Im antiken Griechenland, vor über 2500 Jahren, prägte Chilon von Sparta den Spruch: Erkenne Dich selbst! Er wurde zum Leitmotiv in dem Apolloheiligtum in Delphi erhoben. Doch warum sollten wir uns selbst erkennen? Was haben wir davon? Und wie können wir unser Selbst erkennen? Der Artikel gibt auf diese Fragen eine konkrete Antwort.
Herauszufinden, was das eigne Ich ausmacht, ist ein zentrales Bedürfnis eines jeden Menschen. Jeder möchte eine Vorstellung davon haben, was er in seinem Leben wirklich will, was ihm wichtig ist und was ihn als Person ausmacht. Und haben wir unser Selbst erkannt, dann können wir unser Denken, Fühlen und Handeln gezielt danach ausrichten, damit wir es in unserem Leben verwirklichen. Dann werden wir selbst zum aktiven Schöpfer unseres Lebens. Und das belebt. Es ist wie bei einem Fisch, der sein Wasser gefunden hat, in dem er munter umherschwimmen kann. Die Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben!
Doch was macht das eigne Ich überhaupt aus?
Zuerst stellen wir fest, das „Ich“ existiert unser ganzes Leben – von der Wiege bis zur Bahre. Es ist eine Art innerer Quell, der mich, der meinen Körper mit Leben erfüllt. Eine Art Potential, das als Möglichkeit in mir angelegt ist und zu einem Ausdruck gebracht werden kann. So muss das „Ich“ durch etwas Absolutes bestimmt sein. Durch etwas, das unabhängig von meinem Körper und von meinem Tätigsein existiert. Denn mein Körper ändert sich im Laufe der Zeit: die Zellen erneuern sich, die Haare werden grau, die Zähne fallen aus, die Kräfte lassen nach. Und auch das, was ich mache, was ich denke, was ich fühle ändert sich mit jeder Situation.
Dagegen ist die Kraft, die unser „Ich“ prägt, zeitlos, etwas Universelles, das unabhängig von mir existiert und mich zugleich in meiner Art zu sein prägt. Und nicht nur mich. Alle Menschen. Und nicht nur uns Menschen. Alle Lebewesen. Das „Ich“ resultiert aus einer universellen Lebenskraft, die die Grundlage für das Leben auf dieser Erde bildet. Wir können den Ursprung dieser Lebenskraft als das Wesentliche bezeichnen, als die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit, die in jedem Lebewesen auf eine ganz spezielle Art veranlagt ist und das Sein maßgeblich prägt. Bei uns Menschen sowie auch bei den Tieren drückt sich dieses Wesentliche im Aussehen und Verhalten aus. Bei den Pflanzen bestimmt es ebenfalls das Aussehen aber auch die Heilwirkung.
Die Seelischen Grundbedürfnisse
Wir Menschen finden einen Zugang zu dieser Lebenskraft in unseren Sehnsüchten, in den inneren, seelischen Bedürfnissen, die unser Verhalten bestimmen. (siehe auch: Die seelischen Bedürfnisse) Dabei lässt sich die Vielfalt der seelischen Bedürfnisse auf neun Grundbedürfnisse zurückführen, die in jedem Menschen angelegt sind:
- Der Wunsch nach Orientierung
- Der Wunsch nach Zentrierung
- Der Wunsch nach Weite
- Der Wunsch nach Eigenständigkeit
- Der Wunsch nach Klarheit
- Der Wunsch nach sozialer Verbundenheit
- Der Wunsch nach Neuausrichtung
- Der Wunsch nach Aktivität
- Der Wunsch nach Ordnung
Wir können die Grundbedürfnisse als einzelne Wesen betrachten, die im Zusammenspiel unsere Persönlichkeit, unser Leben ausmachen. Allerdings gibt es stets ein dominierendes Wesen, das einen Menschen maßgeblich prägt:
Der Wesenskern
Doch unser Wesenskern ist uns meistens nicht bewusst. Er ist überschattet von unseren Vorstellungen und unserem Wissen, wie wir meinen, dass der Alltag zu meistern wäre. Aber wir Menschen haben die Möglichkeit, den Kern zu erkennen und zum führenden Maßstab in unserem Leben zu erheben, so dass er uns Halt gibt und wir unser Denken, Fühlen und Wollen gezielt nach ihm ausrichten können.
Finden wir unseren Wesenskern heraus, dann bekommen wir eine Vorstellung von unserem inneren Potential, von der Möglichkeit, die in uns steckt. Dann können wir diese Möglichkeit bewusst weiter aufgreifen und in unserem Leben zum Ausdruck bringen. Wir werden zum bewussten Gestalter unseres Lebens.
Dabei ist der Wesenskern individuell ganz unterschiedlich. So ist der eine Mensch in seinem Element, wenn er etwas machen und tun kann, der andere möchte Fragen beantworten, eine Situation umfassend betrachten, einer Sache auf den Grund gehen oder Entscheidungen treffen und würdevoll vertreten. Und so weiter und so fort. Ganz nach der individuellen Veranlagung. Doch wie können wir unser Wesen herausfinden?
Wie können wir uns selbst erkennen?
Dafür haben wir eine konkrete Vorstellung zu entwickeln, wie die neun seelischen Grundbedürfnisse in uns veranlagt sind und wie sie unser Sein prägen. Hilfreich ist es dabei, sich Tiere anzuschauen, die das jeweilige Grundbedürfnis in einem gewissen Extrem verkörpern. Die Tiere wirken wie ein Spiegel. Indem wir sie eingehend betrachten, verschaffen wir uns einerseits eine Vorstellung von der Vielfalt unserer Persönlichkeitseigenschaften. Und gleichzeitig bekommen wir einen Zugang zu unserem Wesenskern, also zu der Eigenschaft, die uns maßgeblich prägt. Wir könnten uns auch Pflanzen oder Landschaften anschauen. Allerdings kommen die Eigenschaften bei den Tieren am direktesten zum Ausdruck.
Bei den Tieren ist das Wesen maßgeblich durch den Instinkt geprägt. Und sie bringen ihre Art zu sein quasi von Geburt an zu einem Ausdruck. Wir Menschen sind weniger instinktgeprägt. Stattdessen haben wir unser Bewusstsein. Wir haben die großartige Fähigkeit, uns selbst eine Vorstellung zu verschaffen, wie die einzelnen Wesen in uns veranlagt sind und was unseren Wesenskern ausmacht. Doch dieses Bewusstsein haben wir nicht von Geburt an. Wir haben es zu erkennen. Und weiter haben wir zu lernen, wie wir unseren Wesenskern zu einem Ausdruck bringen können. Und dieses Lernen endet nie. Es kann uns das ganze Leben über begleiten.
Doch genug der Vorrede. Fangen wir an, Bilder zu den Wesen zu betrachten:
1. Orientierung
Wie können wir die Präriehunde beschreiben? Was fällt auf? Was prägt die Tiere? Schauen Sie sich das Bild genau an:

Zuerst fällt die Aufmerksamkeit auf, das Interesse, mit dem die Präriehunde ihre Umgebung wahrnehmen. Ihr ganzer Körper ist in einer Anspannung. Ihre Sinne sind aktiviert: sie schauen, sie riechen, sie hören. So verschaffen sich die Präriehunde ein Bild von der Situation. Sie verschaffen sich eine Orientierung, eine Antwort auf die Fragen: Wo gibt es hier etwas zu fressen? Wo lauert hier Gefahr? Dabei stehen die Präriehunde in den Startlöchern, um auf das, was sie erspähen, schnell reagieren zu können – um zu fliehen oder Nahrung zu ergattern.
Das Verhalten der Präriehunde finden wir auch bei uns Menschen. Besonders ausgeprägt bei einem Beobachter, der aufmerksam, interessiert und unvoreingenommen eine Situation wahrnimmt. Doch im Gegensatz zu den Präriehunden können wir Menschen uns unsere eigenen Fragen stellen, in deren Licht wir die Situation betrachten. Wir können immer weiter fragen: Wie?, Was?, Wann?, Wo?. So betrachten wir die Situation aus immer neuen Perspektiven und die Antworten fügen sich in ein detailliertes, konkretes und umfassendes Bild, nach dem wir dann unser Handeln ausrichten.
2. Zentrierung
Bei der Zentrierung gehen wir über das reine Betrachten der Situation hinaus und dringen zum Wesentlichen vor, zum Kern, der die Situation maßgeblich prägt. Dafür nehmen wir die Situation nicht einfach als gegeben hin. Mit Warum?, Wieso?, Weshalb? hinterfragen wir sie. Wir stellen unsere eigenen Ansichten und Meinungen auf den Prüfstein, schauen ob sie wirklich hilfreich sind und verwerfen sie, wenn sie sich als untauglich herausstellen.
So beseitigen wir alles Überflüssige und dringen immer weiter zum Wesentlichen vor, zu dem was die Situation in ihrem Inneren ausmacht. Das erfordert einerseits eine auf das Wesentliche ausgerichtete Konzentration, eine Art detektivischer Spürsinn. Und andererseits braucht es eine klare Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was in einer Situation wichtig ist und dem, was überflüssig ist. Es ist die Fähigkeit eines Forschers oder Analysten.
Und was für ein Tier passt dazu? Vielleicht ein Hund, der eine Fährte aufnimmt und sie verfolgt, bis er das Ziel erreicht hat. Oder besser noch ein Dachs, der mit seiner Nase die Witterung für seine Nahrung aufnimmt. Dabei bleibt der Dachs nicht an der Oberfläche, sondern mit der Schnauze durchpflügt er zielgerichtet den Boden, um etwas Genießbares zu Tage zu fördern.

3. Weite
Es ist die Sehnsucht nach Weite, nach Unabhängigkeit, nach Freiheit. Das entsprechende Tier ist der Adler, der am Himmel seine Kreise zieht, hoch über dem irdischen Geschehen. Gleichzeitig schaut der Adler nach seiner Beute. Und erspäht er etwas, dann stürzt er aus seiner Höhe hinab, um sie zu erlegen.

Auch diese Eigenschaften sind in uns Menschen angelegt. Wir können sie zum Ausdruck bringen, indem wir einen universellen Gedanken aufgreifen (also zum Beispiel eins der neun seelischen Grundbedürfnisse) und ihn betrachten – und zwar unabhängig von einer konkreten Situation, entrückt von dem weltlichen Geschehen. Und haben wir den Gedanken klar auf den Punkt gebracht, dann entsteht eine Weite. Dann entsteht eine Vorstellung, was für Möglichkeiten mit dem Gedanken verbunden sind. Dieses Betrachten weckt die Intuition. Wir finden neue Ideen, die wir weiterverfolgen können, um sie in unser Leben zu integrieren.
Es ist die Welt der Priester und Philosophen, der Mystiker. Doch es sind auch die Erfinder, die einen Geistesblitz haben und mit diesem Gedanken unser Leben auf der Erde bereichern.
4. Eigenständigkeit

Ein Löwe gilt als Inbegriff der Würde. Diese strahlt er in seinem majestätischen Wesen aus. Er verkörpert Ruhe und Erhabenheit, verbindet Gelassenheit mit Stolz, zeigt Entschiedenheit, ist aufgerichtet, kraftvoll, mutig, willens- und durchsetzungsstark und gleichzeitig eigenständig und frei. Die zentrale Eigenschaft des Löwens ist es, die Herrlichkeit seines Seins zum Ausdruck zu bringen, der Stolz mit dem er das „Ich bin!“ souverän und würdevoll verkörpert und ausstrahlt.
Und wie können wir Menschen eine Würde entwickeln? Zuerst ist natürlich die Voraussetzung, dass wir uns unseres Wesens bewusst sind, dass wir eine Vorstellung davon haben, was unser Wesen ausmacht. Und von dieser Vorstellung müssen wir im Tiefen überzeugt sein. Diese Vorstellung richtet uns auf. Dann können auch wir Menschen unser „Ich bin!“ mit einem selbstverständlichen Stolz zum Ausdruck bringen. Dann werden wir Würdevoll.
Jetzt denken wir bei einem würdevollen Menschen meistens an eine Person, die einen gewissen Erfolg errungen hat oder die eine gewisse Macht über andere Menschen ausübt – einen König, General oder Geschäftsführer. Doch in dem Fall kommt die Würde von außen, sie ist mit einer Aufgabe oder einem Erfolg verbunden. Und nimmt man der Person ihre Aufgabe, dann ist meistens auch die Würde weg.
Doch wahre Würde kommt von innen. Sie ist das Resultat einer bewusst entwickelten Vorstellung von unserem Selbst. Diese innere Würde kann uns niemand nehmen. Doch jeder kann sie entwickeln – völlig unabhängig von dem Beruf, den wir ausüben, unserem Kontostand oder der Macht, die wir haben.
5. Klarheit

Bei einem Uhu fallen natürlich sofort die Augen auf, der starre Blick, mit dem er seine Umgebung wahrnimmt. Und dabei kann der Uhu nicht nur bei Tage sehen, sondern auch in der Nacht. Er bringt Klarheit ins Dunkel. Außerdem fallen die Ohren auf, die wie Federbüschel an seinem Kopf sitzen. Ansonsten wirkt der Uhu ruhend, er macht eigentlich nichts, außer die Umgebung aufmerksam zu beobachten.
Da mag es verwundern, dass der Uhu ein sehr erfolgreicher Jäger ist. Doch er erkennt seine Beute, fixiert sie und jagt erst dann, wenn er sicher ist, dass er die Beute erlegen kann. Bei seiner Jagd hat der Uhu eine Erfolgsquote von über 80%. Das ist weit mehr als bei Bussarden, Adlern oder Falken, deren Jagdquote etwa bei 25% liegt.
Fragen wir uns: Wie können wir Menschen unser Verhalten nach dem Uhu ausrichten? Wie kriege wir es hin, erst dann mit einer Arbeit zu beginnen, wenn wir eine klare Vorstellung entwickelt haben, wie wir sie auch meistern können? Wie können wir Klarheit schaffen?
Hilfreich ist dabei die Walt-Disney-Methode, die von Robert Dilts herausgearbeitet wurde. Dabei wird eine Lösung, die entwickelt werden soll, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet: Dem Träumer, dem Realisten und dem Kritiker. In unserem Gedankengebäude entspricht der Träumer dem Adler, der Realist dem Uhu und der Kritiker dem Dachs.
Bei dem Vorgehen schlüpfen die Beteiligten nacheinander in die drei Rollen hinein:
- Als Träumer stellen wir unsere Idee, unsere Vision, unseren Lösungsansatz vor.
- Als Realist entwickeln wir eine Möglichkeit, die Vision umzusetzen.
- Als Kritiker hinterfragen und prüfen wir die Möglichkeit auf ihre Tauglichkeit.
- Als Träumer greifen wir die Kritik auf und verbessern unsere Vision.
- Als Realist verbessern wir entsprechend den Lösungsansatz,
- den wir als Kritiker wieder prüfen.

Der Prozess wird so lange durchgeführt, bis die Lösung soweit konkretisiert ist, dass ein weiterer Durchlauf keine Verbesserung mehr bringt. Dabei wird mit jedem Durchlauf die Vorstellung von der Lösung immer klarer. Mehr und mehr entsteht eine Substanz, bis wir schließlich eine tragfähige Lösung für die gestellte Frage gefunden haben. Es ist die Welt des Problemlösers, der so lange an einer Lösung tüftelt, bis sie passt.
6. Verbundenheit
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir haben ein Bedürfnis nach sozialer Nähe, dem freudigen Miteinander und dem Austausch. Das finden wir auch bei den Tieren. Vor allem bei den hoch entwickelten Tieren, den Primaten, den Affen – wenn sie sich gegenseitig lausen oder, wie in diesem Bild, wenn wir den Eindruck haben: Die Affen diskutieren ja um eine Sache, als seien es Menschen.

Doch seien wir mal ehrlich: wann reden wir Menschen intensiv miteinander? Wann tauschen wir uns wirklich aus und ringen um eine gemeinsame Antwort auf eine Frage? Und wie soll das überhaupt möglich sein? Ist unser Miteinander nicht maßgeblich durch Konflikte geprägt? Durch Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten? Möchte nicht jeder nur seine Vorstellung möglichst gut durchsetzen und die anderen davon überzeugen? Wie kommen wir da zu einer gemeinsamen Sicht der Dinge?
Der springende Punkt ist: wir brauchen etwas, das wir gemeinsam wollen. Etwas, wo alle Beteiligte ein Interesse dran haben, das alle in der gegebenen Situation als etwas Wesentliches empfinden, für das sie sich eine Lösung herbeisehnen. Und haben wir so ein verbindendes Bedürfnis gefunden, dann stellen wir die Frage: Wie kriegen wir das hin?
Dabei bringt sich jeder mit seinen Vorstellungen in das Gespräch ein, die dann gemeinsam weiter geprüft und angepasst werden. Denn wir sind durchaus zu Änderungen oder Anpassungen unserer Ansichten bereit, wenn uns die Lösung für die Frage wichtiger erscheint, als unsere eigenen Meinungen durchzusetzen. Der Wunsch nach der Lösung schafft die Beziehung ins Miteinander. Jeder stellt sich dabei die Frage: Was kann ich mit meinen Möglichkeiten zu einer attraktiven Lösung beitragen? Dabei heißen wir die Vielfalt der Ansichten willkommen, denn sie schaffen die Grundlage, damit die erzielte Lösung stabil wird. Das Zusammenwirken ist geprägt von gegenseitiger Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen. Nicht, es allen recht zu machen, ist das Ziel – sondern alle Anregungen aufzugreifen und darüber bewusst gemeinsam zu entscheiden, ob und wie sie sich in ein attraktives und stabiles Lösungsbild einfügen lassen.
Es entspricht der Persönlichkeit eines Moderators, der ein Gespräch im Miteinander führt, so dass ein gutes Resultat erzielt wird. Oder auch eines Lehrers, der den Lehrstoff mit seinen Schülern gemeinsam herausarbeitet, so dass bei ihnen eine Vorstellung entsteht.
7. Neuausrichtung
Um uns auf etwas Neues einzulassen, haben wir die Bereitschaft zu entwickeln, das Alte, das Vertraute, das Bekannte hinter uns zu lassen. Das erfordert einerseits den Mut und die Kühnheit, sich über das Bestehende hinwegzusetzen, andererseits erfordert es die Gelassenheit, sich von überflüssigen Dingen trennen zu können.
Damit diese Bereitschaft entsteht, entwickeln wir ein klares, attraktives und realistisches Zielbild – also eine Vorstellung wie die Situation aussehen wird, wenn das Neue erreicht ist. Und weiter entwerfen wir einen möglichst exakten Plan mit den einzelnen Aufgaben, die für die Verwirklichung des Zieles erforderlich sind.
Dafür stellen wir Fragen: Wie lässt sich das Zielbild verwirklichen? Was ist in der Situation anzupassen? Welche Hindernisse stehen im Weg und wie lassen sie sich überwinden? Anhand der Antworten werden einzelne Aufgaben definiert, die in ihrem Zusammenwirken das Ziel sicher verwirklichen. Für jede Aufgabe ist anzugeben wer sie ausführt, wann sie zu erledigen ist, welche Zeit dafür erforderlich ist und ob noch weitere Unterstützung benötigt wird. Zu guter Letzt ist während der Umsetzung darauf zu achten, dass der Plan auch eingehalten wird.
Als Resultat entsteht eine Zuversicht, dass das Ziel erreichbar ist. Und es entsteht die Bereitschaft, sich auf das Neue wirklich einzulassen. Die Persönlichkeit, die diese Eigenschaften verkörpert ist der Entdecker, der Planer, der Stratege, der Projektleiter. Sie zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, Ziele formulieren zu können und den Weg dahin soweit zu ebnen, dass er beschritten werden kann. Ihre zentralen Eigenschaften sind ausgerichtet, prüfend, exakt, scharf, kühn und gleichzeitig gelassen. Ein passendes Tier ist der Falke:

8. Aktivität
Es ist die Sehnsucht, seinem Willen einen Ausdruck zu verleihen. Etwas zu machen, etwas zu tun oder zu gestalten, verbunden mit der Freude, zu sehen, wie durch das eigene Wirken etwas entsteht. Die hier erforderlichen Persönlichkeitseigenschaften sind das Engagement, das Durchhaltevermögen, die Zuverlässigkeit, die Hingabe und die Freude am Tun.
Das Tier, das diesen Eigenschaften recht gut entspricht, ist das Pferd. Sei es nun ein unbändiges Wildpferd, das seinem Willen freien Lauf lässt. Oder ein Ackergaul, der sich als Arbeitstier bereitwillig vor einen Pflug spannen lässt. Sei es ein Dressurpferd oder ein Zirkuspferd, die sich dressieren lassen und Kunststücke vollführen. Oder seien es die Pferde auf der Weide, die meistens nur herumstehen, sich ausruhen, nichts tun und sich dann überraschend im wilden Galopp austoben.

Ähnlich vielgestaltig wie die Pferde bringen auch wir Menschen unseren Willen durch unsere Aktivität zu einem Ausdruck. Sei es als Handwerker oder als Künstler, sei es beim Kochen oder bei der Gartenarbeit, sei es auf dem Fußballplatz oder beim Einkaufen oder was Ihnen sonst noch alles einfallen mag.
Jetzt sind die Pferde in ihrem Aktionsdrang entweder durch ihren Instinkt geprägt oder fügen sich dem Willen des Reiters oder Dompteurs. Dagegen können wir Menschen uns selbst fragen: Wie wollen wir die Aufgabe in der konkreten Situation ausführen? Wie wollen wir sie gestalten? Und wir können selbst auf diese Frage eine passende Antwort finden, nach der wir dann die Aufgabe mit unseren individuellen Möglichkeiten meistern.
Dabei ist es hilfreich, einige zentrale Eigenschaften herauszustellen, mit denen wir die Tätigkeit ausführen. Zum Beispiel: tatkräftig, sorgfältig, zuverlässig. Oder couragiert, zielgerichtet, gewissenhaft. Die Eigenschaften geben uns einen Rahmen, wie wir die Aufgabe erledigen. Und indem wir für unsere Aufgaben immer die gleichen Eigenschaften verwenden, sammeln wir Erfahrungen und die Arbeit geht uns immer leichter und erfolgreicher von der Hand.
9. Ordnung

Es ist die Sehnsucht, die einzelnen Wesen zu einem konstruktiven Zusammenwirken zu verbinden und dabei eine Ordnung zu schaffen. Wir können die Situation vergleichen mit einem Dirigenten. Dabei richtet sich der Dirigent nach seiner Partitur aus und fordert und fördert die einzelnen Musiker in dem Orchester nach seinen ganz individuellen Möglichkeiten, damit das Stück im Zusammenspiel gut erklingt. Und natürlich muss jeder Musiker seinen Part gut beherrschen und sich passend in das Zusammenspiel einfügen. Ist alles gut aufeinander abgestimmt, dann strahlt das Werk nach außen, der Funke springt über, die Aufführung wird zu einer Freude, dann erfüllt den Konzertsaal eine Harmonie, ein Einheitsgefühl, das den Dirigenten, die Musiker und das Publikum verbindet. Und dieses Gefühl nennen wir Liebe.
Die zentralen Eigenschaften, um Ordnung zu schaffen, sind das Ausgleichen und Verbinden, die Sehnsucht nach Harmonie aber auch die bewusste Vorstellung des Wesenskerns und der einzelnen Wesen.
Was dem Dirigenten sein Musikstück, das ist uns Menschen unser Wesenskern – also unser zentrales Wesen, das uns maßgeblich prägt. Um den Kern herauszufinden fragen wir uns: Welches der Wesen ist bei mir am meisten ausgeprägt? Was ist mein Wesenskern? Und weiter: mit welchen zentralen Eigenschaften bringe ich meinen Wesenskern zu einem Ausdruck?
- Vielleicht ist ihr Element das Machen und Tun und Sie erledigen ihre Aufgaben gewissenhaft, sorgfältig und mit Hingabe. Oder Sie sind temperamentvoll, engagiert und tatkräftig.
- Vielleicht sind Sie ein geselliger Mensch und Ihr Wesenskern ist die Verbundenheit, die Sie einfühlsam, ausgleichend und freudig zum Ausdruck bringen.
- Oder Sie sind ein sehr zielgerichteter Mensch, Ihr Wesenskern ist die Neuausrichtung mit den zentralen Eigenschaften präzise, mutig und gelassen.
Und so weiter. Schauen Sie selbst, was Ihrem individuellen Wesen entspricht. Dabei geht es bei den zentralen Eigenschaften nicht darum, möglichst viele auszuwählen, sondern sich auf die Wesentlichen zu beschränken, die Sie zum Ausdruck bringen, die für Sie wirklich passen. Und dabei ist weniger oft mehr.
Der Veränderungsprozess
Um jetzt unseren Wesenskern zu verwirklichen, können wir uns durch einen Veränderungsprozess leiten lassen. Im Zentrum steht der Dirigent, der im Bewusstsein seines Wesenskern die Aufgaben in den einzelnen Prozessschritten nach seinen zentralen Eigenschaften ausrichtet und in ihrem Zusammenwirken koordiniert. Im Bewusstsein des Wesenskernes werden wir zum Dirigenten unseres Lebens. Wir bringen unseren Wesenskern zum Ausdruck und lassen unsere Lebensmelodie erklingen. (Für ein Beispiel siehe: Der Sinn des Lebens)

- Orientierung – die Ausgangssituation umfassend und genau wahrnehmen.
- Zentrierung – das Wesentliche erfassen und auf den Punkt bringen.
- Weite – freies betrachten der Möglichkeiten, wie das Wesentliche zu einem Ausdruck gebracht werden kann.
- Eigenständigkeit – einen Gedanken aufgreifen und zum Maßstab für die Situation erheben.
- Klarheit – den Gedanken bis in das Machbare klären und konkretisieren.
- Verbundenheit – miteinander ein attraktives Bild schöpfen, wie der Gedanke die Situation neu ausrichtet.
- Neuausrichtung – realistische und konkrete Ziele und Aufgaben von dem Bild ableiten.
- Aktivität – Aufgaben gewissenhaft verwirklichen, das Wesentliche in die Realität bringen.
- Ordnung – Im Mittelpunkt steht der Dirigent, der im Bewusstsein seines Wesenskerns die anderen Wesen aktiviert und in ihrem Zusammenwirken ausrichtet und koordiniert, so dass eine befreiende Ordnung entsteht, die Zuversicht, Halt und eine sichere Orientierung bietet sowie die Lebenskräfte stärkt – die dem Leben Fülle gibt.
Doch richten wir unser Handeln nach dem Veränderungsprozess aus, so mag es zu Anfang durchaus auch Misstöne geben. Es ist wie bei dem Erlernen eines Instrumentes. Es dauert, bis wir mit den einzelnen Wesen wirklich vertraut sind und bis wir ihr Zusammenspiel gut im Griff haben. Dabei besteht die Kunst darin, sich über die kleinen Fortschritte zu freuen, so dass sie uns beflügeln, immer anspruchsvollere Aufgaben aufzugreifen. Mit der Zeit verschwinden die Misstöne und unsere Lebensmelodie erklingt immer freier, immer leichter, immer heiterer.
Fazit
Es freut mich, wenn die Lektüre dieses Artikels für Sie anregend war und Sie ihrem Wesen etwas auf die Schliche gekommen sind. Und vielleicht schauen Sie jetzt die Welt mit etwas anderen Augen an. Einerseits weil Sie eine gewisse Vorstellung erlangt haben, was Ihr Wesen ausmacht, andererseits wenn sie feststellen: die Wesen sind ja überall. Denn die Wesen prägen das gesamte Leben auf dieser Erde.
Wir haben das Bewusstsein für die Wesen zu erlernen. Und da können wir bei uns selbst anfangen. Indem wir unser eigenes Wesen mehr und mehr ergründen und zum Maßstab unseres Lebens erheben, leben wir mehr und mehr im Bewusstsein unserer inneren Natur. So kommen wir in Kontakt mit unserem inneren Potential, mit dem, was wir in unserem Leben zum Ausdruck bringen können. Gleichzeitig erkennen wir die Wesen in unserer Umgebung immer leichter und können unsere Aufgaben immer souveräner mit ihnen gestalten und ausführen. So bringen wir unsere Lebensmelodie zum Klingen. Und das befreit, stimmt heiter und gibt dem Leben Fülle.
