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Das Wesentliche ist der Quell der Lebenskraft

Manchmal wird unser Leben mit einer Sanduhr verglichen. Zu Anfang befindet sich der Sand in der oberen Kugel und rinnt dann unaufhaltsam in die untere Kugel – bis der gesamte Sand unten angekommen ist. Und ähnlich ist es in unserem Leben: Werden wir geboren, dann haben wir ein gewisses Reservoir an Lebenskraft, das im Laufe der Zeit zerrinnt, bis das Reservoir leer ist. Dann sterben wir. In diesem Text stelle ich Ihnen ein erbaulicheres Bild für das Leben vor.

Schauen wir bei den Pflanzen oder den Tieren. Die Pflanzen sind in ihrer Entwicklung maßgeblich durch die Gene geprägt, die Tiere durch ihren Instinkt. Die genetische Veranlagung und der Instinkt wirken wie vorgefertigte Programme, nach denen ihr Leben abläuft. Es ist, als wenn jemand auf einen Knopf drückt, und schon geht die Maschinerie los. Immer nach dem selben Muster, immer auf die gleiche Art. Bis das Leben vorbei ist, bis der Sand durchgerieselt ist.

Doch halt! So einfach ist die Sache nicht. Denn jedes Tier – sei es etwa ein Löwe, eine Maus, ein Hund oder eine Katze – hat doch seine ganz eigene Art und Weise, wie die inneren Programme es prägen und wie sie zum Ausdruck kommen. Und diese Art und Weise macht das Wesen des Tieres aus.

Der Wesenskern

Oder anders ausgedrückt: die Tiere haben einen inneren Kern, den Wesenskern, also eine prägende Eigenschaft, die durch die Gene und den Instinkt zum Ausdruck gebracht wird. Der Wesenskern, bestimmt, was eine Pflanze oder ein Tier in ihrem Wesen ausmacht. Die Gene und der Instinkt bestimmen, wie dieser Wesenskern zu einem Ausdruck kommt. Es ist der Wesenskern, der die Tiere in ihrer Art zu sein prägt. Der Wesenskern ist der Quell ihrer Lebenskraft.

Jetzt ist den Tieren ihr Wesenskern nicht bewusst. Doch wir Menschen haben die großartige Eigenschaft und können den Wesenskern bei den Tieren erkennen. Betrachten wir folgendes Bild und kommen dem Wesen der Maus auf die Schliche:

Wenn wir die Maus betrachten, dann fällt uns zuerst das Interesse, die Aufmerksamkeit auf, mit der sie ihre Umgebung wahrnimmt. Alle Sinne sind aktiviert: die Ohren aufgerichtet, die Knopfaugen geöffnet, die Nase gespitzt und die Barthaare wie Antennen ausgerichtet. Ihr ganzer, halb aufgestellter Körper ist in einer Anspannung. Sie ist in „hab Acht Stellung“, um schnell reagieren zu können. So nimmt die Maus ihre Umgebung wahr. Sie verschafft sich eine Übersicht, wo es etwas zu fressen gibt und wo Feinde lauern.

Das genaue Wahrnehmen ist die prägende Eigenschaft der Maus. Die aktivierten Sinne bestimmen ihr Wesen. So verschafft sie sich in den unterschiedlichen Situationen eine Orientierung und reagiert entsprechend.

Jetzt erkennen wir den Wesenskern „Orientierung verschaffen“ bei der Maus. Er tritt aber auch bei anderen Tieren auf, etwa einem Reh oder einem Murmeltier. Der Wesenskern selbst ist universell und findet in den unterschiedlichen Tieren seine spezifische Ausprägung. Für weitere Beispiele zu den Wesenskernen siehe: Erkenne dich selbst!

Indem wir uns Tiere genau anschauen, können wir ihr Wesen ergründen. Ebenso können wir bei den Pflanzen vorgehen. Und wie ist das bei uns Menschen?

Auch wir Menschen haben einen Wesenskern,

also eine prägende Persönlichkeitseigenschaft. Allerdings bringen wir unseren Wesenskern durch unsere Gene und unseren Instinkt viel weniger zum Ausdruck als die Tiere. Stattdessen haben wir unser Bewusstsein. Mit ihm können wir unseren Wesenskern erkennen. Hilfreich ist es dabei, sich Tiere eingehend anzuschauen. Denn die prägenden Eigenschaften der Tiere finden wir auch alle bei uns Menschen wieder. Und dabei gibt es jeweils eine Eigenschaft die dominiert – unseren Wesenskern. Diesem Kern können wir auf die Schliche kommen, indem wir die Frage stellen: Welche Eigenschaft ist bei mir besonders ausgeprägt? Was macht mich eigentlich aus?

Was soll das alles?

Schön und gut. Indem wir Tiere betrachten, können wir unseren Wesenskern erkennen. Doch was nutzt uns das? Was haben wir davon? Warum sollten wir unseren Wesenskern aufspüren?

Der Wesenskern ist unsere prägende Persönlichkeitseigenschaft, die wir in unserem Leben zum Ausdruck bringen wollen. Ergründen wir den Kern, so kommen wir immer mehr in Kontakt mit unserer inneren Quelle, mit der Möglichkeit, die in uns Menschen steckt und ins Leben gebracht werden möchte. Der Punkt ist: diese innere Quelle ist für uns meistens verborgen. Es gibt sie. Sie möchte zu einem Ausdruck kommen. Doch durch unsere eigenen Gedanken, Vorstellungen und Ansichten wird sie häufig überdeckt.

So machen wir in einer Situation nicht das, was unserem Wesenskern entspricht, sondern das, was wir meinen, was richtig sei, was wir von unseren Eltern gelernt haben. Oder in der Schule, bei der Arbeit, von unseren Freunden. Dann wissen wir gar nicht, was uns selbst ausmacht, sondern richten unser Handeln nach dem Äußeren aus, nach den Erwartungen der anderen.

Doch für jeden Menschen ist es ein zentrales Bedürfnis, sein Wesen zu erkennen und die täglichen Situationen entsprechend zu gestalten. Dabei ist der Wesenskern individuell unterschiedlich: der eine Mensch will machen und tun. Der nächste möchte etwas vermitteln, einen Entschluss treffen, eine Situation genau wahrnehmen. Und so weiter. Ganz nach der individuellen Veranlagung.

Haben wir unseren Wesenskern aufgespürt, so können wir nicht einfach in das andere Extrem verfallen und nur unserem Wesenskern entsprechend leben. Wir haben zu schauen, was in der jeweiligen Situation angemessen ist, wie wir mit unseren Mitmenschen konstruktiv zusammenwirken können. Doch im Bewusstsein des Wesenskernes richten wir unser Leben nicht nur nach der äußeren Situation aus. Wir haben selbst eine Vorstellung davon, was wir in die Situation einbringen können, welchen Beitrag wir von uns aus leisten können.

Der bewusste Wesenskern befreit

Werden wir uns unseres Wesenskern bewusst, dann wissen wir, was uns als Person ausmacht. Dann herrscht Klarheit. Dann treten unsere Fragen und Zweifel in den Hintergrund. Im Lichte des Wesentlichen erkennen wir, was uns wirklich prägt, was wir in unserem Leben zu einem Ausdruck bringen wollen. Und das befreit.

Einerseits erkennen wir uns selbst, und andererseits werden wir aktiv. Denn das Wesentliche ist der Quell der Lebenskraft! In Anbetracht des Wesentlichen finden wir in den täglichen Situationen Ideen, wie wir unser Wesen zum Ausdruck bringen können. Die Ideen greifen wir weiter auf und konkretisieren sie zu Lösungen, nach denen wir unseren Alltag bewusst gestalten. Dabei stecken wir unsere Energie in die Entwicklung einer möglichst attraktiven und tragfähigen Lösung. Wir werden zu bewussten Schöpfern.

Bei dem Vorgehen können wir uns nach einem Veränderungsprozess ausrichten:

Der Prozess besteht aus 10 Schritten. In der Abbildung erstreckt er sich aus dem Inneren der Spirale, aus der Enge der Anfangssituation hinaus in die Weite der neu gestalten Situation. Dabei ist der Prozess in 5 Phasen unterteilt, die durch die Rauten in der Spirale voneinander getrennt sind. Jede der Phasen ist mit einer führenden Frage verknüpft, die in dem Zusammenspiel der zugehörigen Prozessschritte zu einer Antwort geführt werden.

Das Wesentliche ist der Quell der Lebenskraft

Leben im Bewusstsein des Wesentlichen belebt. Indem wir unseren Wesenskern erkennen und zum Maßstab in unserem Leben erheben, werden immer weitere Persönlichkeitseigenschaften in uns befreit und aktiviert. Es fällt uns immer leichter, unser Wesen in den täglichen Situationen zum Ausdruck zu bringen. Und gleichzeitig werden wir uns unseres Ichs immer bewusster. In Anlehnung an die Worte von Jean Paul können wir sagen:

Dabei war es für Jean Paul die Heiterkeit des Herzens, die unser Leben befreit. Doch die Heiterkeit, sowie auch die Liebe, die Würde und die ganzen anderen Persönlichkeitseigenschaften bekommen erst dann einen befreiten Einzug in unser Leben, wenn wir uns unseres Wesens bewusst sind. Denn erst wenn wir wissen, was wir in unserem Leben verwirklichen wollen, wenn wir unseren Wesenskern zu einem gewissen Grad kennen, können wir die anderen Eigenschaften gezielt befreien und ausrichten, um dem Kern einen passenden Ausdruck zu geben. Das Bewusstsein des Wesentlichen ist der Quell, der unserem Dasein einen Sinn gibt und aus dem wir ein erfülltes Leben schöpfen können! (siehe auch: Der Sinn des Lebens)

Fazit

Und damit haben wir ein anderes Bild von unserem Leben, als das der Sanduhr. Dann zerrinnt das Leben nicht einfach so, sondern wir haben die Aufgabe, das Wesentliche in unserem Leben zu erkennen und zu verwirklichen. Denn unser Wesen ist uns bei der Geburt noch nicht bewusst. Es erfordert eine persönliche Entwicklung, seinem Wesenskern auf die Schliche zu kommen und sein Leben danach auszurichten. Und dabei kommen wir Schritt für Schritt zum erfüllten Leben. Das erfüllte Leben ist das Resultat eines bewussten Seins!