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Mut zur Veränderung

Es ist doch verzwickt. Allzu häufig sind wir unzufrieden mit unserer aktuellen Situation und sehnen uns nach einer Veränderung. Doch nur selten können wir uns wirklich aufraffen, etwas Neues, etwas Anderes in unserem Leben zuzulassen. Stattdessen arrangieren wir uns mit den Situationen. Wir zucken die Achseln und sagen: „Es ist halt so, wie es ist.“ Gleichzeitig schimpfen wir wie ein Rohrspatz über Gott und die Welt. Und außerdem wissen wir oft ganz genau, was Hinz und Kunz alles zu tun und zu lassen hätten. Nur bei uns selbst etwas zu verändern, das kommt uns nicht so leicht in den Sinn.

Der Psychiater Eric Berne fand dafür ein drastisches Bild: Stellen Sie sich vor, Sie stehen bis zum Hals in einer Jauchegrube. Und jetzt kommt jemand, der die Hand ausstreckt und Sie fragt: „Was wollen Sie?“ Doch was ist die Antwort? „Ach bitte, sorgen Sie dafür, dass es keine Wellen gibt.“ Der Mensch will gar nicht heraus aus dem Mist und das Bestehende verändern. Auf keinem Fall! Stattdessen möchte er nur, dass die Situation für ihn nicht schlimmer wird, dass es keine Wellen gibt und ihm die Jauche nicht ins Gesicht schwappt.

Wie können wir die Bereitschaft zur Veränderung wecken?

Wie werden wir bereit, aktiv zu werden? Wir werden nur bereit zur Veränderung, wenn wir damit etwas verwirklichen, das wir wirklich wollen. Etwas, das eine tiefe innere Sehnsucht in uns anspricht. Und erst, wenn wir diese Sehnsucht als ein tiefes inneres Verlangen spüren, dann können wir uns Schritt für Schritt auf den Weg machen, um unsere Situation tatsächlich zu verändern. Die Sehnsucht weckt die Bereitschaft zur Veränderung.

Doch was ist der Ursprung unserer inneren Sehnsüchte? Es ist das Wesentliche unseres Menschseins, die zugrunde liegenden universellen Gesetzmäßigkeiten, die in uns als innere oder seelische Bedürfnisse zum Ausdruck drängen (siehe auch: Die seelischen Bedürfnisse). Die seelischen Bedürfnisse sind unser inneres Potential, das Lied, das in uns schläft und zum Klingen gebracht werden möchte. Dabei gibt es für uns Menschen jeweils ein Bedürfnis, das dominiert. Den Wesenskern, der unser Verhalten, unsere Persönlichkeitseigenschaften maßgeblich prägt.

Doch unseren Wesenskern aufzuspüren, ist gar nicht so einfach. Denn er ist überschattet durch all unsere Annahmen und Vorstellungen, wie wir meinen, dass unser Leben zu führen sei. So kommt der Wesenskern häufig gar nicht zu einem freien Ausdruck. Und fragen wir uns selbst: was ist unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft, so können wir diese meistens gar nicht benennen. Denn wir nehmen diese Eigenschaft häufig als etwas ganz Selbstverständliches hin, etwas das gar keine besondere Beachtung verdient.

Es braucht einen Stups von außen

Doch wenn wir dann einem Menschen etwa sagen: „Deine Zuverlässigkeit, mit der Du Deine täglichen Aufgaben erledigst, ist Deine zentrale Eigenschaft.“ Dann mag das zwar durchaus stimmen, doch von der Person wird es allzu leicht mit Füßen getreten: „Ach meine Zuverlässigkeit, das soll meine prägende Persönlichkeitseigenschaft sein? Die ist doch nur lästig. Alle wenden sie sich mit ihren Aufgaben und Fragen an mich. Alle wollen meine Unterstützung. Ich fühle mich wie ausgesaugt. Meine Zuverlässigkeit, das ist doch der letzte Mist!“

So kann ein wohlgemeinter Stups ganz schnell nach hinten losgehen. Doch wie geht es anders? Wir haben die Menschen dazu zu bringen, ihren Wesenskern selbst zu erkennen und sich der damit verbundenen Sehnsucht bewusst zu werden. Und das können wir durch geschickte Fragen erreichen. Dafür betrachten wir die Person im Vorfeld sehr genau. Erkennen durchaus, dass die Aktivität ihre prägende Eigenschaft ist. Und fragen dann: Wie erledigen Sie ihre Aufgaben? Welche Persönlichkeitseigenschaften kommen dabei zu einem Ausdruck? Und in einem guten Gespräch schöpfen wir gemeinsam die passende Antwort. Gemeinsam kommen wir zu dem Punkt, dass in diesem Fall das zuverlässige Erledigen der Aufgaben die zentrale Persönlichkeitseigenschaft ist. (siehe auch: Der Dreh)

Doch Halt! Wird die Zuverlässigkeit dann nicht immer noch als ein lästiger Mist empfunden? Ja wir haben in dem Gespräch herauszuarbeiten, dass Zuverlässigkeit ein hohes Gut, eine großartige Eigenschaft ist. Denn wenn wir zuverlässig sind, dann können sich andere Menschen auf uns verlassen. Dann erledigen wir die Aufgaben so, dass es für uns selbst passt sowie für die gesamte Situation und die beteiligten Menschen. Dabei entsteht eine gewisse verbindende Ordnung. Alles bekommt seinen Platz. Und das fühlt gut an. So kommen wir zu der Erkenntnis, dass nicht die Zuverlässigkeit selbst der Mist ist, der uns das Leben schwer macht, sondern dass es die Art und Weise ist, wie wir bisher unsere Zuverlässigkeit im Leben zum Ausdruck gebracht haben.

Wir haben die Art zu ändern, wie wir unseren Wesenskern zum Ausdruck bringen

Dafür fragen wir: Wie wollen Sie die Zuverlässigkeit bei Ihren Aufgaben zu einem angemessenen Ausdruck bringen? Und weiter: Wie wollen Sie mit den Anforderungen der anderen Personen umgehen können, so dass Sie sich dabei gut fühlen und dass es zugleich für die Situation passt? Welche Aufgaben übernehmen Sie bereitwillig? Nach welchem Kriterium arbeiten Sie die Aufgaben ab? Wie grenze Sie sich ab, damit die Arbeit nicht zu viel wird? Wie sagen Sie Nein, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Und so weiter und so fort.

In dem Gespräch entwickeln wir die Antworten zu den Fragen. Dabei entsteht eine Vorstellung, wie die Person ihren Wesenskern zu einem Ausdruck bringen will. Und danach richtet sie ihr Handeln aus. Das mag zu Anfang noch nicht so recht klappen. Es will gelernt sein. Doch mit der Zeit kann sie ihr Handeln immer leichter nach der Vorstellung gestalten. Schritt für Schritt wird sie zu einer immer eigenständigeren Persönlichkeit.

Fazit

Es erfordert durchaus Mut und Courage, seinem Wesenskern auf die Schliche zu kommen und ihn zum führenden Maßstab im Leben zu erheben. Aber wir Menschen sind dazu bereit, da wir damit unsere zentrale Persönlichkeitseigenschaft zu einem freien, zu einem bewussten und selbst gestalteten Ausdruck bringen können. Denn das ist es, wonach sich jeder Mensch im Tiefen seiner Seele sehnt.

Dabei wird die Veränderung das Mittel zum Zweck, mit dem wir unsere Persönlichkeit immer mehr entwickeln und immer souveräner in den täglichen Situationen zum Ausdruck bringen. Und fangen wir einmal an, diesen Weg zu beschreiten, dann werden uns immer neue Persönlichkeitseigenschaften bewusst, mit denen wir unseren Wesenskern verwirklichen können. Wir reifen zu einer immer vielseitigeren und reicheren Persönlichkeit. Oder in den Worten von Jean Paul: „Es ist wie ein Frühling, der immer neue Blüten des Inneren öffnet.“ Und dabei erfüllt uns mehr und mehr eine gelöste Leichtigkeit und Heiterkeit.