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Miteinander ein Bild schöpfen

Innere Bilder richten unser Leben aus. Es ist die Vorstellung, wie wir etwas verwirklichen wollen, die unserem Denken, Fühlen und Handeln einen übergeordneten Sinn verleiht. Das trifft einmal für jeden Menschen ganz individuell zu, indem wir ein Bild für unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft entwickeln. Es gilt aber auch im Miteinander, indem wir gemeinsam in einer konkreten Situation ein Bild schöpfen, wie wir die Situation gestalten wollen. Betrachten wir dazu ein Märchen, das Sie sicher kennen:

Die Bremer Stadtmusikanten

Als ein Esel, dessen Kräfte zu Ende gingen, merkte, dass sein Herr ihn loswerden wollte, fasste er einen Entschluss und machte sich auf den Weg nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden. Auf dem Weg gesellte sich ein alter Hund zu ihm, der für die Jagd zu schwach war, eine Katze, die lieber auf dem Ofen lag, anstatt die Mäuse zu jagen sowie ein alter Hahn, der aus Leibeskräften schrie, um nicht in der Suppe zu landen. Den Tieren, so unterschiedlich sie auch waren, gefiel der Gedanke, eine Combo zu gründen und in Bremen Stadtmusikanten zu werden.

Der Weg führte sie durch einen Wald zu einem Haus. Als die Spielleute durch das Fenster schauten, sahen sie einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, an dem Räuber saßen, die es sich wohl sein ließen. „Ja das wäre was!“, sprachen die Tiere. So beratschlagten sie, wie es denn anzustellen sei, die Räuber zu vertreiben.

Schließlich hatten sie ihre Lösung: der Esel stellte sich mit seinen Vorderfüßen auf die Fensterbank, der Hund auf des Esels Rücken, die Katze auf den Hund und der Hahn flog hinauf auf den Kopf der Katze. Und auf ein Zeichen, fingen sie an, Musik zu machen. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Schauderhaft. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube. Die Scheiben zerbrachen. Es gab einen mächtigen Krach. Die Räuber fuhren erschrocken in die Höhe und flohen in großer Furcht in den Wald. Die Musikanten jedoch setzten sich an den Tisch und aßen, was übriggeblieben war.

Als sie fertig waren, löschten sie das Licht und suchten sich eine Schlafstätte. Jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legt sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd und der Hahn auf den Hahnenbalken. Da sie müde waren, von ihrem langen Weg, schliefen die Tiere bald ein.

Als Die Räuber merkten, dass in dem Haus kein Licht mehr brannte, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht so leicht ins Boxhorn jagen lassen sollen.“ und ließ einen hingehen, um nach dem Rechten zu schauen. Der Entsandte fand alles still. Er ging in das Haus und wollte in der Küche ein Licht anzünden. So hielt er ein Schwefelhölzchen an die leuchtenden Augen der Katze, die er für glühende Kohlen hielt. Doch die Katze verstand keinen Spaß. Sie sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Haustür hinaus. Doch da lag der Hund, der den Räuber ins Bein biss. Und als er über den Hof rannte, gab ihm der Esel noch einen kräftigen Tritt mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber rief von seinem Balken herab ein kräftiges „Kikeriki“.

Da lief der Räuber, was er laufen konnte und sprach zum Hauptmann: „Ach in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt. Vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: „Bringt mir den Schelm her!“ Da machte ich, dass ich fortkam.“

Von da an trauten sich die Räuber nicht mehr in ihr Haus. Den vier Musikanten gefiel es aber sehr wohl darin. So blieben sie. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute in dem Haus.

Frei erzählt nach dem Märchen: Die Bremer Stadtmusikanten von den Gebrüdern Grimm

(Grimms Märchen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 2007)

Nehmen wir das Märchen unter die Lupe:

Die Hauptfiguren der Geschichte sind die vier Tiere – der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn. Sie sind alt, für die täglichen Aufgaben nicht mehr so recht zu gebrauchen. Jedes der Tiere fürchtet auf seine Art um das Leben. Da gefällt ihnen der Gedanke, gemeinsam eine Combo zu gründen. Das ist natürlich für alle etwas Neues und bedeutet für jeden eine deutliche Veränderung. Doch sie sind dazu bereit und lassen sich darauf ein. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Bremen.

Doch der Weg nach Bremen ist weit und anstrengend. Als sie des Abends in dem Wald das Haus mit dem gedeckten Tisch und den Räubern sehen, merken sie, was für einen Hunger sie haben. Außerdem gefällt ihnen das Haus. Sie beschließen, die Räuber zu vertreiben. Gemeinsam entwickeln sie eine Vorstellung, wie sie dieses Ziel erreichen können.

Dabei ziehen die vier Tiere an einem Strang. Alle wollen sie die Räuber vertreiben. Und jeder bringt sich dafür mit seinen eigenen Möglichkeiten und Vorstellungen ein. Schließlich haben sie ihre Lösung gefunden. Gemeinsam machen sie ihre Musik. Jeder auf seine Art. Der Esel schreit. Der Hund bellt. Die Katze miaut. Der Hahn kräht. Dann brechen sie gemeinsam durch das Fenster ein und vertreiben die Räuber. Und nach dem Essen zieht sich jedes der Tiere zum Schlafen zurück, jedes nach seiner Natur und Bequemlichkeit.

Als der eine Räuber zurückkommt, um die Lage zu prüfen, sind sich die Tiere wieder einig, ihn zu vertreiben. Und wieder macht das jeder nach seiner Art: die Katze kratzt, der Hund beißt, der Esel tritt und der Hahn kräht. Gemeinsam schlagen sie den Räuber in die Flucht.

Nach diesem Ziel richten sich die Tiere aus. Sie schöpfen gemeinsam eine Vorstellung, wie sie die Räuber vertreiben können. Dabei werden sie offen für die Meinungen und Ansichten der anderen Tiere. Und zugleich werden sie bereit, Zugeständnisse und Anpassungen an ihren eigenen Vorstellungen hinzunehmen. Denn das Verwirklichen des gemeinsamen Ziels ist ihnen wichtiger, als das Durchsetzen der eigenen Positionen. Dabei ergänzen sich die einzelnen Vorstellungen, der Austausch inspiriert und es werden neue Ideen gefunden, die weiter zu einem attraktiven Bild entwickelt werden. In einem konstruktiven Miteinander entstehen Lösungen, die mehr sind als die Summe der einzelnen Beiträge.

Sind Sie neugierig geworden? Sie möchten, ähnlich wie die Bremer Stadtmusikanten, in einem gelingenden Miteinander die Frage und Aufgaben des Alltags meistern? Dann finden Sie in dem Text: Werde, der Du werden kannst eine Methode, wie Sie ihrer prägenden Persönlichkeitseigenschaft auf die Schliche kommen und sie zu einem Ausdruck bringen können. Und in dem Text: Vielfalt im Einklang erfahren Sie, wie unterschiedlich geprägte Menschen konstruktiv zusammenwirken können.