Von den Chassidim, einer jüdischen Glaubensrichtung, ist ein schöner Spruch überliefert:
Du kehrst den Mist hierhin,
du kehrst den Mist dorthin.
Es bleibt Mist.
Du grübelst.
Dabei könntest du Perle an Perle reihen
zur Freude des Himmels.
Doch wie können wir den Mist überwinden? Wie können wir Perle an Perle reihen? Betrachten wir ein konkretes Beispiel:
Die deutsche Sprache
Neulich führte ich mit meiner Frau ein erhitztes Gespräch über das Leid und Weh der deutschen Sprache. Wir waren uns einig, dass es um unsere Sprache nicht sonderlich gut bestellt ist:
- Sei es der Verfall der Sprache in unseren Medien: im Internet, in Radio und Fernsehen oder in den Zeitungen, wo die Beiträge immer schneller und mit immer weniger Sorgfalt verfasst werden, so dass der sprachliche Anspruch mehr und mehr ins Hintertreffen gerät.
- Seien es die vielen Anglizismen, die oft unüberlegt in unsere Sprache übernommen werden, oder sogar in den Marketingabteilungen der Unternehmen bewusst geschöpft werden.
- Sei es, wenn die Sprache aus den Amtsstuben oder der Fachjargon in unseren Alltag vordringen.
- Seien es die zahlreichen Abkürzungen, die keiner so recht versteht.
- Sei es in den Schulen, wo uns das Gefühl beschleicht, dass die Vermittlung eines guten deutschen Sprachverständnisses in Verbindung mit einer fehlerfreien Rechtschreibung und Zeichensetzung, einen immer niedrigeren Stellenwert einnimmt.
Und so waren meine Frau und ich so richtig in unserem Element. Wir wetterten, schimpften und ereiferten uns. Doch halt! Was machten wir da?
Wir kehrten den Mist hierhin,
wir kehrten den Mist dorthin.
Es blieb Mist!
Denn all unsere Vorwürfe, all unsere Beschuldigungen, all unser Dagegensein nutzte letztlich gar nichts. Es verwehte wie Schall und Rauch. Ohne jede Wirkung. Auf diese Art und Weise können wir die Situation nicht wirklich verbessern. Doch wie geht es anders?
Wie können wir Perle an Perle reihen zur Freude des Himmels?
Fragen wir uns: Was wollen wir wirklich? Welche Sehnsucht verbirgt sich hinter all unseren Vorwürfen, die wir erheben. Was ist das Wesentliche, das wir zu einem Ausdruck bringen wollen? Die Antwort ist einfach:
Wir wollen eine attraktive deutsche Sprache!
Ja, das ist unser Ziel! Und um dieses Ziel zu erreichen, erheben wir jetzt keiner Vorwürfe oder schreiben anderen vor, was sie zu tun, zu lassen oder zu ändern hätten. Denn dann kehren wir nur wieder den Mist hin und her. Stattdessen fangen wir bei uns selbst an und fragen uns:
Was macht für mich eine attraktive Sprache aus?
Da ist es hilfreich, Ausschau zu halten, was andere zu dem Thema gesagt haben:
Er sagt es klar und angenehm, was erstens, zweitens und drittens käm.
Wilhelm Busch
Wer was zu sagen hat, hat keine Eile.
Er lässt sich Zeit und sagt’s in einer Zeile.
Erich Kästner
Mach‘s Maul auf! Tritt fest auf! Hör bald auf!
Martin Luther
Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.
Arthur Schopenhauer
Um dich begreiflich zu machen, musst du zum Auge sprechen!
Gottfried Herder
Was macht für mich eine attraktive Sprache aus?
Ja diese Zitate mögen Anregungen geben, doch letztlich hat jeder für sich selbst eine eigene Antwort auf die Frage zu finden, was für ihn eine gute Sprache ausmacht. Dabei sind die Antworten bei jedem Menschen durchaus unterschiedlich. So legt der eine Wert auf eine klare, einfache, verständliche Sprache. Ein anderer legt Wert auf eine anschauliche, bildhafte Sprache. Dem nächsten ist es wichtig, möglichst präzise auf den Punkt zu kommen. Und wieder ein anderer möchte etwas auf eine humorvolle Art vermitteln. Und so weiter und so fort. Ganz nach der individuellen Vorliebe. Und es ist gerade diese Vielfalt, die unsere Sprache im Austausch interessant, attraktiv und lebendig macht.
Doch stets ist darauf zu achten, dass die Art, wie wir sprechen wollen, gut zu unserem Wesen passt, dass sie unseren zentralen Persönlichkeitseigenschaften entspricht. (siehe auch: Werde, der Du werden kannst) So mag es einem Menschen besonders liegen, etwas zu vermitteln, und dabei mag es ihm weniger gegeben sein, einen Streit zu schlichten oder eine Frage zu klären. Da ist es zweckmäßig, die eigene Sprache so auszurichten, dass sie die persönlichen Stärken zum Ausdruck bringt.
Die Entwicklung der eigenen Sprache
Und haben wir eine Antwort gefunden, was für uns eine attraktive Sprache ausmacht, dann haben wir eine Vorstellung zu entwickeln, wie wir dieses Ziel verwirklichen. Dafür stellen wir Fragen. Also wenn wir zum Beispiel das Ziel haben, möglichst klar zu sprechen, dann fragen wir uns: was macht eine klare Sprache überhaupt aus? Wie kann ich etwas klar ausdrücken? Wie kann ich etwas Unklares aufgreifen und klären? Und so weiter und so fort. Aus den Antworten ergibt sich eine Vorstellung, nach der wir unsere Sprache dann aktiv ausrichten.
Dabei haben wir bewusst darauf zu achten, dass unsere Sprache zu den verschiedenen täglichen Situationen und dem jeweiligen Gegenüber passt. Denn ein Handwerker spricht anders als ein Lehrer, ein Pastor oder ein Verkäufer. Und mit Kindern sprechen wir anders als mit unseren Freunden, Kollegen oder Kunden.
Fangen wir an, unsere Sprache nach unserer Vorstellung auszurichten, mag das zu Anfang noch gar nicht recht klappen. Denn wir haben zu lernen, wie wir unsere Sprache mehr und mehr vervollkommnen und immer leichter anwenden können. Dafür beobachten wir unsere Sprache in den täglichen Situationen ganz genau und stellen sie anschließend auf den Prüfstand. Wir fragen uns: wo habe ich noch etwas anzupassen? Wo ist noch etwas zu verbessern? Mit den Antworten formen wir unsere Sprache bewusst nach unserer eigenen Vorstellung. Mit der Zeit können wir unsere Art zu sprechen in den täglichen Situationen immer leichter und souveräner einbringen. Und gleichzeitig reift, klärt und konkretisiert sich unsere Vorstellung, wie wir sprechen möchten. Wir werden zu bewussten Gestaltern unserer Sprache. Und darüber hinaus wird unsere Sprache mehr und mehr zum Ausdruck unserer eigenen Persönlichkeit.
Die Vorstellung weist den Weg
Bei dem Vorgehen wollen wir nicht direkt etwas an der Ausgangssituation ändern oder uns an die äußeren Gegebenheiten anpassen. Stattdessen entwickeln wir eine Vorstellung, wie wir attraktiv sprechen wollen. Mit dieser Vorstellung entsteht eine Art innerer Wert, nach dem wir unsere Sprache ausrichten. So wird das Sprechen für uns einerseits zu einer Freude, und andererseits wird unsere Sprache immer angemessener, interessanter und erfolgreicher. Und das überträgt sich auf die Menschen in unserem Umfeld. Denn sie empfinden es als angenehm, als wohltuend und hilfreich, mit uns zu reden und uns zuzuhören. Gleichzeitig reift auch bei ihnen die Sehnsucht, selbst eine attraktive Sprache zu gebrauchen. Und so kann, von einigen Personen ausgehend, die Sprache insgesamt auf ein höheres, auf ein bewussteres Niveau gehoben werden.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in dem Schöpfen einer eigenen Vorstellung, wie wir reden wollen. Das ist durchaus ein langwieriger Prozess. Wir können es vergleichen mit einem Diamanten: als Rohdiamant macht der Stein nur wenig her, doch wenn wir anfangen, ihn zu schleifen, fängt der Diamant an zu strahlen, und sein Wert kommt immer mehr zum Ausdruck.

Fazit
In dem wir uns fragen: Was will ich wirklich?, eine eigene Antwort auf die Frage entwickeln und diese ins Leben bringen, werden wir zu bewussten Gestaltern in den täglichen Situationen. Auf dem Weg schöpfen wir unsere eigenen Werte, die uns die Richtung für unser Handeln im Miteinander vorgeben.
Jetzt können wir diesen Ansatz auf unsere Sprache anwenden. Er lässt sich aber auch auf andere Fragen des Lebens übertragen. So bringen wie die Worte der Chassidim ins Leben:
Wir reihen Perle an Perle zur Freude des Himmels!