Von Truman Capote stammt der Spruch:“ Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch tätig zu sein. Nur merken es die meisten nie.“ Jetzt möchten Sie natürlich wissen, wie wir Menschen schöpferisch tätig sein können. Leider hat es uns der Truman Capote nicht verraten. Also lesen Sie diesen Text, in dem ich Ihnen einen möglichen Ansatz vorstelle.
Ich werde häufiger gefragt: „Wie kommst Du eigentlich zu den Ideen für Deine Texte? Was ist die Quelle Deiner schöpferischen Kraft?“
Es ist die Sehnsucht, mein Ideal immer weiter zu klären und gleichzeitig immer anschaulicher und einfacher zu vermitteln:

Dabei treibt mich die Frage nach dem Warum an. Ich gebe mich also nicht so leicht mit etwas zufrieden. Ich hinterfrage es weiter, um es mehr und mehr zu ergründen. Prüfe, schaue von rechts, schaue von links und mit einem gewissen detektivischen Spürsinn finde ich immer wieder etwas, das noch nicht so recht passt, das noch weiter zu klären ist. Es ist eine gewisse Unzufriedenheit, die mich motiviert und immer weiter machen lässt.
Und habe ich eine Frage aufgespürt, so ist dafür eine Antwort zu entwickeln. Und die Antwort bildet dann die Grundlage für einen neuen Text, der hoffentlich klar und anschaulich ist und vielleicht auch noch etwas verschmitzt. Ja: klar, anschaulich und verschmitzt sollen meine Texte sein. Denn es gilt, nicht nur die Antwort, also den reinen Sachverhalt zu vermitteln. Es braucht geeignete Beispiele, Geschichten und Bilder, um die Sache in die Anschauung zu bringen. Und das Sahnehäubchen ist es, wenn mir noch irgendwie etwas Heiteres dazu einfällt.
Doch damit so ein Text gut lesbar wird, braucht es auch das nötige schriftstellerische Handwerkszeug. Ich hatte zu lernen, wie ein Text aufzubauen ist, wie die Sprache zu gebrauchen ist, damit ein Inhalt klar und anschaulich vermittelt werden kann. Und natürlich muss man die Rechtschreibung beherrschen, die Grammatik und die leidige Orthografie.
Es ist die Frage nach dem Warum?, die mich antreibt, immer wieder neue Fragen zu finden, die ich dann beantworte und dazu einen Text schreibe. Und das macht den Kern meines Wesens aus: mit Fragen einer Sache auf den Grund zu gehen und dazu Antworten zu schöpfen, die ich in Texten möglichst klar, anschaulich und verschmitzt darstelle. So werde ich schöpferisch tätig.
Jeder kann schöpferisch werden
Doch dieser Ansatz funktioniert nicht nur bei mir. Im Grunde kann ihn jeder für sich aufgreifen. Jeder Mensch kann schöpferisch werden. Dafür haben wir uns unseres Wesenskerns bewusst zu werden. Wir haben herauszufinden, was unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft ist und diese zum Maßstab in unserem Leben zu erheben. (siehe auch: Erkenne Dich selbst!) Und dann brauchen wir eine Aufgabe, mit der wir unser Wesen zu einem Ausdruck bringen.
Denn wenn wir wissen, was uns als Person ausmacht, dann wissen wir auch, was wir wollen. Dann können wir eine passende Aufgabe aufgreifen und uns die Frage stellen: Wie möchte ich diese Aufgabe nach meiner Vorstellung gestalten? Dabei will der eine etwas vermitteln. Der nächste will etwas machen oder tun. Und ein dritter möchte eingehend die Situation betrachten. Und so weiter. Ganz nach der individuellen Veranlagung.
Betrachten wir ein Beispiel: einen Gärtner
Der Gärtner ist in seinem Element, wenn er in seinem Garten etwas machen und tun kann. Sobald die Schneeglöckchen blühen juckt es ihm in den Fingern. Der Garten ruft. Überall gibt es etwas zu tun, überall gibt es etwas zu machen. Doch zuvor schaut der Gärtner seinen Garten mit einem prüfenden Blick an:
Dabei gibt es immer etwas Neues zu entdecken: Die Krokusse sprießen, die Weide schlägt aus, die Bienen sammeln den Nektar, …. Doch es gibt auch immer etwas zum Ärgern: die Schnecken haben schon wieder den Salat weggefressen, in dem trockenen Sommer verkümmern die Pflanzen….
Ja im Garten gibt es immer einen Grund zur Freude sowie auch zum Ärger. Und das animiert den Gärtner. Er fragt sich: Was will ich in meinen Garten neu gestalten? Er erwägt dies, er erwägt das, bis er sich schließlich zu einer Lösung durchringt und zur Tat schreitet. Daneben beschäftigen ihn die ganz alltäglichen Aufgaben. Mit kritischem Blick fragt er sich: Was gibt es hier zu tun? Das Unkraut ist zu jäten, der Rasen will gemäht sein, die Rosen zurückgeschnitten, die Sommerblüher ausgesät. Und so weiter und so fort. Ja, ein Gärtner hat immer was zu tun. Ein Garten ist nie fertig.
Durch das Beobachten tritt der Gärtner in eine Beziehung mit seinem Garten, und danach richtet er sein Handeln aus. So geht es vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst. Und im Winter wird geplant, was in der nächsten Gartensaison neu zu gestalten ist. Dabei ist die Sehnsucht nach einem schönen Garten die treibende Kraft. Mit dieser Sehnsucht betrachtet der Gärtner seinen Garten und findet immer wieder neue Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Und mit seinem Tatendrang, gepaart mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen, verrichtet er die Arbeiten sorgfältig und mit Hingabe. (Jetzt mag ein anderer Gärtner andere Eigenschaften haben, mit denen er seine Arbeit erledigt. Ganz nach der individuellen Veranlagung.)
Ist eine Aufgabe vollbracht, dann schaut der Gärtner sich sein Werk an. Dabei erfüllt ihn eine Freude, über das, was er geschaffen hat. Doch das hält meistens nicht lange an. Denn sogleich prüft der Gärtner sein Werk. Er fragt sich: Wo gibt es hier noch etwas zu tun? Er findet etwas, es packt ihn eine innere Unruhe und schon krautet er munter weiter.
Der Wesenskern des Gärtners ist die Aktivität, die er mit seinem Tatendrang, seiner Sorgfalt und Hingabe zum Ausdruck bringt. Mit diesen Eigenschaften erledigt der Gärtner die Aufgaben und bringt dabei seine Kenntnisse und Erfahrungen ein, so dass die Arbeit für ihn zu einer Freude wird und es im Garten blüht und gedeiht. So wird der Gärtner schöpferisch.
Geben und Nehmen
Wir können schöpferisch werden, indem wir eine Aufgabe aufgreifen und sie bewusst nach unserer prägenden Persönlichkeitseigenschaft gestalten. Dabei leisten wir einen aktiven Beitrag. Wir bringen etwas in die Situation ein, wir geben etwas, das unserem Wesen entspricht.
Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir von der Situation etwas haben wollen, dass wir etwas nehmen. Dann lassen wir uns von dem Resultat leiten, dass wir mit unserem Tun erreichen möchten. Das Tun wird zum Mittel und Zweck, um das Resultat zu bekommen.
Doch wie passt dieses Nehmen und Geben zusammen? Denn wir Menschen wollen beides. Wir sind bereit, etwas zu geben, wenn wir dafür auch etwas bekommen. Denn wer nur gibt, fließt leicht aus. Und wer nur nimmt, wird egoistisch und einsam.
Betrachten wir noch einmal den Gärtner. Er ist sich seines Wesens bewusst. Er möchte machen, er möchte tun. Seinen Tatendrang bringt er durch seine Arbeit zum Ausdruck. Und im Garten findet er dafür reichlich Gelegenheit. Dabei verfolgt er mit seiner Tätigkeit ein konkretes Ziel. Er möchte etwas erreichen: nämlich einen schönen Garten, in dem es wächst, blüht und gedeiht.
So kommen das Nehmen und das Geben konstruktiv zusammen. Dabei ist unsere Art zu geben durch unser Sein bestimmt, durch unseren Wesenskern, durch das, was uns als Persönlichkeit ausmacht, durch unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft. Und jetzt brauchen wir eine passende Aufgabe, in der wir unser Wesen zum Ausdruck bringen. Die Aufgabe gibt uns ein Ziel, das für uns attraktiv ist, das wir erreichen wollen, uns motiviert und nach dem wir unser Handeln ausrichten.
Fazit
In dem konstruktiven Zusammenspiel unseres Wesens und der gestellten Aufgabe werden wir schöpferisch. Dabei ist für uns einmal das Machen selbst sinnvoll. Die schöpferische Tätigkeit erfüllt uns mit Freude und Genugtuung. Und darüber hinaus gestalten wir die täglichen Situationen, so dass sie unserem Leben Sinn und Fülle geben.
Zur weiteren Lektüre:
Für eine ausführliche Beschreibung des Ansatzes siehe auch: Der Sinn des Lebens
Zum methodischen Vorgehen siehe auch: Schöpferisches Sein
