Oder offen für Neues sein
Im Jahre 1799 machte sich Alexander von Humboldt auf den Weg nach Südamerika. Fünf Jahre erkundete er den Subkontinent. Unter anderem auch die Bifurkation des Orinocos in Venezuela. Dort zweigt von dem Orinoco der Casiquiare ab, der im weiteren Verlauf in den Rio Negro und den Amazonas mündet, während der Orinoco in Venezuela in den Atlantik fließt. So eine Aufspaltung, wo sich aus einem Fluss zwei Flüsse bilden, die dann in unterschiedliche Wassersysteme fließen, nennt man Bifurkation.
Über die Orinoco Bifurkation schrieb Alexander von Humboldt in seinen Reiseberichten des Langen und des Breiten[1]. Musste dann aber doch einräumen, dass es gar nicht erforderlich sei, extra nach Südamerika zu reisen, um das Naturereignis zu erleben, sondern dass es so etwas in Gesmold bei Melle auch gibt und zwar bei den Bachläufen der Hase und der Else [2]:
„In Deutschland, zwischen Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen Fall, dass ein sehr enges Tal die Becken zweier kleiner, voneinander unabhängiger Flüsse verbindet. Von der Hase trennt sich die Else und die beiden Bäche laufen anfangs nahe bei einander und parallel von Süd nach Nord; wo sie aber in die Ebene treten, weichen sie von Ost nach West auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten Flusssystemen an, die Else dem der Werre und weiter der Weser und die Hase dem der Ems“.
Und damit alle erfahren, dass die Bifurkation von Hase und Else etwas Besonderes ist, steht heute an der Stelle eine große Schautafel, auf der erklärt wird, was eine Bifurkation ist, sowie eine respektable Aussichtsplattform, von der man einen Blick in die beiden sich trennenden Bäche werfen kann.
Doch was schert uns der Orinoco?
Was scheren uns die Else und die Hase? Wir Brackweder haben so eine Bifurkation doch direkt vor unserer Haustür! – und zwar im Quellgebiet der Lutter. Und dann noch auf eine ganz besondere Art. Doch kaum jemand weiß das. Denn die Lutterquellen finden heute kaum Beachtung. Sie sind fast alle verschüttet – unter den Bahngleisen und dem Ostwestfalendamm. Aber alles der Reihe nach.
Die Lutter entspringt in einem Quellgebiet, das sich von der höchsten Stelle des Bielefelder Passes im Teutoburger Wald in die Ebene Richtung Südwesten erstreckt. Ursprünglich sammelte sich das gesamte Wasser aus den zahlreichen Quellen in dem Mühlteich nördlich der heutigen Osnabrücker Straße, um von dort weiter durch Isselhorst und Marienfelde schließlich südlich von Harsewinkel in die Ems zu fließen.

Mühlteich an der Osnabrücker Straße [5]
Doch Anfang des 15. Jahrhunderts war Wasser in Bielefeld knapp,
und der Stadtrat machte sich auf die Suche nach neuen Quellen. In seiner Not verfiel der Rat auf die Idee, die Lutter abzugraben und nach Bielefeld umzuleiten. Aber holla! Wo gibt’s denn sowas! Das Ansinnen stieß sofort auf den Protest der ansässigen Müller, die um ihre Existenz fürchteten, wenn sie mit ihren Wasserrädern im Trockenen säßen.
Es kam zum Streit. Der Landesherr musste schlichten. Im Jahre 1452 gestattete Gerhard II., Herzog von Jülich und Berg, Graf zu Ravensberg [3]
„den Bürgermeistern, dem Rat und den ganzen Gemeinden der beiden Städte Bielefeld, dass sie unser Wasser geheißen die Lutter, ausgraben und sie fortweisen und leiten mögen bei, an, in oder durch unsere Städte, wo ihnen das am allernützlichsten und bequemsten sein würde.“
Somit war es amtlich. Der Protest der Müller wurde ignoriert. Die Lutter konnte abgegraben werden.
Dafür wurde ein Staubecken auf dem Gelände des heutigen Baxter Werkes (früher Asta) ausgehoben, in dem sich das Wasser der umgebenden Quellen sammelt. Als Ausfluss des Beckens wurde ein 600 Meter langer Kanal durch den Scheitel des Bielefelder Passes gegraben. So entstand ein neuer Bach, der von dem Staubecken in Richtung Nordosten in die Bielefelder Innenstadt fließt und weiter über Aa und Werre in die Weser mündet – die Weser-Lutter. Die von dem Staubecken südwestlich gelegenen Lutterquellen speisen nach wie vor die Ems-Lutter.
Für Bielefeld war und ist die Weser-Lutter eine Bereicherung. Sie sicherte die Wasserversorgung und schuf die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt – für die Mühlen, Bleichen und Spinnereien. Und auch die Müller an der Ems-Lutter gaben ihren Widerstand auf, als sie merkten, dass der Bach weiterhin genügend Wasser führte, um die Mühlen zu betreiben.
Also alles Friede, Freude, Heiterkeit?
Nein. Der Bischof Heinrich von Münster meldete sich zu Wort. Denn der Geistliche hatte eine Leidenschaft – er mochte so gern die frisch gebratenen Forellen aus der Zucht des Marienfelder Klosters. Und jetzt bangte er um seine Gaumenfreuden, wenn die Fischteiche nicht mehr genügend Wasser hatten.
Im Jahre 1494 beschwerte er sich offiziell bei dem Herzog Wilhelm IV. von Jülich und Berg, Graf von Ravensberg über die Bielefelder, „die den Lauf der Lutter verändert hätten wodurch Behinderung, Schaden und Verderbnis für die Gebiete des Bistums Münster entstanden seien.“ Der Bischof forderte, „die Bielefelder anzuweisen, dem Wasser seinen Lauf zu lassen, wie er schon immer gewesen ist und es nicht zum Schaden von Münster fortzuleiten.“ [3]
Doch die Grafen von Ravensberg wussten, wie man mit solch leidigen Dingen umgeht: indem man sie aussitzt. Und so sitzen sie noch heute, denn der Konflikt überdauerte die Jahrhunderte und wartet noch immer auf ein richterliches Urteil.
Langer Rede kurzer Sinn: Von den ursprünglichen Quellen der Lutter wurden einige der nordöstlichen Quellen abgegraben und umgeleitet, damit das Wasser in Richtung Bielefeld und weiter in die Weser fließt, während die südwestlichen Quellen unverändert in die Ems münden. So haben wir hier in Brackwede eine künstlich geschaffene Bifurkation. Und das ist einzigartig!
Die Lutter heute
Doch machen wir uns heute auf die Suche nach den Lutterquellen und wollen uns die Bifurkation anschauen, so werden wir enttäuscht. Von den Quellen ist kaum noch etwas zu sehen. Denn für den Bau der Köln-Mindener Eisenbahn wurden weite Teile des Feuchtgebietes trockengelegt, die Wasserführung umgeleitet und unter dem Bahndamm verrohrt. Und für den Ostwestfalen-Damm wurden weitere Quellen zugeschüttet. Die letzten offenen Lutterquellen finden wir heute an dem Mühlteich. Dort staut sich auch das Wasser all der verschütteten und verrohrten südwestlichen Lutterquellen, um dann als offener Bach weiter Richtung Ems zu fließen.

Lutterquelle an dem Mühlteich [5]
Auch mit der Weser-Lutter wurde nicht grad pfleglich umgegangen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Bach in der Bielefelder Innenstadt komplett verrohrt – um den Gestank und die Rattenplage in den Griff zu kriegen. An den Stauteichen bei der Rußheide tritt die Lutter wieder zu Tage und fließt weiter durch Sieker, Heepen, Baumheide und Milse, wo sie in die Aa mündet. Doch heute besinnen sich die Bielefelder wieder auf ihren Bach. An einigen Stellen in der Innenstadt und entlang der Ravensberger Straße wurde die Lutter wieder offengelegt – zur Freude der Kinder, die an warmen Sommertagen munter in dem Bach plantschen, und auch die seriöseren Bürger finden Gefallen daran, ihre Füße in das kühlende Nass zu halten.[4]
Ja warum in der Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Dann hätte die Bifurkation der Lutter wohl die Aufmerksamkeit des Alexander von Humboldt gefunden und wäre bekannt geworden. Doch seien wir ehrlich: die hiesigen Heimatfreunde wussten durchaus über die Bedeutung der Lutterbifurkation. Nur widerstrebt es einem echten Ostwestfalen, darum ein Bohei zu machen.
Quellen
- Alexander von Humboldt: Die Reise nach Südamerika, Lamuv Verlag, Göttingen, 1990
- https://www.bifurkation.de/bifurkation/weitere_bifurkationen.html
- H. Jürgen Wächter – Zur Naturgeschichte der Lutterquelle am Bielefelder Pass, Berichte des Naturwissenschaftlichen Vereins Bielefeld, 36, S. 275-305, 1995
- Lutter (Aa) – Wikipedia
- Fotos zur Verfügung gestellt vom Heimatarchiv Brackwede
