Unser menschliches Miteinander lässt sich prinzipiell nach zwei Ansätzen gestalten:
- Wir richten unser Verhalten nach den äußeren Anforderungen aus, die von einem Staat, einer Organisation, einer Institution oder einem Verein vorgegeben werden.
- Wir haben unsere eigenen Vorstellungen davon, was wir für richtig und angebracht erachten, und nach denen wir unser Handeln ausrichten.
Auf dem ersten Blick scheinen sich diese beiden Verhaltensweisen zu widersprechen. Sie wirken wie entgegengesetzte Pole. In diesem Artikel stelle ich einen Ansatz vor, der die Pole in ein konstruktives Zusammenwirken bringt, so dass eine bewusste Mitte entsteht, nach der wir unser Handeln ausrichten können, und die eine tragende Ordnung erzeugt.
Betrachten wir die beiden Fälle genauer:
Richten wir unser Handeln nur nach den äußeren Anforderungen aus, also nach den bestehenden Gesetzen und Regeln, so machen wir uns allzu leicht zu Marionetten, die von äußeren Fäden geführt werden. Man erledigt die Aufgaben pflichtbewusst und nach Vorschrift. Ohne eigenen Antrieb, ohne eigene Ideen und Vorstellungen. Es erinnert an den alten Knigge mit seinen Benimmregeln: man macht und tut, wie es die Etikette erfordert. So kommen wir zwar ohne Konflikte durch das Leben, allerdings erstarrt dabei allzu leicht das Miteinander. Man ist die ganze Zeit damit beschäftigt den äußeren Regeln zu entsprechen. Doch das, was man in der Situation wirklich will, tritt dagegen in den Hintergrund und kommt gar nicht zum Ausdruck.
In dem anderen Fall machen wir nur das, was wir als Person für richtig und angebracht erachten. Dabei sind wir durchaus geschickt. Wir üben uns in Rhetorik und psychologischer Gesprächsführung, um unsere Ansichten und Meinungen möglichst überzeugend zu vertreten. Ja wir sagen, wo es lang geht, was gemacht werden soll. Oftmals braucht es so eine klare Ansage. Doch allzu leicht treten auch Schwierigkeiten auf. Denn andere Personen haben andere Ansichten. Und so prallen die verschiedenen Meinungen und Vorstellungen aufeinander. Das Resultat sind häufig erhitzte Diskussionen und Streitereien. Außerdem kreisen wir mit unserem Denken allzu leicht nur um unsere eigene Person, um unser eigenes Wohl und verlieren das Miteinander aus den Augen.
Unser Leben erfolgt im Spannungsfeld dieser Extreme. Dabei brauchen wir in den täglichen Situationen sowohl eine klare Ausrichtung in dem, was zu tun ist, als auch klare Regeln und Vorstellungen, mit den wir in einem konstruktiven Miteinander das Ziel erreichen können. Wir finden dieses Spannungsfeld auch in der Natur, etwa in den aufeinander abgestimmten Kräfteverhältnissen in dem Saturn, seinem Ring und dem Mond Mimas.
Die Ringe des Saturns
Von der Sonne aus gesehen ist der Saturn nach dem Merkur, der Venus, der Erde, dem Mars und dem Jupiter der sechste Planet in unserem Sonnensystem. Weiter außen kommen noch der Uranus und der Neptun dazu. Mit einem Äquatordurchmesser von etwa 120.500 Kilometern (9,5-facher Erddurchmesser) ist der Saturn nach Jupiter der zweitgrößte Planet, der um die Sonne kreist. Er ist der äußerste Planet, der auch mit bloßem Auge gut sichtbar ist, und war daher schon Jahrtausende vor der Erfindung des Fernrohrs bekannt. Benannt ist der Planet nach dem römischen Gott des Reichtums und der Ernte. Auffallend bei dem Saturn ist einerseits seine helle Farbe und der ihn umgebende Ring [1].

Saturn mit Ring
Von NASA/JPL/Space Science Institute – JPL Photojournal (image link), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1756414
Die Entdeckung des Ring-Systems
Das Ringsystem an sich wurde im Juli 1610 von Galileo Galilei mit einem der ersten Teleskope entdeckt [2]. Galilei erkannte die Ringe jedoch nicht als isolierte Objekte, sondern deutete sie als „Henkel“, die an beiden Seiten des Saturns hängen. Der holländische Astronom Christian Huygens beschrieb die Ringe 45 Jahre später korrekt:
„Der Saturn ist von einem dünnen, flachen Ring umgeben, der ihn nirgends berührt und der zur Ekliptik geneigt ist“.
Giovanni Domenico Cassini entdeckte 1675 eine markante, dunkle Lücke in dem Ringsystem, die nach ihm benannte Cassinische Teilung, die den Saturn Ring in einen helleren äußeren A-Ring und einen etwas dunkleren inneren B-Ring teilt. Mit der fortschreitenden Entwicklung der Teleskope, zeigte sich, dass das Ringsystem weiter strukturiert ist. So wurde noch ein C, D, E, F und G-Ring entdeckt.
Die Bilder von den beiden Voyager Sonden und später der Cassini Sonde enthüllten ein anderes Bild der Saturn Ringe. Danach setzen sich die Ringe aus einer ungeheuren Anzahl einzelner kleiner Materialbrocken zusammen, die einzeln den Saturn umkreisen. Die Größe dieser Partikel, die im Wesentlichen aus Wassereis bestehen, reicht von Staubteilchen bis zu Brocken von einigen Metern Durchmesser.

Ringe des Saturns. Die Hauptringe A bis D und F sind gekennzeichnet (Cassini-Huygens, 2004)
Von NASA/JPL/Space Science Institute – Cassini-Huygens/NASAhttp://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA06536 (image link)labelling added by en:User:The Singing Badger (original uploader on the English Wikipedia), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41394
In ihrem Zusammenwirken „organisieren“ sich die Partikel zu Ringen. So besteht der Saturn Ring aus mehr als 100.000 separaten Ringen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen und Farbtönen, die durch scharf umrissene Lücken voneinander abgegrenzt sind. Der innerste Ring beginnt in einem Abstand von etwa 7000 km von der Oberfläche des Saturn und hat einen Durchmesser von 134.000 km. Der äußerste Ring hat einen Durchmesser von 960.000 km. Verglichen mit ihrem Durchmesser ist das Ringsystem extrem dünn. Es hat eine Dicke zwischen 10 und 100 Metern. Aus der Ferne betrachtet erscheinen die einzelnen Ringe als eine geschlossene ringförmige Scheibe. Und da die Eispartikel das Sonnenlicht gut reflektieren, erstrahlt die Scheibe in hellem Glanz.
Die Cassini Teilung
Doch wie bewegen sich die einzelnen Teilchen in der Ringstruktur? Wieso „organisieren“ sie sich zu Ringen? Und wie kommen die Lücken zu Stande? Um diese Fragen zu beantworten, wollen wir die Cassini Teilung etwas genauer betrachten [3].
Die dunkle Cassini-Teilung selbst ist etwa 4.800 km breit. Sie resultiert aus einem Resonanzverhalten der Bahn des Mondes Mimas mit den Bahnen der Eispartikel in dem Saturn Ring. Den Mond prägt ein riesiger Krater und so wurde er nach einem Giganten aus der griechischen Mythologie benannt. Er beschreibt eine nahezu kreisrunde, periodische Bewegung um den Saturn und liegt außerhalb der Ringstruktur [4].
Die Wirkung des Mond Minas
Der Mond Minas hat sowohl eine stabilisierende als auch eine destabilisierende Wirkung auf die einzelnen Teilchen in dem Saturn Ring. Wir finden hier ein konstruktives Zusammenspiel von geordneter und ungeordneter Bewegung.
Instabile Wirkung

Sowohl der Mond Mimas als auch die einzelnen Eispartikel in dem Saturn Ring beschreiben nahezu kreisförmige, periodische Bahnen um den Saturn. Dabei verläuft die Bahn des Mondes Mimas außerhalb der Saturn Ringe. Speziell in der Cassini Lücke stehen die Umlaufzeiten in einem rationalen Verhältnis: hat der Mimas den Saturn einmal umrundet, so hat der Partikel den Planeten bereits zweimal umrundet. Die Umlaufzahlen des Mondes Mimas und der Eispartikel stehen in einem rationalen 1:2 Verhältnis – sie lassen sich durch einen Bruch darstellen. Physiker sprechen von einer 1:2 Resonanz.
Aufgrund der Resonanz haben Mond und Partikel immer wieder an der gleichen Position einen minimalen Abstand zueinander. Und da wirkt die Gravitationskraft des Mondes wie ein periodischer Stups auf die Partikel, der ihre Bahnen beeinflusst – ähnlich wie unser Mond auf der Erde Ebbe und Flut erzeugt.
Durch den periodischen Stups werden die Bahnen der Eisbrocken deformiert, so dass sie sich nicht nur entlang der Kreisbahn in dem Ring bewegen, sondern auch Schwingungen senkrecht dazu ausführen. Und diese Schwingungen verstärken sich mit jedem weiteren Umlauf. Es ist ähnlich wie bei einer Schaukel, wenn man dem Kind immer wieder einen passenden Stups gibt, so dass die Schwingung verstärkt wird. Durch die Schwingungen verlassen die einzelnen Eisbrocken die Cassini Teilung und stoßen mit anderen Teilchen zusammen. Sie zerschellen und werden aus ihrer Bahn geschleudert.
Durch die resonante Wirkung des Mondes Mimas wird die Bewegung der Eispartikel instabil. Die Bahnen ändern ihren Verlauf und stoßen zusammen. Als Resultat entsteht eine dunkle Lücke in dem Ringsystem – die Cassini Teilung.
Mimas verursacht auch andere Lücken in der Saturn Ringstruktur. So weist die Lücke zwischen dem C und B Ring mit Mimas eine 1:3 Resonanz auf und die Lücke beim G-Ring eine 6:7 Resonanz [4].
Stabilisierende Wirkung
Doch der Mond Mimas hat auch eine stabilisierende Wirkung auf die Bewegung der Eisbrocken in dem Saturn Ring. Steht die Bewegung der Eisbrocken nicht in einem resonanten Verhältnis zu dem Mond Mimas, dann haben die Partikel nach einem Umlauf des Mondes immer eine andere Position auf ihrer Bahn. So verteilt sich die Wirkung der einzelnen Stupse des Mondes Mimas regelmäßig auf die Partikel entlang der Bahn und die Bewegung bleibt stabil. Die einzelnen Eisbrocken können sich wie Perlen auf einer Schnur zu einem stabilen Ring aneinanderreihen.
Dabei haben die Umlaufzahlen ein irrationales Verhältnis. Sie lassen sich nicht als einen Bruch darstellen, sondern nur annähern. Je irrationaler das Verhältnis der Umlaufzahlen von Mimas und den Partikeln ist – also umso größer die Werte in dem Bruch von Zähler und Nenner sind – umso stabiler ist die Bewegung. Wenn jetzt zum Beispiel die Umlaufszahlen des Mondes Minas und der Eispartikel dem Verhältnis des goldenen Schnitts entsprechen: 1:1,6180339887…= 0,6180339887…., so können wir diese Zahl durch das Verhältnis der Fibonaccizahlen zwar immer besser annähern: 1:2=0,5, 2:3=0,6666, 3:5=0,6, 5:8=0,625, 8:13=0,6153846154, 13:21=0,619047619 …… doch letztlich nicht als Bruch darstellen [5].
Das Miteinander von stabiler und instabiler Bewegung
Wir haben in dem Saturn Ring ein Miteinander von stabiler und instabiler Bewegung. Das lässt sich anhand eines Zahlenstrahls veranschaulichen:

Der Zahlenstrahl stellt die Umlaufzahlverhältnisse des Mond Mimas und der Partikel in dem Saturn Ring dar. Haben die Umlaufzahlen ein rationales Verhältnis – sind sie also als Bruch ganzer Zahlen darstellbar – dann haben wir in der Bewegung das Phänomen der Resonanz. Die Bewegung wird instabil, die Teilchen stoßen zusammen und es entsteht eine Lücke in dem Ringsystem – wie zum Beispiel die 1:2 Resonanz in der Cassini Teilung [6].
Haben die Umlaufzahlen hingegen ein irrationales Verhältnis, dann ist die Bewegung stabil und die Partikel ordnen sich in einen Ring um den Saturn. Und je irrationaler das Umlaufzahlverhältnis ist, umso stabiler bleibt die Bewegung unter dem Einfluss der äußeren Störungen – also hier der Gravitationskraft des Mondes Mimas. Am stabilsten ist die Bewegung, wenn das Umlaufzahlverhältnis dem Goldenen Schnitt entspricht [7].
Das Ringsystem des Saturns resultiert aus dem Miteinander von stabiler und instabiler Bewegung. In jeder Umgebung einer instabilen Bahn finden wir auch stabile. Und umgekehrt. Dabei stoßen in der Umgebung der resonanten Bahnen die Eispartikel mit den benachbarten Teilchen zusammen. Bei dem Aufprall zerschellen die Eisbrocken in kleinere Teile, die aus der Bahn geschleudert werden.
Durch die Stöße wird einerseits bei der resonanten Bewegung die vertikale Schwingungsbewegung kleiner und die Partikel fügen sich in die stabilen Ringe mit ein. Andererseits werden leichtere Partikel aus den stabilen Ringen herausgeschleudert und gelangen in eine Lücke oder in einen anderen, stabilen Ring. Durch dieses Wechselspiel werden die resonanten Lücken immer mehr „entvölkert“ und gleichzeitig sammeln sich die Teilchen in den stabilen Ringen. Außerdem wird durch die Stöße die vertikale Bewegung aus dem Ringsystem heraus in Grenzen gehalten, so dass der Ring dünn bleibt.
Durch die fortwährenden Stöße stabilisiert sich das Ringsystem des Saturns – wobei jede einzelne Lücke, jedes einzelne Teilchen seine ganz eigene Geschichte hat. Als Resultat setzt sich der Saturn Ring aus vielen einzelnen, hell leuchtenden Ringen zusammen, in denen die Eisbrocken aufgereiht sind, die durch scharf begrenzte, dunkle Lücken voneinander getrennt sind.
Übertragen wir das Ergebnis auf unser menschliches Miteinander
Jetzt genügt der Saturn mit seinen Ringen und Monden den Gesetzen der klassischen Mechanik. Und die sind natürlich nicht direkt auf unser menschliches Verhalten übertragbar. Dagegen ist unser menschliches Verhalten maßgeblich durch das Bewusstsein geprägt, also durch unsere Vorstellungen und Ansichten, nach denen wir uns selbst ausrichten und unsere Aufgaben erledigen.
Doch wir können den Saturn mit unserem Ich identifizieren, die zu erledigende Aufgabe mit dem Mond Mimas und den Saturn Ring mit der Art und Weise, wie wir die Aufgabe lösen.

Die drei Fragen des Lebens
Das Zusammenwirken des Ichs, der Aufgabe, und der Mitte lässt sich anhand von drei Fragen ausrichten [8]:
- Was macht mich aus? Was will ich? Was sind meine prägenden Fähigkeiten? Es ist die Frage nach dem Kern unseres Wesens [9].
- Was ist meine Aufgabe, die ich verwirklichen möchte? Die mir eine befreiende und ausrichtende Perspektive im Leben gibt. Die meinem Leben einen Sinn und Inhalt verleiht.
- Wie bringe ich mein Wesen bei der Gestaltung meiner Aufgaben zum Ausdruck, so dass ein stabiles und attraktives Resultat entsteht?
Und da ist jeder Mensch für sich gefragt. Indem wir bewusst unsere individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten einbringen, um unsere Aufgaben zu verwirklichen, entsteht eine Mitte zwischen den Anforderungen, die die Aufgaben an uns stellen, und unseren Persönlichkeitseigenschaften, die wir zu einem Ausdruck bringen wollen. Die Mitte beschreibt das Wie, die Art und Weise, mit der wir uns in ein Miteinander einbringen und unsere Aufgaben erledigen.
Im Bewusstsein der Mitte werden wir zu Gestaltern der Situation. So können wir selbst eine bereichernde Ordnung in unserem Leben schaffen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir wissen, was uns als Person ausmacht. Was wir wirklich wollen. Erst dann können wir unsere individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst in das Miteinander einbringen und unsere Aufgaben entsprechend gestalten.
Dabei besteht die Kunst darin, nicht in den Polaritäten zu verhaften, sondern einen passenden, einen mittleren Weg herauszuarbeiten, der die Anforderungen und unsere eigenen Vorstellungen zusammenbringt. So ist die Mitte nichts fest Vorgegebenes. Wir haben sie in jeder Situation neu herauszufinden. Dafür fragen wir uns immer wieder: was macht die aktuelle Situation aus? Wie kann ich meine Fähigkeiten konstruktiv einbringen? Und weiter prüfen wir: wo ist noch etwas anzupassen? Wo ist noch etwas zu ändern?
Die Fragen wirken wie ein Stups,
der uns anregt, die gegebene Situation noch einmal mit etwas anderen Augen zu betrachten. Ähnlich wie die Eisbrocken in dem Saturn-Ring stoßen wir dabei mit anderen Meinungen und Ansichten zusammen. Und wir haben die Wahl:
- Wir können den Stups als störend betrachten, ihn ignorieren und weiter auf unserer Position, auf unserer Lösung beharren. Dieser Weg ist zu vergleichen mit einer resonanten Lücke in dem Saturn Ring: die Stupse prallen ab, die Umgebung wird „entvölkert“ und wir werden einsam.
- Oder wir sehen den Stups als Anregung, die Lösung noch weiter zu verbessern. Dabei greifen wir den Stups auf, prüfen ihn, passen ihn an, bis er sich harmonisch in das Lösungsbild einfügt. Und dabei führt der Weg ins Miteinander, denn wir heißen die Meinungen, Absichten und Vorschläge von anderen willkommen, damit eine möglichst gute Lösung entsteht. Das ist vergleichbar mit einer stabilen Bewegung in dem Saturn Ring.
Doch betrachten wir ein konkretes Beispiel:
Verfassen wir einen Limerick
Sie fragen sich: Was ist denn ein Limerick? Hier meine Antwort:
Ein Limerick ist ein Gedicht,
fünf Zeilen nur, mehr hat er nicht.
Das Thema ist schnurz,
sag es knapp und kurz,
doch am Schluss die Pointe ist Pflicht!
Ein Limerick ist also ein gereimter Witz [10].
Das Erstellen eines Limericks ist jetzt meine Aufgabe, die ich verwirklichen möchte. Um diese Aufgabe erfolgreich zu meistern, braucht es natürlich Kenntnisse und Fähigkeiten. So muss ich wissen, was einen Limerick ausmacht, wie seine Struktur und sein Rhythmus sind.
Doch neben diesen Kenntnissen kommen bei dem Erstellen eines Limericks auch verschiedene Persönlichkeitseigenschaften zum Einsatz. So ist zuerst einmal eine Idee zu finden, die in dem Limerick zum Ausdruck gebracht werden soll. Und die Idee aktiviert die Phantasie: wir entwickeln eine kleine Geschichte, wobei der Humor nicht fehlen darf. Denn ein Limerick braucht eine überraschende Pointe. Und darüber hinaus haben wir noch passende Reimwörter zu finden.
Damit hätten wir für unseren Limerick alles zusammen. Jetzt geht es daran, den Vers zu schmieden. Das erfordert ein gutes Sprachgefühl. Wir haben darauf zu achten, dass der Vers leicht und gefällig wird, dass bei dem Leser oder Hörer ein klares und anschauliches Bild erzeugt wird und die Pointe gut herauskommt. Und tragen wir den Limerick dann vor, so dass er bei dem Zuhörer eine Vorstellung weckt, die Pointe zündet und die Lachmuskeln aktiviert werden, dann ist das wie der Himmel auf Erden. Doch alles der Reihe nach.
Zuerst geht’s ans Werk
Um jetzt einen Limerick zu schreiben, braucht es zuerst eine Idee, irgendein Thema. Als ich vor gut fünf Jahren wieder nach Bielefeld zog, dachte ich mir: schreib doch mal über die Stadt ein paar nette Limericks. Damit war das Thema vorgegeben – es sollte irgendwie um Bielefeld gehen. Jetzt ist das Wahrzeichen der Stadt die Sparrenburg. Sie war der Stammsitz der Grafen von Ravensberg, deren Ländereien sich vom Teutoburger Wald durch das Ravensberger Hügelland bis hinter das Wiehengebirge erstreckten.
Und so wollte ich einen Vers über die Ravensberger Ritter schmieden. Ja Ritter, das ist doch ein schönes Wort! Darauf reimt sich viel: bitter, Gewitter, Liter. Doch Liter eigentlich nicht so richtig, da es doch nur ein t hat und das i leicht gedehnt wird. Aber halt – wie ist es mit „litt er“. Ja das ist doch ein origineller Reim: Wie bitter litt er, unser Ritter! Doch warum litt er? Da reimt sich doch ganz prima Splitter. Also litt unser Ritter, denn er hatte einen Splitter. Doch wo steckt der Splitter? Im Fuß? Na ja. Das ist irgendwie Schema F. Wir brauchen etwas Originelles. Vielleicht steckt der Splitter besser im Hintern, so dass er beim Sitzen stört – oder beim Reiten durch Ravensbergs Weiten.
Der Reim ist zu schmieden!
So, jetzt hatte ich alle Informationen zusammen und sie brauchten „nur noch“ in das Limerick Schema gebracht zu werden. Doch auf Anhieb klappt das meistens nicht. Da ist der Vers noch nicht rund. Er hakt noch, holpert und reibt. Er ist zu überarbeiten. Dabei fallen mir immer neue Ideen ein, die zu prüfen sind, ob und wie sie in dem Limerick berücksichtigt werden können. Gerne probiere ich den Limerick auch bei vertrauten Personen aus. Wie ist die Wirkung? Haben sie vielleicht noch Verbesserungsvorschläge oder Anregungen? Und dann tüftel ich munter weiter, bis der Vers passt. Bis sich der Limerick leicht und angenehm erzählen lässt und die Pointe zündet. Hier mein Resultat:
Auf der Sparrenburg lebte ein Ritter,
der hatte im Hintern einen Splitter.
Doch er musste noch reiten
durch Ravensbergs Weiten –
oh man, da litt er, der stolze Ritter.
Doch wie kommt man jetzt auf die Ideen für einen frechen Limerick? Dafür gehe ich mit offenen Augen durch die Welt und spüre in den Gesprächen und den täglichen Situationen irgendwie humorvolle Begebenheiten auf. Ja es sind die Menschen, die mir durch ihr Verhalten und ihre Art zu sein die Anregungen für meine Limericks geben. Und habe ich eine Idee aufgegriffen, dann ist die Reimschmiede eröffnet. Ich feile an dem Vers solange, bis er schließlich passt. Und anschließend gebe ich das Resultat gerne zum Besten.
Der Schöpferische Prozess
Bei dem Vorgehen können wir uns von einem Prozess leiten lassen [11]:

- Zuerst ist die Eingangsfrage, das Thema zu finden, für das wir eine Antwort oder eine Lösung entwickeln wollen.
- Dann schöpfen wir für die Frage eine Antwort. Dafür werden wir tätig, indem wir z.B. etwas tun, etwas klären, etwas auf den Punkt bringen, eine Situation erfassen, einen Entschluss treffen und so weiter. Dabei berücksichtigen wie die verschiedenen Vorschläge und Meinungen und bringen sie in ein Bild zusammen.
- Dann betrachten wir das Bild
- und prüfen es: Wo ist noch etwas zu verbessern? Wo ist noch etwas zu ändern? Wo ist noch etwas unklar? Wo passt die Lösung noch nicht?
- Ist das Bild gut, dann haben wir die Lösung, und der Prozess ist beendet.
- Andernfalls ist zu planen, welche der offenen Detailfragen in dem nächsten Zyklus aufgegriffen und zu einer Antwort gebracht wird. Dann geht es wieder weiter mit Punkt 2. Der Kreisprozess wird solange durchlaufen, bis ein klares, attraktives und stabiles Bild entstanden ist, bis alle wesentlichen Fragen beantwortet sind.
Die Situation durchheitern
Thomas Mann hatte für das Vorgehen ein schönes Wort geschöpft: durchheitern [12]. Denn das entstehende Bild wird immer klarer, indem wir die Fragen, Ungewissheiten und Zweifel gezielt aufgreifen und zu einer Lösung bringen. Die Antworten fügen sich wie Puzzleteile zu einem geordneten Gesamtbild zusammen. So fällt die Last der ungeklärten Fragen oder Probleme mehr und mehr von uns ab und stattdessen erfüllt uns eine Leichtigkeit, eine Freude, eine Gelassenheit und Heiterkeit. Schließlich ist das Bild klar, und wir haben die Situation im Griff.
Jetzt haben wir dieses Durchheitern bei der Entwicklung eines Limericks gesehen. Thomas Mann bezog es auf das Feilen an seinen Texten. Doch wir können das Durchheitern übertragen auf das Lösen und Klären unserer ganz alltäglichen Aufgaben – sei es etwa beim Kochen, bei der Gartenarbeit, in unseren Gesprächen, im Verein, aber auch bei der Arbeit oder was Ihnen sonst noch so einfällt. Also immer dann, wenn wir uns nicht mit einer vorgefertigten Lösung zufriedengeben möchten, sondern eine eigene attraktive Lösung schöpfen wollen.
Und dabei haben wir in jeder Situation, bei jeder Frage, die sich uns stellt, neu anzusetzen. Denn jede Situation ist spezifisch, und jeder einzelne Mensch ist spezifisch. So haben wir in jeder Situation eine neue, spezifische Lösung für unsere Frage zu entwickeln. Und dabei sammeln wir Erfahrungen, mit denen uns das Vorgehen immer leichter und freudiger von der Hand geht. Als Resultat erfüllt uns selbst eine innere Ordnung, wenn wir unserem Wesen immer mehr auf die Schliche kommen. Und zugleich schaffen wir durch unser Tätigsein eine Ordnung im Äußeren.
Fazit
Heute ist die Meinung weit verbreitet, dass alles in der Natur dem Chaos zustrebt. Und dass es die passenden äußeren Vorschriften und Gesetze braucht, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen. In diesem Artikel habe ich einen anderen Ansatz vorgestellt. Indem sich stabile und instabile Bewegungen konstruktiv ergänze kann eine tragende Ordnung für die gesamte Situation entstehen. Dieser Ansatz wurde von den Mathematikern Kolmogorow, Arnol’d und Moser für die klassische Mechanik entwickelt [13]. Und wir haben diese Gesetzmäßigkeit in der Struktur der Saturn Ringe betrachtet.
Doch der Ansatz ist übertragbar auf die belebte Natur und ganz konkret auf unser menschliches Miteinander. Denn wir Menschen möchten nicht, dass unser Leben, dass die Welt im Chaos endet. Sondern unsere Sehnsucht ist es, eine Ordnung in unser Leben zu bringen, die uns Halt und Orientierung bietet.
Dabei ist jeder einzelne Mensch aufgefordert. Jeder hat die Möglichkeit, in seinem Leben ordnende Strukturen zu schöpfen. Dafür hat sich jeder Einzelne seines Ichs, seines Wesenskerns bewusst zu werden und er braucht eine Aufgabe, die er mit seinen Fähigkeiten verwirklichen möchte. In diesem Bewusstsein entsteht eine Mitte, in der wir unsere Aufgaben mit unseren individuellen Möglichkeiten zu einem attraktiven Ausdruck bringen. Und das schafft eine befreiende Ordnung, die uns einen Halt und eine sichere Orientierung im Leben gibt.
Darüber hinaus braucht es den passenden äußeren Rahmen. Also Regeln und Gesetze, die den Menschen die Freiheit geben, ihre Vorstellungen verwirklichen zu können, und die dafür sorgen, dass die geschaffenen Resultate dem Gemeinwohl dienen.
Doch der ganz wesentliche Impuls, eine führende Ordnung in unser Leben zu bringen, liegt bei jeder einzelnen Person. Wir haben es selbst in der Hand!
Quellen
[1] Saturn (Planet) – Wikipedia
[2] Ringe des Saturn – Wikipedia
[3] Cassinische Teilung – Wikipedia
[5] Fibonacci-Folge – Wikipedia
[6] V.I. Arnol’d: Mathematische Methoden der klassischen Mechanik, Anhang 8, Birkhäuser Verlag, Basel-Boston-Berlin, 1988
[7] V.I. Arnol’d: Mathematische Methoden der klassischen Mechanik, Anhang 9
[8] Die drei Fragen des Lebens – Dem Leben Fülle geben
[9] Werde, der Du werden kannst – Dem Leben Fülle geben
[10] Limerick Lesung vom 02.09.2022 – Dem Leben Fülle geben
[11] Vielfalt im Einklang – Dem Leben Fülle geben
[12] Axel Hacke: Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte; Dumont Verlag, Köln, 2023, S. 166ff.
