Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir haben ein natürliches Bedürfnis, Kontakte zu unseren Mitmenschen zu knüpfen und das Leben im Miteinander zu gestalten. Doch schauen wir uns um, dann gewinnen wir leicht den Eindruck: Jeder steht für sich allein. Jeder will besonders sein. Jeder führt seinen eigenen Kampf ums Überleben.
Und lassen wir uns aufeinander ein, dann führt das oft zu Streitereien. Denn jeder will seine Meinung, seine Ansicht durchsetzen. Das ist unangenehm. Und so grenzen wir uns ab und errichten einen Schutzwall, um die lästigen Zugriffe der anderen abzuwehren.
Als Resultat wird das Miteinander häufig dem Erreichen der individuellen Ziele untergeordnet. Dann betrachten wir die Menschen nicht mehr, wie sie sind, sondern wie wir sie für unsere Zwecke nutzen können. Wie wohl sie uns gesonnen sind.
Doch wie geht es anders?
Wie kommen wir zu einem gelingenden Miteinander?
Die wesentliche Voraussetzung für ein konstruktives Miteinander ist, dass wir von unseren Mitmenschen weniger etwas wollen, sondern ihnen etwas geben. Dass wir in das Miteinander bewusst etwas einbringen, um es konstruktiv gestalten zu können.
Jetzt wenden Sie ein: das tue ich doch! Mit meinen Ansichten, meinen Meinungen bringe ich doch etwas in das Miteinander ein. Ja schon. Doch die beteiligten Menschen haben durchaus andere Meinungen und andere Ansichten. Denn es sind ja unsere eigenen Ansichten und Meinungen, die wir uns über die Situation machen. Und die sind bei jeder Person verschieden. Und solange wir versuchen, unsere Vorstellungen über die Situation durchzusetzen, die anderen davon zu überzeugen und sie für unsere Sache zu gewinnen, sind wir in unseren Gedanken ganz bei uns. So kommt kein konstruktives Miteinander zu Stande.
Wir können es mit einem Fluss vergleichen an dessen Ufern die beteiligten Personen stehen. Jeder hat seine Meinung, jeder hat seine Ansicht. Doch es führt kein Weg über den Fluss. Es führt kein Weg in das Miteinander. Dafür haben wir unsere eigenen Positionen und in einem gewissen Maße Ansichten hinter uns zu lassen. Wir haben und die Frage zu stellen: Was schafft die Verbindung zwischen den Ufern? Wie können wir eine Brücke bauen?
Betrachten wir ein Beispiel:
Hier möchte ich mal wieder ein Beispiel mit Sokrates betrachten, der es im alten Athen bei seinen Schülern so trefflich verstand, Brücken ins Mitmenschen zu bauen.
Sokrates Enkel Paul spielt gerne Schach, und für seine acht Jahre führt er die Figuren auch schon ganz passabel. Sokrates selbst hat jahrelang aktiv Schach im Verein gespielt; da sind seine Partien gegen Paul für ihn immer kleine Lehrstücke. Oft bringt er ihm einige Tricks und Kniffe bei, wie er seine Partie gut anlegen kann.
Paul: Sokrates, lass uns mal wieder eine Partie Schach spielen.
Sokrates: Na los! Hol das Brett raus und bau schon mal die Figuren auf. Wer hat Weiß?
Paul: Ich natürlich!
Das Spiel geht los. Paul fängt an. Er opfert bereits am Anfang einen Bauern. Bald darauf opfert er einen Springer und dann noch einen Läufer. Sokrates nimmt die Opfer alle an und muss aufpassen, dass er seinen König in Sicherheit bringt. Doch Pauls Opfer sind nicht korrekt. Sokrates schützt seinen König und tauscht noch die Damen und die Türme ab. Pauls Angriff ist abgeschlagen, denn mit der Mehrzahl seiner Figuren kann Sokrates die Partie sicher gewinnen.
Paul: Hm, das ist unfair! Mir fehlen die Figuren, um weiter anzugreifen!
Sokrates: Eben, Paul, nicht jeder Angriff schlägt durch, und nicht jedes Opfer ist korrekt.
Paul: Aber ich habe die Partie interessant gemacht, nicht? Ich wäre ja sonst bei einer langweiligen Partie glatt eingeschlafen.
Sokrates: Mag sein, doch ich habe gewonnen.
Paul: Ich finde, eine Partie interessant zu machen, ist doch mehr wert, als die Partie zu gewinnen, oder?
Sokrates: Es ist bestimmt ein tolles Gefühl, wenn es hoch her geht bei einer Partie, aber trotzdem geht es ums Gewinnen dabei, lieber Paul!
Sokrates möchte Paul klarmachen, dass es beim Schach vornehmlich darum geht, zu gewinnen, und nicht so sehr darum, wilde Partien zu spielen. Er sollte mehr und mehr begreifen, dass die Figuren zu wertvoll sind, um sie planlos und unnötigerweise zu opfern.
Bei der nächsten Partie möchte Sokrates den Spieß mal umdrehen: Dann spielt er die wilde Opferpartie und hilft Paul dabei, das Spiel zu gewinnen.
Bei der nächsten Gelegenheit fragt Sokrates seinen Enkel, ob er Schach spielen möchte. Paul freut sich und holt das Spiel aus dem Schrank.
Sokrates: Diesmal nehme ich aber die weißen Figuren!
Paul: Okay, da beginnst du heute!
Für die Gestaltung der Partie überlegt Sokrates kurz, wie er vorgehen wird: eine aggressive Eröffnung; eine Figur opfern, damit Paul seinen König ziehen muss. Sokrates nimmt sich vor, während des Spiels die Züge an den wesentlichen Stellen zu kommentieren, damit Paul gleich sieht, was geschieht.
Wie geplant legt Sokrates die Partie wild an und opfert bald einen Läufer, um Pauls König ‚Schach‘ zu geben.
Paul: Sokrates, was machst du denn da! Ich konnte ja meinen König noch gar nicht in Sicherheit bringen; wie kann ich mich da denn noch wehren?, fragt Paul ganz verzweifelt.
Sokrates: Schau mal, Paul, mein Opfer kommt viel zu früh, stimmt’s? Ich habe meine Figuren noch gar nicht richtig entwickelt und so auch noch gar keinen Nachschub für meinen Angriff.
Paul: Ja schon, aber was soll ich jetzt tun?
Sokrates: Sieh mal, du kannst jetzt meine Figuren abtauschen und am Ende wirst du eine Mehrfigur haben, um die Partie leicht zu gewinnen.
Paul: Hm, also wenn ich jetzt meinen Läufer hierher ziehe, dann bist du doch gezwungen, den gegen deinen Läufer abzutauschen, oder?
Sokrates: Ja genau, da bleibt mir gar nichts anderes übrig …
Am besten versuchst du, die Damen recht schnell abzutauschen. Dann ist mein Angriff verpufft und du gewinnst.
Jetzt versinkt Paul ins Nachdenken. Wie kann er es erzwingen, dass die Damen abgetauscht werden? Nach einigem Grübeln fällt ihm eine gute Zug-Kombination ein. Geschickt lockt er Sokrates Dame auf ein Feld, auf dem er sie abtauschen muss. Danach gewinnt Paul die Partie leicht mit seiner Mehrfigur.
Paul ist stolz wie Oskar und ruft: Das muss ich gleich meinen Freunden erzählen, wie ich gegen dich gewonnen habe!
Paul wendet in der nächsten Zeit diese Strategie erfolgreich beim Schachspielen gegen seine Freunde an; außerdem geht er jetzt viel behutsamer vor und zieht seine eigenen Figuren mit Bedacht. Doch bald darauf hört Sokrates erstaunt, dass Paul von der ‚Sokrates-Strategie‘ spricht, wenn es darum geht, die Figuren abzutauschen, sobald man eine mehr hat als der Gegner. Sokrates erkläre ihm, dass er diese Strategie keinesfalls erfunden hätte, sondern dass sie zum Grundrepertoire eines jeden Schachspielers gehört.
Nehmen wir die Partie unter die Lupe
Auf dem ersten Blick geht es in der Geschichte um das Schachspielen. Paul und Sokrates wollen mal wieder eine Partie spielen. Doch darüber hinaus möchte Sokrates seinem Enkel eine kleine Lektion erteilen, die sein Spiel verbessert. Er will seinem Enkel klarmachen, dass es beim Schach ums Gewinnen geht, dass die Figuren wertvoll sind und nicht wild geopfert werden sollten. Diese wesentliche Lehre möchte Sokrates seinem Enkel vermitteln, so dass er den Rat beherzigt, ihn in seinem Denken berücksichtigt und in seinen Partien erfolgreich anwendet.
Brücken bauen
Zu Anfang sitzen Paul und Sokrates am Schachbrett. Sie spielen gegeneinander. Jeder sitzt an seinem Ufer des Flusses. Aber darüber hinaus stellt Sokrates sich die Frage: wie kann Paul sein Spiel verbessern? Wie kann ich ihn dazu bringen, dass er umsichtiger mit den Figuren umgeht? Er findet einen passenden Gedanken: „Wenn Du eine Mehrfigur hast, dann tausche die restlichen Figuren ab“. Und Sokrates fragte sich weiter: „Wie kann ich Paul diese Lehre vermitteln, so dass er sie beherzigt?“ Dafür macht sich Sokrates zum Narren. Er macht bewusst schlechte Züge und weist dann seinen Enkel an, wie er die Partie gewinnen kann. So öffnet sich im Bewusstsein des Gedankens eine Beziehung ins Miteinander und zugleich verbessert Paul sein Schach.
Der springende Punkt ist: die Lehre, die Sokrates dem Paul vermittelt, ist universell. Es ist eine Gesetzmäßigkeit, die in den verschiedensten Situationen auf dem Schachbrett eine Orientierung gibt. Es ist ein übergeordneter Gedanke, der das Spiel ausrichtet. Dahinter treten die eigenen Vorstellungen und Ansichten zurück, was in der Situation angemessen wäre. Indem Sokrates den Gedanken passend vermittelt, entsteht eine Beziehung. Das bewusste Zusammenwirken im Lichte eines verbindenden Gedankens schafft eine Brücke ins Miteinander.
Und das gilt nicht nur auf dem Schachbrett. Generell können wir uns fragen: Was erfordert die Situation? Was ist das Wesentliche, das in der Situation zu einem Ausdruck gebracht werden möchte? Also ganz unabhängig von unseren eigenen Meinungen und Ansichten über die Situation. Und in Anbetracht des Wesentlichen, das für alle Beteiligte in der Situation eine passende Ausrichtung bietet und das für alle erstrebenswert ist, können wir tragfähige Beziehungen entwickeln. So bauen wir Brücken in das Miteinander. (siehe auch: Eine Kultur des bewussten Seins)

