Site Overlay

Übung macht den Meister

Leben heißt lernen. Als Kleinkind lernen wir laufen und sprechen. Weiter werden wir erzogen, damit wir uns gut ins Miteinander einfügen. In der Schule lernen wir lesen, schreiben und rechnen. Und nach der Schule haben wir unseren Beruf zu erlernen, und wie wir unser Leben erfolgreich meistern können. Ja das Lernen, das Anpassen an die verschiedenen täglichen Situationen, begleitet uns das gesamte Leben.

Als Kinder lernen wir mit Freude, es fällt uns leicht und erscheint ganz selbstverständlich. Doch mit den Jahren fällt uns das Lernen immer schwerer. Immer mehr treten die Gewohnheiten in den Vordergrund und wir betrachten das Neue, das Ungewohnte mit Skepsis und Vorbehalt. Bis wir dann schließlich das Lernen ganz sein lassen und nur noch im Gewohnten leben. Dann sind wir alt.

Doch es stellt sich die Frage: wie können wir erfolgreich lernen, so dass es für uns eine Freude ist? Dass uns das Erlernte nutzt und nicht als ein lästiger Ballast erscheint? Dass wir einen Sinn in dem Lernen sehen, so dass es unser Leben bereichert? Betrachten wir ein konkretes Beispiel:

Das Klarinettenspielen

Im Alter von 40 Jahren hatte ich mich entschlossen, Klarinette zu lernen. Voll motiviert kaufte ich mir ein Instrument und fing mit großem Eifer an, mir selbst das Klarinettenspiel beizubringen. Nun ja. Schon bald merkte ich: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Ich bekam keinen anständigen Ton aus dem Instrument heraus, wusste nicht wie ich Atmen sollte, wie ich die Töne richtig greifen sollte und erst recht nicht, wie ich ein Stück schön spielen könnte. Kurz gesagt: ich hatte keine Ahnung, wie man Klarinette spielt und wie man richtig übt. Und mein Eifer stand dem erfolgreichen Klarinettenspiel auch total im Wege. Denn das Klarinettenspielen ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Und dieses Können hatte ich zu erlernen. Und so machte ich mich auf die Suche nach einem Klarinettenlehrer.

Erste Schritte

Und mit der Birgit Flämig fand ich eine prima Lehrerin. Ich weiß noch, wie ich voller Erwartung zu der ersten Unterrichtsstunde kam, und ich noch irgendwie stolz darauf war, was ich mir selbst so alles beigebracht hatte. Und ich war durchaus enttäuscht, was da in der ersten Stunde ablief. Denn die Klarinette wurde gar nicht angefasst. Stattdessen ging es um die Fragen: Wie stehe ich da eigentlich? Wie atme ich ein? Wie puste ich die Luft aus? Tja, darüber hatte ich mir vorher noch gar keine Gedanken gemacht.

In der nächsten Stunde wurde das Instrument in die Hand genommen. Und auch hier wurden nicht gleich munter die Stücke gespielt. Sondern es ging erstmal darum: wie halte ich die Klarinette? Wie setze ich sie an, so dass eine Resonanz entsteht und der Ton frei klingen kann? Und dabei genügte erst einmal ein Ton. Einen Ton anstimmen, aushalten und erklingen lassen.

Und erst als das so einigermaßen klappte, fingen wir an, die einzelnen Töne zu greifen und erste kleine Stücke zu spielen. Mit der Zeit kamen dann immer weitere Töne dazu. Und parallel dazu wurde immer weiter geübt, die einzelnen Töne anzustimmen und auszuhalten. Gleichzeitig entwickelte ich die Atmung, die Fingerfertigkeit sowie den musikalischen Ausdruck.

Dabei wollte ich zu Anfang immer nur Stücke spielen. Das erschien mir der Sinn des Klarinettenspiels zu sein. Doch auch hier wurde ich ausgebremst. Denn die musikalische Entwicklung erfolgt maßgeblich in den Etüden, in denen der Ton, die Technik und der musikalische Ausdruck systematisch entwickelt wird. Parallel dazu kommen dann die Stücke, sozusagen als Sahnehäubchen. Und mit der Zeit wurden die Etüden sowie auch die Stücke immer anspruchsvoller.

Spielen, was auf dem Blatt steht

Nach 4 Jahren übernahm Birgits Mann den Klarinettenunterricht, der Peter. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie er mir das erste Mal eine Etüde vorspielte, an der ich mich bereits eine ganze Weile versucht hatte. Wow! Das gibt’s doch nicht. Er spielte genau das, was auf dem Blatt stand! Das hatte ich vorher noch nicht erlebt.

Schlagartig wurde mir klar, dass all meine Vorstellungen, wie ich meinte, dass ein Stück zu spielen sei, mich in die falsche Richtung führten. Es geht gar nicht darum, was ich meine, wie ein Stück zu spielen ist. Sondern es geht darum, das Stück möglichst originalgetreu wiederzugeben. Also das zu spielen, was in den Noten steht, was sich der Komponist gedacht hat.

Jetzt mögen Sie sagen: das ist doch ganz selbstverständlich. Nein ist es nicht! Denn allzu oft versperren uns die eigenen Vorstellungen und Gewohnheiten dabei den Weg. Um gut Klarinette zu spielen, müssen die eigenen störenden Vorstellungen weg. Doch wie erreichen wir das? Es braucht eine Vorstellung, wie das Stück wirklich zu spielen ist! Dafür fragen wir uns: was ist der Charakter des Stücks? Wie ist der Rhythmus? Wie sind die einzelnen Passagen zu spielen? Wie fügen sich die Passagen zu etwas Gesamten?

Und haben wir dafür ein gutes Bild entwickelt, dann gibt es dem gesamten Üben eine Richtung vor, gibt ihm ein Ziel, einen Sinn. Dabei schaue ich: wie spiele ich das Stück mit einem guten Ton? Wie ist das mit der Technik? Wie kommt Musik in die Noten? So werden die Grundlagen des Klarinettenspiels angewandt und zum Ausdruck gebracht, um den wahren Charakter eines Stückes zum Klingen zu bringen.

Und dabei treten meine eigenen, störenden Vorstellungen immer mehr in den Hintergrund und ich kann sie loslassen. Schließlich kann ich das Stück so spielen, wie es sich der Komponist gedacht hat. Es ist ähnlich wie bei einem Steinmetz, der ein Bild von der Skulptur im Kopfe hat und dann mit Hammer und Meißel all das störende Gestein weghaut.

Die Vorstellung weist den Weg

Jetzt sagt sich das so leicht. Doch für ein Stück eine klare Vorstellung entwickeln zu können, und diese zu einem musikalischen Ausdruck zu bringen, erfordert eine lange Übung. Dabei lässt sich der Ansatz auf die verschiedenen Aspekte des Klarinettenspiels anwenden: beim Aushalten der Töne, beim Spielen von Tonleitern und Dreiklängen und ebenso in den Etüden und Stücken. Stets können wir uns fragen: was ist der Charakter, was ist der Ausdruck, der bei dem Spiel zur Geltung kommen soll? Und diese Vorstellung ist aufzugreifen und mit der Klarinette möglichst gut zum Klingen zu bringen.

Mit dieser Einstellung spielte ich nicht mehr mechanisch die einzelnen Noten. Stattdessen fügen sie sich in einen Zusammenhang. Es entsteht ein Sinn, den ich aufgreife und daran mein Üben ausrichte. Mit dieser Einstellung wurde ich beim Klarinettenspielen zum aktiven Gestalter. Denn von der Vorstellung ausgehend, kann ich jetzt die Stücke täglich wie neu spielen, ohne in die Routine des mechanischen Wiederholens zu verfallen.

Dabei gelingt das Spielen immer besser. Die Grundlagen des Klarinettenspiels werden immer geläufiger: der Ton, die Technik und der musikalische Ausdruck. Und auch das Spielen der Stücke wird immer leichter – egal ob Klassik, Jazz, Klezmer oder was auch immer. So wird das Üben zu einer täglichen Freude.

Sie fragen sich: wo ist denn da das Individuelle? Wird man mit diesem Ansatz nicht nur ein gefügiges Mittel, um ein Stück zu einem guten Ausdruck zu bringen? Nun, das Individuelle liegt in der Art, wie die Grundlagen des Klarinettenspiels beim Spielen zu einem Ausdruck gebracht werden. Wie der Ton geformt, die Technik beherrscht und wie beides zusammengebracht wird, um den musikalischen Ausdruck zu gestalten. Etwa legt der eine Klarinettenspieler besonderen Wert darauf, möglichst präzise und exakt zu spielen, ein andere legt Wert auf die freudige Leichtigkeit, mit der er ein Stück erstrahlen lässt, und wieder ein anderer achtet besonders auf das schöne, auf das harmonische Spiel. So wird das Klarinettenspiel zum Ausdruck der Persönlichkeit. Es entsteht ein eigener Stil, der den Klarinettisten in seinem Spiel prägt.

Eine Vorstellung ins Leben bringen

Dieser Ansatz kann jetzt nicht nur auf das Klarinettenspiel angewandt werden, sondern lässt sich übertragen auf andere Situationen: etwa auf das Erlernen anderer Musikinstrumente, auf das Erlernen eines Berufes, auf das Tennis- oder Golfspielen oder auch auf die Entwicklung unserer Persönlichkeitseigenschaften (siehe auch: Werde, der Du werden kannst).

Zusammengefasst können wir sagen:

Indem wir bei einer Aufgabe das Wesentliche, das Grundlegende aufgreifen
und eine klare Vorstellung entwickeln, wie wir dies in den Situationen
zu einem attraktiven, tragfähigen und angemessenen Ausdruck bringen,
werden wir zu bewussten Gestaltern unseres Lebens.

Bei dem Vorgehen kommen folgende Persönlichkeitseigenschaften zum Einsatz:

  • Die Bereitschaft, die Grundlagen einer Sache aufzugreifen und systematisch zu entwickeln. Also beim Klarinettenspielen: den Ton, die Technik, den Ausdruck.
  • Die Entwicklung eines klaren Vorstellungsbildes, das wir in einer Situation in die Realität bringen wollen. Also beim Klarinettenspiel, den Charakter eines Stückes herauszuarbeiten.
  • Die Grundlagen im Üben aufzugreifen, um diese Vorstellung immer besser zu verwirklichen.
  • Die Bereitschaft und die Hingabe, eine Frage oder ein Thema immer wieder unvoreingenommen, wie neu zu betrachten.
  • Die Freude an den kleinen Erfolgen, die uns anspornt, immer weiter zu üben.
  • Denn das Üben endet nie. Es ist eine Lebenseinstellung.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude und Erfolg beim Üben!

Danke

An dieser Stelle möchte ich mich bei Birgit und Peter Flämig bedanken, die mir so wunderbar das Klarinettenspiel beigebracht haben. Außerdem gilt der Dank meiner Frau Astrid, da sie seit Jahren mein tägliches Üben mit Gelassenheit toleriert.