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Ideen finden

Xanthippe: Sag Sokrates, wie finden wir eigentlich neue Ideen?

Sokrates: Das möchten doch alle Menschen. Ideen sind gefragt! Sie gelten als das Mittel, um unsere Zukunft zu gestalten, um für unsere drängenden Probleme gute Lösungen zu finden.

Xanthippe: Ja wir lechzen geradezu nach guten Ideen. Von ihnen hängt unsere Wettbewerbsfähigkeit, unser Wohlstand ab, von ihnen hängt ab, ob wir unser Zusammenleben erfolgreich gestalten können und ob unser Planet lebenswert bleibt.

Sokrates: Dabei stecken wir viel Hoffnung in die Ideen. Und da ist es natürlich eine zentrale Frage, wie wir Ideen finden, also ich meine gute Ideen, Ideen die wirklich etwas bewirken, die zu tragfähigen Lösungen führen.

Xanthippe: Und deshalb sprießen ja heute die Innovation Labs wie Pilze aus dem Boden. Überall werden Innovationsworkshops und Meetings veranstaltet, um gute Ideen zu finden.

Sokrates: Doch irgendwie beschleicht mich das dumpfe Gefühl: so was richtig Tolles kommt dabei nur selten rum.

Xanthippe: Genau! Da werden im Brainstorming viele Ideen gefunden und dann steht man hinterher vor der Frage: Was machen wir denn jetzt mit den ganzen Ideen? Denn die Ideen sind zu prüfen, ob sie für die Zwecke taugen, ob sie zu marktfähigen Produkten oder zu guten Lösungen führen.

Sokrates: Und dafür sind die Ideen zu konkretisieren, um zu einer guten Entscheidung zu kommen. Doch da verlieren wir uns allzu leicht in endlosen Diskussionen. Fortwährend wird das Für und Wider betrachtet, immer neue Argumente werden ins Feld geführt doch zu einer Entscheidung kann sich irgendwie keiner durchringen.

Xanthippe: Und dann verblassen die Ideen. Die Diskussionen verlaufen im Sande. Die Leute werden frustriert. Und schließlich landen die Ideen im Papierkorb.

Sokrates: Aber es geht auch anders! Kennst Du die Anekdote mit dem Archimedes:

Heureka!

Als Archimedes in die bis zum Rand gefüllte Badewanne stieg und das Wasser überfloss, hatte er einen Geistesblitz! Tage zuvor hatte er über der Aufgabe gebrütet, die der König ihm gestellt hatte: Wie lässt sich herausfinden, ob die Krone des Königs aus reinem Gold ist, oder ob minderwertige Metalle beigemischt wurden? Der König hatte Archimedes den Auftrag erteilt, diese Frage zu beantworten, ohne die Krone dabei zu zerstören. Jetzt in der Badewanne kam Archimedes die zündende Idee. Er bemerkte, wie sein eingetauchter Körper Wasser verdrängte, so dass die Wanne überfloss und da kam ihm die Lösung für seine quälende Frage: Die verdrängte Wassermenge eines eingetauchten Körpers entspricht der räumlichen Ausdehnung des Körpers! Vor Freude hüpfte Archimedes aus der Wanne und lief, so wie ihn der Herrgott geschaffen hatte, laut „Heureka!“ rufend – „Ich hab‘s gefunden!“ – zum König. Er tauchte die Krone des Königs in ein Gefäß mit Wasser, und prüfte, um wieviel der Wasserstand in dem Gefäß durch das Eintauchen anstieg. Dann führte er das Experiment mit einem Klumpen reinen Goldes aus, der das gleiche Gewicht wie die Krone hatte. Doch beim Eintauchen des Goldklumpens stieg der Wasserpegel weniger an. Folglich waren die Ausmaße des Goldklumpens kleiner, als die der Krone, und damit war der Beweis erbracht, dass die Krone nicht aus purem Gold sein konnte, sondern dass leichtere Metalle beigemischt waren. Seitdem lernt jeder Schüler das Prinzip des Archimedes im Physikunterricht.

Xanthippe: Schön und gut, da hatte der Archimedes einen tollen Einfall. Aber was kann ich damit anfangen? Wie komme ich zu guten Ideen?

Sokrates: Der wesentliche Unterschied zu den heutigen Ideenfindungen besteht darin, dass nicht gleich Ideen gesucht werden, die das Problem lösen können und die dann anschließend auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Stattdessen hat Archimedes erst einmal das Problem, die Frage sich genauer angeschaut und diese richtig auf den Punkt gebracht. Seine Energie steckte er in das Klären der Frage. Und hatte er die Frage auf den Punkt gebracht, dann kam ihm der Geistesblitz.

Xanthippe: Und der kam ihm in einem Moment, da er gar nicht an das Problem dachte. Wo er einfach nur entspannt baden wollte.

Sokrates: Ja genau. Das kenne ich zu gut. Mir kommen die besten Ideen auch unter der Dusche oder beim Joggen, immer dann, wenn ich an etwas ganz anderes Denke, wenn ich den Willen, eine Idee zu finden, ganz losgelassen habe.

Xanthippe: Und das erstaunliche ist: Archimedes stellte sich gar nicht die Frage, ob seine Idee richtig ist. Er hatte den Geistesblitz und wusste sofort: Das ist die Lösung! – ohne jedes prüfen, ohne jedes argumentieren.

Sokrates: Es war reine Intuition. Doch damit sich diese Intuition einstellt, ist vorher die Frage, das Problem oder der Bedarf in der Situation ganz klar auf den Punkt zu bringen. Das ist harte Arbeit. Wir haben die Situation zu erfassen und mehr und mehr zu hinterfragen und zu konkretisieren, bis wir die Frage klar auf den Punkt gebracht haben. Doch je besser dieser Arbeit im Vorfeld geleistet wird, umso mehr wird die Intuition aktiviert und umso eher fällt uns die Lösung ein.

Xanthippe: Nun bin ich aber kein Archimedes. Ich vergrabe mich nicht so in einer Fragestellung wie er und so ein richtiger Geistesblitz, also ehrlich gesagt, den hatte ich auch noch nicht.

Sokrates: Ja alleine solche Gedanken zu entwickeln ist schon eine schwierige Sache. Doch es geht auch im Miteinander, indem wir gemeinsam Schritt für Schritt vorgehen: also zuerst haben wir gemeinsam die Situation zu erfassen und uns die Frage zu stellen: was ist hier zu ändern? Was ist hier der Bedarf?

Xanthippe: Ah so! Diese Frage können wir zum Beispiel in einem guten Gespräch aufgreifen und gemeinsam zu einer Lösung bringen.

Sokrates: Ja und haben wir den Bedarf ermittelt, dann machen wir erst einmal Feierabend, dann geben wir unserer Intuition die Gelegenheit, sich frei zu entfalten. Dann schauen wir einfach, was für Ideen dabei entstehen.

Xanthippe: Doch wie gesagt, ich bin kein Genie, ich bin kein Archimedes. Mir kommen doch keine Geistesblitze.

Sokrates: Aber Ideen oder zumindest Ansätze für Ideen, die kommen Dir durchaus! Und diese Ideen sind dann wieder im Miteinander auszutauschen. Dabei wirken die eingebrachten Ideen wie ein Katalysator: sie heben uns heraus aus dem gewohnten Denken und öffnen einen Raum für Neues. Durch eine eingebrachte Idee werden die anderen Teilnehmer angeregt, sie finden selbst Ideen, die sich gemeinsam weiter entwickeln lassen, so dass eine Vorstellung entsteht, wie der Bedarf zu einer Lösung gebracht werden kann.

Xanthippe: Aha! So lässt sich gemeinsam eine gute Idee entwickeln. Und dazu können auch so ganz normal sterbliche Menschen wie ich beitragen.

Sokrates: Dabei können wir die Ideen mit Samenkörnern vergleichen, die sich zu Pflänzchen entwickeln, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen. Für unsere Ideen sind Fantasie und Neugier der beste ‚Boden‘. Wir malen sie gemeinsam zu lebendigen Vorstellungen aus, so dass sie anfangen zu keimen und zu wachsen.

Xanthippe: Doch wie die zarten Pflänzchen sind junge Ideen schutz- und pflegebedürftig.

Sokrates: Ja wir haben acht zu geben, dass wir die Ideen nicht zu früh bewerten, sie nicht zu früh kritisch auf ihre Tauglichkeit prüfen. Sondern wir haben für sie zuerst in unserer Fantasie eine Substanz auszubilden, bevor wir sie einer Eignungsprüfung unterziehen.

Xanthippe: Ein völlig anderer Ansatz der Ideenfindung geht auf den Volkswirt Joseph Alois Schumpeter zurück, der Innovation als schöpferische Zerstörung, als disruptives Denken und Querdenken betrachtet hat.

Sokrates: Bei diesem Ansatz machen wir uns unseren Reim auf die gegenwärtige Situation. Betrachten sie kritisch von allen Seiten, hinterfragen sie und suchen nach möglichen Ansätzen für Verbesserungen.

Xanthippe: Dabei entwickeln wir das Bestehende weiter. Oder wie Henry Ford es sagte: „Hätte ich die Leute gefragt, was sie sich wünschen, sie hätten schnellere Pferde verlangt, aber ein Auto wäre wohl nicht dabei herumgekommen.“

Sokrates: Genau. Eine wirkliche neue Lösung eines Problems ist immer etwas Überraschendes, etwas Unvorhergesehenes, abseits des Bestehenden. Eine Verbesserung ist leichter zu erreichen, sie baut auf dem Bestehenden auf.

Xanthippe: Dabei hat es jedoch durchaus seine Berechtigung, etwas zu verbessern. Denn das Neue ist am Anfang oft noch lange nicht ausgereift. Denk etwa an die Luftfahrt. Das hat eine lange Geschichte. Es brauchte die Idealisten, die Pioniere angefangen bei Ikarus, über Leonardo Da Vinci, den Schneider von Ulm, Otto Lilienthal, die Gebrüder Wright. Aber nach diesen Pionierleistungen war es noch ein weiter Weg des Verbesserns bis zum Airbus.

Sokrates: Es hat Hand in Hand zu gehen. Wir brauchen einerseits die Impulse für etwas wirklich Neues, etwas, das neue Perspektiven eröffnet und ebenso brauch wir das Weiterentwickeln, das Verbessern von dem Bestehenden.  

Xanthippe: Betrachte zum Beispiel das Smart Phone. Da hat es perfekt funktioniert. Steve Jobs hatte die Vision eines einfach zu bedienenden Handys ohne dieses friemelige Tippen auf den Tasten. Und auf der anderen Seite hatte er den Saumassel, dass die Technik bereits soweit fortgeschritten war, um seinen Traum Realität werden zu lassen: Es gab schon den Touch Screen und auch die leistungsfähigen Prozessoren und Speicherkarten für einen PC im Westentaschenformat. Er braucht die verschiedenen Techniken „nur noch“ zusammenzubringen.

Sokrates: Ja das ist ein schönes Beispiel, wie ein wirklicher Bedarf – also der Wunsch nach einem leicht bedienbaren Handy – zu einem erfolgreichen Produkt wurde.

Xanthippe: Und dabei war der Schumpeter auch Pate. Denn der Ausgangspunkt von Steve Jobs war nun nicht eine völlig neue Idee aus heiterem Himmel. Es war wohl die Unzufriedenheit mit den bestehenden Handys, die ihn zu seiner Idee gebracht hat.

Sokrates: Bei guten Innovationen steht immer der Bedarf an erster Stelle! – sei es das intuitive Handy, sei es die Sehnsucht zu fliegen. Für den Bedarf suchen wir eine gute Lösung.

Xanthippe: Genauso wie Archimedes. Er hatte auch einen klaren Bedarf, eine klare Frage für die er eine Lösung suchte.

Sokrates: Ja es ist im Grunde egal, ob wir etwas völlig Neues entdecken oder ob wir etwas Bestehendes verbessern wollen. Der Bedarf sollte immer an erster Stelle stehen. Sonst wird die ganze Ideenfindung leicht zu einer Art Aktivismus. Dann werden durchaus viele Ideen gefunden, doch für jede Idee ist anschließend zu schauen, ob es für die Ideen wirklich einen Bedarf gibt.

Xanthippe: Ja das ist oft in der Technik so. Da gibt es eine technische Weiterentwicklung oder Neuerung und dann wird anschließend die Frage gestellt: Was können wir jetzt damit anstellen? Wofür ist das gut?

Sokrates: Und dann beginnt häufig eine mühsame und langwierige Prüfung der Idee und die Suche nach dem Bedarf und den Einsatzmöglichkeiten.

Xanthippe: Gehen wir hingegen vom Bedarf aus, dann wird auch das Prüfen der Ideen einfach: erfüllen sie den Bedarf oder erfüllen sie ihn nicht? Der Bedarf gibt uns ein klares Entscheidungskriterium.

Sokrates: Und haben wir eine gute Idee gefunden, dann bildet der Bedarf auch den führenden Maßstab, um die Idee weiter zu einer tragfähigen Lösung zu entwickeln.

Xanthippe: Wichtig ist dabei, dass nicht nur wir als Ideenfinder den Bedarf haben. Je mehr Menschen den Bedarf teilen, je mehr Menschen dieselbe Sehnsucht haben wie wir, umso mehr wird die Idee willkommen geheißen und zum Erfolg.

Sokrates: Ja der Bedarf ist die treibende Kraft, die den Weg zu wirksamen Neuerungen ebnet!

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