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Etwas vermitteln

Xanthippe: Sokrates, Du bist so weise. Aber wie vermittelst Du Deine Weisheit?

Sokrates: Ach ich bin nicht weise. Keinesfalls! Ich bin neugierig, interessiert und unvoreingenommen. Außerdem hat mich der Herrgott mit einem ganz passablen Verstand ausgestattet, mit dem ich all die Informationen, die ich sammle, gut zusammenbringe, mir eine lebhafte Vorstellung verschaffe, was in einer Situation angemessen und sinnvoll ist und danach mein Handeln ausrichte.

Xanthippe: Aber Sokrates, das ist doch Weisheit! Sag konkret: Wie machst Du das? Mir fällt da grad noch ein anderer Weisheitslehrer ein. Der Lehrer Lämpel, der ja behauptete, den Schülern neben dem Ein-Mal-Eins auch Weisheiten beizubringen.

Sokrates: Ja der Lämpel, der ist noch von der ganz alten Schule. Wie er mit erhobenem Zeigefinger, streng seine Lehren vermittelt, damit die Schüler alle brav zuhören und seinem Unterricht folgen.

Xanthippe: Da gibt es als Schüler nur zwei Möglichkeiten. Entweder man fügt sich brav dem Lehrer und hört ihm zu oder man widersetzt sich, geht in den Protest.

Sokrates: So wie Max und Moritz. Die waren bei dem Lämpel unten durch mit ihren Scherzen. 

Xanthippe: Nur wenn ich brav zuhöre, dann lerne ich was von dem Lehrer. Lerne es sogar auswendig. Kann es nachsagen. Aber habe ich dann wirklich etwas gelernt, etwas das mich weiterbringt, wovon ich im Alltag profitiere?

Sokrates: So lernst Du Lesen, Schreiben, Rechnen. Dafür braucht es einen gewissen Drill, damit die Schüler diese Fähigkeiten wirklich gut mitbekommen. Das ist wichtig, damit sie sich später im Alltag zurechtfinden können.

Xanthippe: Aber der Lämpel verspricht doch mehr. Er möchte den Schülern nicht nur das A-B-C beibringen, sondern auch Weisheit.

Sokrates: Doch der Lämpel lehrt seine ‚Weisheit‘ mit erhobenem Zeigefinger. Frei nach dem Motto: So hast Du dies zu machen und so hast Du das zu machen; lass dies besser sein und tue das auf gar keinem Fall. Das sind lauter Benimmregeln, nach denen wir uns zu richten haben.

Xanthippe: Aber solche Benimmregeln können im Alltag doch sehr hilfreiche sein.

Sokrates: Ach das erinnert mich an den Knigge. Indem wir uns an die Regeln klammern wird das gesamte Miteinander so förmlich und verkrampft. Ich meine gewisse Regeln für den Umgang braucht es schon, sonst herrscht Chaos und Anarchie. Aber wir dürfen uns nicht zu Sklaven dieser Regeln machen.

Xanthippe: Du meinst, die Regeln können uns nur eine Orientierung geben, wie wir die konkreten Situationen im Alltag gestalten?

Sokrates: Ja. Das wichtige ist, dass wir unvoreingenommen die vorliegende Situation betrachten. Was ist hier los? Und erst wenn wir da ein konkretes Bild haben, fragen wir uns: Was ist in der Situation zu ändern? Wie wollen wir sie anders gestalten?

Xanthippe: Durch diese Fragestellung betrachten wir die Situation eigenständig und werden unabhängig von den Benimmregeln.

Sokrates: Ja, wir verschaffen uns unser eigenes Bild und haben allerdings dafür zu sorgen, dass es möglichst realistisch ist und dabei zugleich umfassend, konkret und detailliert.

Xanthippe: Also, wenn ich jetzt jemandem etwas vermitteln möchte, dann habe ich mir zuerst einmal die Frage zu stellen: Wie ist die Situation? Und weiter: Was ist das für ein Mensch? Was für einen Hintergrund hat er? Was sind seine Interessen?

Sokrates: Genau! Und wenn wir dieses Bild haben, dann erst kann ich mir die Frage stellen: wie kann ich meinem Gegenüber etwas vermitteln? Etwas, das für ihn in seiner konkreten Situation passt und angemessen ist. Und weiter: Wie kann ich meine Information so verpacken, dass es bei dem Gegenüber auch ankommt, dass sie ihn trifft und wirklich erreicht?

Xanthippe: Das Vorgehen ist ja ganz anders als bei dem Lämpel. Da hatten sich alle Schüler nach ihm zu richten, ruhig zu sein, ihm zuzuhören und dann hat er ihnen eindringlich mit erhobenem Zeigefinder seine ‚Weisheiten‘ vermittelt.

Sokrates: Doch das wird leicht zur trockenen Wissensvermittlung. Ohne direkten Bezug zum Alltag. Dagegen möchte ich meine Lehrinhalte für die Schüler direkt zum Leben bringen. Sie sollen eine Vorstellung davon erhalten, wie der Lehrinhalt zu einem Ausdruck gebracht werden kann. Sie sollen erleben, dass das Vermittelte nichts theoretisch Abgehobenes ist, sondern ganz konkret in der vorliegenden Situation zu einer Bereicherung führt.

Xanthippe: Und dafür richtest Du mit Deinen Schülern die Situation nach dieser ‚Weisheit‘ aus.

Sokrates: Ja ich bringe einen gestaltenden Gedanken in die Situation ein.

Xanthippe: Einen was? Was meinst Du mit diesem gestaltenden Gedanken genau?

Sokrates: Also, ich habe die Situation erfasst, mir die Frage gestellt: Wie könnte jetzt die Situation verändert werden? Was ist angemessen? Und habe ich eine passende, geeignete Antwort auf diese Frage gefunden, dann vermittle ich die Idee bzw. den Gedanken den Schülern.

Xanthippe: Aber dann bist Du doch wieder genauso wie der Lämpel!

Sokrates: Nein, bin ich nicht! Ich vermittle den Gedanken, in einer Form, dass er bei den Zuhörern ankommt, dass sie ihn verstehen und sie ihn selbst aufgreifen und anfangen ihn zu denken. Dass sie sich selbst die Frage zu stellen: Wie können wir die Situation nach dem Gedanken ausrichten?

Xanthippe: So wirkt der Gedanke wie ein Samenkorn, das auf fruchtbaren Boden fällt, anfängt zu keimen und sich zu einer Pflanze entwickelt.

Sokrates: Ja genau. Und dafür habe ich natürlich den Boden zu beackern, dass der Samen gut gedeiht. Dafür wird der Gedanke der ausrichtende Maßstab in der Situation. Die Beteiligten fangen an, den Gedanken selbst zu denken und sich zu fragen: Wie kann der Gedanke für die Situation angewandt werden? Die Frage aktiviert die Phantasie. Jeder findet mögliche Antworten auf die Frage. Die Beteiligten haben sich auszutauschen, die verschiedenen Ideen und Vorstellungen sind in ein Gesamtbild zusammenzubringen, wie die Situation nach dem Gedanken auszurichten sei.

Xanthippe: Die einzelnen Beiträge fügen sich wie Puzzleteile zusammen. Jeder fügt sein Teil hinzu, passt es an, damit es sich gut in das entstehende Gesamtbild einfügt.

Sokrates: Der Gedanke wird im Miteinander zum Leben gebracht. Es entsteht ein gemeinsames Bild, nach dem die Situation dann konkret ausgerichtet wird.

Xanthippe: So wird Lernen zum Erleben. Es werden keine trockenen Fakten vermittelt, sondern durch den Gedanken werden die Beteiligten aktiviert. Freudig bringen sie den Gedanken zur Gestalt.

Schach mit Paul

Mein Neffe Paul spielt gerne Schach, und für seine 8 Jahre führt er die Figuren auch schon ganz passabel. Ich selbst habe jahrelang aktiv Schach im Verein gespielt; da sind meine Partien gegen Paul für ihn immer kleine Lehrstücke. Oft bringe ich ihm einige Tricks und Kniffe bei, wie er seine Partie gut anlegen kann.

Eugen, lass uns mal wieder eine Partie Schach spielen!

Na los! Hol das Brett raus und bau schon mal die Figuren auf. Wer hat Weiß?

Ich natürlich!

Das Spiel geht los. Paul fängt an. Er opfert bereits am Anfang einen Bauern. Bald darauf opfert er einen Springer und dann noch einen Läufer. Ich nehme die Opfer alle an und muss aufpassen, dass ich meinen König in Sicherheit bringe. Doch Pauls Opfer sind nicht korrekt. Ich schütze meinen König, wir tauschen noch die Damen und die Türme ab. Pauls Angriff ist abgeschlagen, denn mit der Mehrzahl meiner Figuren kann ich die Partie sicher gewinnen.

Hm, das ist unfair! Mir fehlen die Figuren, um weiter anzugreifen!, jammert mein Neffe.

Ja Paul, nicht jeder Angriff schlägt durch, und nicht jedes Opfer ist korrekt.

Aber ich habe die Partie interessant gemacht, nicht? Ich wäre ja sonst bei einer langweiligen Partie glatt eingeschlafen.

Mag sein, doch ich habe gewonnen.

Ich finde, eine Partie interessant zu machen, ist doch mehr wert, als die Partie zu gewinnen, oder?

Es ist bestimmt ein tolles Gefühl, wenn es hoch her geht bei einer Partie, aber trotzdem geht es ums Gewinnen dabei, lieber Paul!

Ich möchte Paul klarmachen, dass es beim Schach vornehmlich darum geht, zu gewinnen, und nicht so sehr darum, wilde Partien zu spielen. Er sollte mehr und mehr begreifen, dass die Figuren zu wertvoll sind, um sie planlos und unnötigerweise zu opfern. Bei unserer nächsten Partie könnte ich den Spieß mal umdrehen: Ich spiele die wilde Opferpartie und zeige Paul, wie er gewinnen kann.

Bei der nächsten Gelegenheit frage ich Paul, ob wir Schach spielen wollen. Er freut sich und holt das Spiel aus dem Schrank.

Diesmal nehme ich aber die weißen Steine!

Okay, dann beginnst du heute!

Für die Gestaltung der Partie überlege ich mir kurz, wie ich vorgehen werde: eine aggressive Eröffnung; eine Figur opfern, damit Paul seinen König ziehen muss. Ich nehme mir vor, während des Spiels die Züge an den wesentlichen Stellen zu kommentieren, damit Paul gleich sieht, was geschieht.

Wie geplant lege ich die Partie wild an und opfere bald einen Läufer, um Pauls König ‚Schach‘ zu geben.

Eugen, was machst du denn da! Ich konnte ja meinen König noch gar nicht in Sicherheit bringen; wie kann ich mich da denn noch wehren?

Paul ist ganz verzweifelt.

Schau mal, Paul, mein Opfer kommt viel zu früh, stimmt’s? Ich habe meine Figuren noch gar nicht richtig entwickelt und so auch noch gar keinen Nachschub für meinen Angriff.

Ja schon, aber was soll ich jetzt tun?

Sieh mal, du kannst jetzt meine Figuren abtauschen und am Ende wirst du eine Mehrfigur haben, um die Partie leicht zu gewinnen.

Hm, also wenn ich jetzt meinen Läufer hierher ziehe, dann bist du doch gezwungen, den gegen deinen Läufer abzutauschen, oder?

Ja genau, da bleibt mir gar nichts anderes übrig… Am besten versuchst du, die Damen recht schnell abzutauschen. Dann ist mein Angriff verpufft und du gewinnst.

Jetzt versinkt Paul ins Nachdenken. Wie kann er es erzwingen, dass die Damen abgetauscht werden? Nach einigem Grübeln fällt ihm eine gute Zug-Kombination ein. Geschickt lockt er meine Dame auf ein Feld, auf dem ich sie abtauschen muss. Danach gewinnt Paul die Partie leicht mit seiner Mehrfigur.

Paul ist stolz wie Oskar und ruft: Das muss ich gleich meinen Freunden erzählen, wie ich gegen dich gewonnen habe!

Paul wendet in der nächsten Zeit diese Strategie erfolgreich beim Schachspielen gegen seine Freunde an; außerdem geht er jetzt viel behutsamer vor und zieht seine eigenen Figuren mit Bedacht. Doch bald darauf höre ich erstaunt, dass Paul von der ‚Eugen-Strategie‘ spricht, wenn es darum geht, die Figuren abzutauschen, sobald man eine mehr hat als der Gegner. Ich erkläre ihm, dass ich diese Strategie keinesfalls erfunden hätte, sondern dass sie zum Grundrepertoire eines jeden Schachspielers gehöre.

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