Wie können wir Brücken in das Miteinander bauen? Diese Frage beschäftigt die Menschen bereits sehr lange. Sie ist Bestandteil einer jeden Kultur.
So gab es zum Beispiel im alten Ägypten eine strenge hierarchische Struktur: Der Pharao war göttlich. Daneben gab es eine große Behörde, die seine Anweisungen dem gemeinen Volke mitteilte und die Durchführung kontrollierte. Und solange diese Hierarchie hielt, solange das Vertrauen und die Achtung in den göttlichen Pharao bestand, solange bestand die ägyptische Kultur.
Oder bei den alten Griechen. Sie erfanden die Demokratie und gaben den Bürgern in den Städten ein großes Mitspracherecht. Täglich traf man sich, debattierten über dies und das, um gemeinsam zu entscheiden, was zu tun sei. Daneben hatten die Bürger ein großes Heer von Sklaven, das die niederen Arbeiten für sie verrichtete.
Oder in der französischen Revolution, die sich das Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf die Fahne geschrieben hatte und die Monarchie ablöste. Das war im Ansatz sicher gut gemeint. Doch es war maßgeblich vom Intellekt, vom Geist der Aufklärung getragen. Das Motto wurde dem Lande übergestülpt, ohne die Bedürfnisse des Volkes in geeigneter Form zu berücksichtigen. Letztlich fand es keine Akzeptanz und scheiterte.
Wir brauchen äußere Vorschriften
In diesen Beispielen haben wir den Ansatz, dass der Staat den Rahmen für ein Zusammenwirken festlegt. Dass er Regeln und Verordnungen erlässt, nach denen wir Menschen uns ausrichten, damit eine verbindende Ordnung entsteht. So haben wir heute eine Straßenverkehrsordnung, eine Hausordnung, eine Vielzahl von Gesetzen und Vorschriften, die angeben, was wir zu tun und zu lassen haben, damit im Lande Recht und Ordnung herrscht. Und wir haben einen Behördenapparat, der dafür sorgt, das alles mit rechten Dingen zugeht.
Ja und wir Menschen haben die Aufgabe, uns gemäß dieser Vorschriften zu verhalten. Sicherlich, jetzt brauchen wir gewisse äußere Regeln für den Umgang im Miteinander, denn ohne Regeln herrscht Chaos und Anarchie. Dabei sollen die Regeln für uns nachvollziehbar und akzeptabel sein, damit wir sie nicht als einen aufoktroyierten Zwang empfinden. Doch die Regeln erinnern leicht an die Benimmregeln von dem alten Knigge: so haben wir dies zu machen, so haben wir das zu machen, und lass das auf jedem Fall sein. Indem wir uns nur nach den äußeren Benimmregeln ausrichten, wird das Miteinander allzu leicht förmlich und verkrampft. Wir werden zu Sklaven der Regeln.
Doch wie geht es anders?
Wir brauchen nicht nur die äußeren Benimmregeln. Darüber hinaus haben wir zu schauen: Was wollen wir in der Situation eigentlich? Wie kann ich meine Art zu sein in der Situation zu einem Ausdruck bringen?
Dafür betrachten wir die aktuelle Situation unvoreingenommen, eigenständig und unabhängig von irgendwelchen Benimmregeln. Frei nach dem Motto: Was ist hier eigentlich los? Welche Sehnsucht möchte hier zu einem Ausdruck kommen? Und erst wenn wir davon ein konkretes Bild haben, fragen wir uns weiter: Was ist in der Situation zu ändern? Wie wollen wir sie anders gestalten?
Dabei habe wir acht zu geben, dass wir uns nicht von unseren Vorstellungen über die Situation leiten lassen. Dass wir nicht nur unsere Urteile, Berwertungen und Interpretationen austauschen oder ins abstrakte Theoretisieren, Wälzen von Problemen oder ausschweifende Lamentieren verfallen. Denn jeder hat seine ganz individuellen Ansichten. Und wenn wir nur diese Meinungen austauschen, kommen wir nicht in ein konstruktives Miteinander. So finden wir nichts Verbindendes, das wir zu einer Lösung bringen wollen. Dafür haben wir tiefer zu schauen. Wir haben das Wesentliche in der Situation zu erkennen. Das, was in der Situation eigentlich zu einem Ausdruck gebracht werden möchte, unabhängig von unseren Ansichten über die Situation.
Das Wesentliche ist die innere Möglichkeit,
die in der Situation vorhanden ist und verwirklicht werden möchte. Und bringen wir das Wesentliche auf den Punkt, dann entsteht einerseits eine Beziehung in das Miteinander und andererseits werden unsere Schöpferkräfte aktiviert. Denn jeder der Beteiligten hat den Wunsch, das Wesentliche zu einer passenden Lösung zu bringen. Und dabei können sich alle auf ihre Art mit einbringen: der eine erfasst die Situation, der nächste findet Ideen, trifft Entscheidungen, klärt Fragen, definiert Ziele und so weiter. Jeder leistet seinen Beitrag, um die Situation zu meistern. Dabei werden wir offen für die Beiträge der anderen. Gemeinsam prüfen wir die einzelnen Beiträge, ändern sie und passen sie an, so dass sie sich wie Puzzleteile in ein verbindendes Gesamtbild einfügen.

Betrachten wir ein Beispiel:
Sicher kennen Sie die Situation: ein Geburtstag steht an und wir brauchen ein passendes Geschenk. Dabei fällt uns die Entscheidung bei kleinen Kindern durchaus leicht, doch sie wird mit zunehmendem Alter des Jubilars immer schwieriger. So stehen auch Xanthippe und Sokrates immer wieder vor der Frage: Womit können wir dem Menschen eine Freude bereiten?
Xanthippe: Sokrates, wir sind nächstes Wochenende bei Holger zum Geburtstag eingeladen.
Sokrates: Ja schön. Doch sag: was wollen wir ihm schenken?
Xanthippe: Ach das ist gar nicht einfach. Ich hatte ihn gefragt und er antwortete nur: Ja euch fällt da doch immer etwas Passendes ein!
Sokrates: Na ja. Doch bei ihm ist das gar nicht so leicht. Der Mensch hat einfach schon alles. Und will er etwas haben, dann kauft er es sich kurzerhand und wartet nicht, bis es ihm jemand schenken könnte.
Xanthippe: Mit etwas Leckerem können wir ihm auch keine Freude machen. Denn Wein verpönt er, und Delikatessen sieht er nur als eine Attacke auf seinen athletischen Körper.
Sokrates: Dazu kommt noch, dass er momentan häufig eine recht schlechte Laune hat, da ihm die Arbeit gekündigt wurde und er nicht so recht weiß, wie es weiter geht.
Xanthippe: Ja, er bräuchte etwas, das ihn aufmuntert, das ihn auf andere Gedanken bringt.
Sokrates: Etwas Lustiges.
Xanthippe: Vielleicht ein lustiges Büchlein. Eine Sammlung heiterer Gedichte.
Sokrates: Ach, Holger hat doch seine Bücher fast alle weggeschmissen. Der liest doch gar nicht mehr.
Xanthippe: Damit liegt er zwar ganz im Trend der Zeit, doch ich finde ein schönes Buch ist immer noch ein gutes Geschenk.
Sokrates: Aber wenn das Buch dann nur im Regal rumsteht und gar nicht gelesen wird? Er müsste sich dann zwar für das Buch bedanken, doch eine wirkliche Freude können wir ihm damit wohl nicht machen.
Xanthippe: Wir müssen uns selbst etwas einfallen lassen.
Sokrates: Ja! Es braucht nur eine Kleinigkeit zu sein, die bei ihm aber irgendwie einen Nerv trifft.
Xanthippe: Die ihm aus seiner trüben Stimmung etwas herausholt.
Sokrates: Eine Art Medizin.
Xanthippe: Ein Stimmungsaufheller!
Sokrates: Schokolade?
Xanthippe: Aber irgendwie portionier bar. Wie ein Medikament.
Sokrates: Gummibärchen?
Xanthippe: Ja, das ist gut! Eigentlich isst er ja solchen Süßkrams nicht, doch in Form eines Arzneimittels ist das sicher was anderes.
Sokrates: Ja da wirft er seine Prinzipien durchaus mal über den Haufen.
Xanthippe: Also, jetzt brauchen wir einmal eine Tüte Gummibärchen…
Sokrates: und dazu den passenden Beipackzettel…
Xanthippe: auf dem genau steht, in welcher Dosis das Medikament einzunehmen ist…
Sokrates: und was dabei zu beachten ist, welche Nebenwirkungen auftreten können:

Xanthippe: Ja, da haben wir uns doch mal wieder ein nettes Geschenk ausgedacht!
Das Geschenk war ein voller Erfolg. Holger hat sich sehr über die originelle Idee gefreut und mit ihm die anderen Geburtstagsgäste. Allerdings hätten Xanthippe und Sokrates einen größeren Vorrat an Gummibärchen mitbringen sollen. Denn die erheiternde Wirkung der Bären wollten doch alle Anwesenden sofort an sich ausprobieren,… und so war die Tüte schnell geleert.
Nehmen wir das Beispiel unter die Lupe
Vordergründig geht es um die Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk. Doch es soll jetzt nicht irgendein normales Geschenk sein, sondern durchaus etwas Ausgefallenes, etwas Originelles, abseits der ausgetretenen Pfade.
Und so fragen sich Xanthippe und Sokrates: Was könnte dem Holger gefallen? Dabei stellen sie zuerst einmal fest, womit sie ihm keinen Gefallen erweisen. Doch indem sie sich mehr und mehr mit dem Holger befassen, finden sie schließlich den springenden Punkt: es braucht etwas Aufheiterndes, etwas Lustiges, etwas, das seine trüben Gedanken in den Hintergrund drängt. Das ist das Wesentliche, das sie mit ihrem Geschenk erreichen wollen. Und haben sie das Wesentliche klar auf den Punkt gebracht, dann kommen ihnen sogleich Ideen, was sie Holger schenken könnten. Gemeinsam prüfen sie die Ideen, passen sie an, bis sie ihr Geschenk passend geformt haben.
So entsteht eine Brücke ins Miteinander einmal zwischen Xanthippe und Sokrates, indem sie gemeinsam die Idee für das Geburtstagsgeschenk entwickeln. Darüber hinaus entsteht eine Brücke zu Holger und seinen Geburtstagsgästen, denen die Idee prima gefällt. Dabei wird die Verbindung durch das Wesentliche geschaffen, das zuerst aufzuspüren ist, und für das dann eine passende Lösung geschöpft wird, so dass ein freudiges Miteinander entsteht.
Fazit
Um eine Brücke ins Miteinander zu bauen, braucht es einmal die passenden, äußeren Rahmenbedingungen, die uns die Freiheit geben, dass wir uns überhaupt aufschwingen können, die Brücke zu errichten.
Doch die Brücke entsteht erst, indem wir selbst aktiv werden. Indem wir uns fragen: Was ist in der Situation das Wesentliche? So schaffen wir eine Verbindung in das Miteinander. Wir werden schöpferisch und finden Ideen jenseits der 08/15 Lösungen. Im konstruktiven Zusammenwirken können wir die Lösungen weiter konkretisieren und verbessern, so dass sie attraktiv und tragfähig werden.
