich gestalten können.

Dabei können wir diese Vorstellung nicht greifen, wir können sie auch nicht unmittelbar sehen. Dennoch gibt es sie. Die Vorstellung ist geistiger Natur. Doch wir Menschen haben die großartige Möglichkeit, so eine verbindende Vorstellung zu entwickeln und unseren Alltag entsprechend zu gestalten. Das kann jeder Mensch. Nicht nur der Kaiser von China. Der Veränderungsprozess zeigt den Weg (siehe auch: Werde, der Du werden kannst).
