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Kosmos und Mensch

Das Wort Kosmos stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet die wohlgegliederte Ordnung der Welt, die eine Grundlage für Schönheit und Harmonie bildet. Der Kosmos umspannt die Ordnung der Galaxien sowie der Elementarteilchen, beschreibt das Wesen der Mücke sowie des Elefanten und reicht von den Fragen unseres täglichen Lebens bis zu der Gestaltung unseres gesellschaftlichen Miteinanders.

Doch was ist die Ursache der Ordnung? Und: Wie können wir Menschen in unserem Leben Ordnung, Schönheit und Harmonie schaffen? Bei Goethe finden wir einen Ansatz [1]:

Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze.

In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, was denn diese „geheimen Naturgesetze“ sind und wie wir sie in unserem Leben aufgreifen können, um zur Ordnung, Schönheit und Harmonie zu gelangen.

Was ist Ordnung?

Bei dem Wort Ordnung denken wir vielleicht zuerst an die Straßenverkehrsordnung oder an Recht und Ordnung. Also an irgendwelche Vorschriften, nach denen wir uns zu richten haben, die wir allerdings oft als einen aufoktroyierten Zwang empfinden, der unsere Freiheit einschränkt. Physiker haben eine andere Vorstellung von Ordnung. Für sie resultiert die Ordnung aus den zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten und gibt dem Dasein einen befreienden Halt und eine Orientierung.

So ist es das Bemühen der Physiker, die universellen Gesetze der unbelebten Natur zu ergründen. Doch sind uns diese Gesetze erst einmal verborgen. Sie sind für uns nicht direkt erfassbar. Haben wir jedoch eine physikalische Gesetzmäßigkeit aufgespürt, dann sehen wir in den Ereignissen in unserer Umwelt eine Ordnung, dann verstehen wir die Mechanismen, dann können wir die Gesetzmäßigkeiten selbst aufgreifen und in vielfältiger Forn in unserem Alltag und in der Technik anwenden. Betrachten wir ein Beispiel:

Die klassische Mechanik

Schon die frühen Kulturen der Babylonier und Ägypter wollten verstehen, wie sich die Planeten bewegen und die Sternbilder im Laufe des Jahres verändern. Dabei waren für sie die Erscheinungen am Himmel direkt mit den Göttern verbunden und ihre Beobachtungen fanden Ausdruck in der Mythologie. Darüber hinaus entwickelten sie die ersten Kalender und das Verständnis der Sternenbilder ermöglichte ihnen eine Orientierung bei der Seefahrt oder bei ihren Wanderungen durch die Wüste.

Im antiken Griechenland konkretisierte sich die Vorstellung des Universums und gipfelte in dem ptolemäischen Weltbild, nach dem sich die Planeten und die Sonne auf einzelnen Kristallsphären um die Erde bewegen. Dieses Weltbild galt als Inbegriff der Ordnung und Harmonie und wurde als „Kosmos“ bezeichnet [2]. Später wurde der Begriff verallgemeinert und umfasst heute die Ordnung in den unterschiedlichsten Bereichen der Natur.

Das ptolemäische Weltbild hielt sich über viele Jahrhunderte, bis Galileo Galilei (1564 – 1641) mit seinem Fernrohr die Jupiter Monde entdeckte. Die Beobachtung erschütterte das Weltbild. Denn in dem Bild gibt es keinen Platz für Monde, die um die einzelnen Planeten kreisen. Galilei dachte: dann müssten in den Kristallsphären ja Löcher sein, damit die Monde überhaupt die Möglichkeit haben für ihre ungehinderte Bewegung. Er kam zu dem Schluss: Die ganze Vorstellung mit den Kristallsphären, auf denen sich die Planeten um die Erde bewegen, passt nicht. Es brauchte eine neue Theorie!

Das deterministische Weltbild

Im Jahre 1687 formulierte Isaac Newton (1642 – 1726) die mathematischen Grundlagen der klassischen Mechanik [3]. Dafür trug er die Beobachtungen und Ergebnisse der Forscher und Astronomen zusammen und abstrahierte daraus drei Axiome, also Grundannahmen aus denen er die mathematische Formulierung der klassischen Mechanik entwickelte. Danach ist die Bewegung der Teilchen vollständig durch die Lösungen der Bewegungsgleichungen bestimmt oder, wie Physiker sagen: determiniert. So lässt sich berechnen, wie ein Planet um die Sonne kreist, wie ein Apfel vom Baum fällt, auf welcher Bahn ein Ball fliegt, den wir in die Luft werfen, oder warum ein Bumerang zum Werfer zurückkehrt. Mit Newtons Erkenntnis war das ptolemäische Weltbild endgültig abgelöst und es verbreitete sich die Vorstellung, dass die Sonne das Zentrum unseres Sonnensystems ist, um die sich die Planeten mit ihren Monden bewegen.

Die Rolle der Stabilität

Doch die Lösungen der Bewegungsgleichungen allein beschreiben noch nicht vollständig die Bewegung. Ende des 19. Jahrhunderts erkannten Henri Poincaré und Alexander Michailowitsch Ljapunow, dass zusätzlich die Stabilität zu berücksichtigen ist [4]. Sie gibt an, wie sich eine kleine Störung im Laufe der Zeit auf die Bewegung auswirkt. Doch betrachten wir ein Beispiel. In der folgenden Abbildung sind zwei Teilchenbahnen dargestellt:

Beide Teilchenbahnen sind Lösungen der newtonschen Bewegungsgleichungen. Dabei zeigt das linke Bild ein regelmäßiges Muster, das rechte ein Durcheinander. Das Wirrwarr nennen die Physiker chaotisch, die Bahn mit dem gleichmäßigen Muster geordnet. Doch warum ist die eine Bahn geordnet, die andere ungeordnet?

Der springende Punkt ist, dass die geordnete Bewegung durch eine übergeordnete Gesetzmäßigkeit geprägt ist, die die Teilchenbahn in jedem Punkt ausrichtet, und die sich in dem regelmäßigen Muster manifestiert. Dabei resultiert die Gesetzmäßigkeit aus einer Erhaltungsgröße, das heißt, einer Größe, die konstant bleibt, die sich entlang der Bahn nicht ändert. Die Größe selbst können wir zwar nicht sehen, doch sie findet ihren Ausdruck in dem geordneten Bahnverlauf. Und ändern wir die Bahn ein wenig – also ihre Startbedingungen, ihre Geschwindigkeit und Anfangsposition – dann ändern wir damit auch den Wert der Erhaltungsgröße, und die Bewegung beschreibt ein etwas verändertes, aber doch weiterhin regelmäßiges Muster. Die Physiker sagen: Die Bewegung ist stabil.

Und bei der chaotischen Bewegung? Da fehlt diese übergeordnete Gesetzmäßigkeit, da gibt es keine Erhaltungsgröße, die den Verlauf der Bahn bestimmt. Stattdessen beschreibt die Bahn ein wirres Durcheinander, das jede Ordnung vermissen lässt. Ändern wir bei dieser chaotischen Bewegung die Startbedingungen nur ein wenig, dann zeigt der Bahnverlauf ein völlig anderes Bild. Die Bewegung wird instabil genannt.

Zusammenfassend können wir sagen: ist die Bewegung eines Teilchens – also etwa eines Planeten, der um die Sonne kreist – durch eine Erhaltungsgröße bestimmt, dann resultiert daraus ein geordnetes Bild für die Bewegung. Gibt es für die Teilchenbahn keine zugrundeliegende Erhaltungsgröße, dann herrscht Chaos.

Ordnung im Leben

Doch wie können wir dieses Bild der Ordnung auf die belebte Natur und auf uns Menschen übertragen? Die stabile und die instabile Bahn erinnern an ein Gleichnis aus der Bergpredigt, bei dem Jesus von dem Haus spricht, das auf Stein gebaut ist und stabil den Unwettern trotzt, und dem Haus, das auf Sand gebaut ist und bei dem erst besten Platzregen in sich zusammenfällt [5]. Doch es stellt sich die Frage:

Was gibt uns im Alltag die nötige Stabilität?

Schauen wir in der Natur. Sie macht es uns vor. Betrachten wir als ein konkretes Beispiel eine Schar fliegender Gänse. Die formieren sich in ihrem Flug immer zu einem V. Dieses Verhalten erfolgt bei den Gänsen ganz instinktiv. Jeweils eine Gans fliegt voran, und die anderen folgen schräg versetzt in ihrem Windschatten. Und da das Fliegen an der Spitze anstrengend ist, wechseln sich die Gänse in ihren Positionen ab.

Das Fliegen im gegenseitigen Windschatten ist viel kräftesparender, als wenn jede Gans für sich alleine losfliegen würde. Und haben die Gänse das gemeinsame Ziel, in den Süden zu fliegen, so können sie es mit der V-Formation sehr gut erreichen.

Wir können den Ansatz auf unser Leben übertragen. Wenn wir im Miteinander für eine konkrete Situation oder Frage eine attraktive, stabile, beständige und verlässliche Lösung herausbilden, dann können wir danach unser Handeln bewusst ausrichten. Die Lösung stellt einen Wert dar, der in der Situation eine Ordnung schafft.

Das geschieht auch bei dem Gänseflug. Die Vögel richten sich als V aus. Das ist die Ordnung, die sie durch ihr Verhalten schaffen. Der zugrunde liegende Wert ist der Flug im gegenseitigen Windschatten. Doch die Gänse machen das instinktiv. Sie fliegen nicht bewusst im Windschatten, ihnen ist der Wert, den ihnen ihre Flugformation bietet, nicht gegenwärtig.

Doch wir Menschen können den Wert erkennen und ihn auf unser Leben übertragen. Etwa beim Radfahren, wo es kräftesparend ist, wenn sich mehrere Radler im gegenseitigen Windschatten fortbewegen. Und auch dabei entsteht eine Ordnung, ähnlich der V–Formation bei den Gänsen.

Aber wir Menschen können noch weiter gehen. Mit unserem Bewusstsein haben wir die großartige Möglichkeit, selbst einen Wert für eine Situation zu schaffen und ihn zum Ausdruck zu bringen. Wir können selbst eine tragende Ordnung schaffen! Doch bevor wir uns jetzt die Frage stellen, wie das funktioniert, fragen wir uns zuerst:

Was ist ein Wert?

Seit den alten Griechen beschäftigen sich Philosophen mit der Frage, was Werte eigentlich sind. Auch in der Psychologie, in der Pädagogik und Soziologie sowie in den Naturwissenschaften ist der Begriff des Wertes von Bedeutung. Und für die Wirtschaftswissenschaften ist die Wertschöpfung ein zentrales Thema. So beinhaltet die Frage nach den Werten, die heute durchaus breit und kontrovers diskutiert wird, einerseits die grundsätzliche Frage, was Werte eigentlich sind, und andererseits die Frage nach ihrer Bedeutung in unserem Leben. Mit dem Wort Wert sind verschiedene Vorstellungen verknüpft. Ich möchte für das Folgende eine mögliche Definition herausstellen:

Ein Wert ist eine attraktive und stabile Lösung für etwas Wesentliches.

Jetzt mögen Sie sagen: schön und gut, jetzt haben wir eine Definition für den Wert. Doch sofort stellt sich die Frage:

Was ist das Wesentliche?

Das Wesentliche ist der innere Kern einer Sache, die Essenz, die zugrunde liegende universelle Gesetzmäßigkeit. Doch wie prägt das Wesentliche eine Sache? Wie kommt es zu einem Ausdruck? Wir können das Wesentliche als Potential betrachten, also als eine Möglichkeit, die in einer Sache, einer Situation oder einem Lebewesen vorhanden ist und zu einem Ausdruck gebracht werden kann.

Betrachten wir als Beispiel eine Kugel, die oben auf einem Berg liegt. Um diese Kugel auf den Berg zu bringen, ist ein gewisse Arbeit erforderlich, die als potentielle Energie in der Kugel gespeichert ist. Diese Energie gibt der Kugel die Möglichkeit, sich schnell zu bewegen. Doch oben auf dem Berg ruht die Kugel erst einmal, das Potential kommt nicht zum Ausdruck. Geben wir der Kugel jedoch einen Stups, so rollt sie den Berg hinab und wird dabei immer schneller. Dabei wird die potentielle Energie der Kugel in Bewegungsenergie umgewandelt. Das Potential der Kugel wird zu einem Ausdruck gebracht.

Wir können das Wesentliche auch in einem Samenkorn erkennen. In dem Korn liegt das Potential, sich zu einer Pflanze zu entwickeln. Doch damit das Samenkorn zu der Pflanze wird, hat es auf fruchtbaren Boden zu fallen, hat es genügend zu regnen, so dass das Korn keimt, wächst und gedeiht. So kann aus dem Korn eine üppige Pflanze werden. Das Potential, das in dem Samenkorn liegt, kommt zu einem Ausdruck.

Wir finden diese Art der Wandlung auch bei den Tieren. Etwa bei einer Schmetterlingsraupe, wenn sie sich in ihren Kokon verspinnt, der dann aufbricht, womit die Raupe ihr Raupendasein hinter sich lässt und zum Schmetterling wird. So ist in der Raupe das Potential zum Schmetterling vorhanden. Doch damit sich das Potential verwirklicht, hat sich die Raupe zuvor soweit zu entwickeln, bis die Wandlung tatsächlich erfolgen kann.

Zusammengefasst können wir sagen:

Das Wesentliche ist das innere Potential,

das in einer Situation oder einem Lebewesen

zum Ausdruck gebracht werden kann.

Und bringen wir das Wesentliche zu einem Ausdruck, so ist das immer mit einer befreienden Veränderung verbunden. Wir haben das Alte loszulassen, um etwas Neues zu verwirklichen.

Das Wesentliche bei den Lebewesen?

Jetzt genügt die Bewegung der Kugel den Gesetzen der klassischen Mechanik. Während die Wandlung des Samenkorns zur Pflanze sowie auch der Raupe in einen Schmetterling nach genetisch vorgegebenen Programmen erfolgt. Doch wir Menschen werden in unserem Verhalten nicht durch irgendwelche physikalischen Gesetze oder genetischen Programme bestimmt. Stattdessen ist unser Verhalten maßgeblich durch unsere Vorstellungen, Ansichten und Meinungen geprägt, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Doch was soll da das Wesentliche sein?

Das Wesentliche ist eine universelle Eigenschaft, die unabhängig von den Lebewesen existiert und sie zugleich in ihrer Art prägt. Es umfasst die Grundeigenschaften des Lebendigen, also die verschiedenen Arten, wie wir unser Sein zum Ausdruck bringen. Wir können neun Grundwesen unterscheiden:

Diese Wesen sind in jedem Lebewesen angelegt und machen in ihrem Zusammenspiel das Leben aus. Allerdings gibt es stets ein dominierendes Wesen, das ein Lebewesen maßgeblich prägt – den Wesenskern. Der Kern ist das innere Potential, das in einem Lebewesen vorhanden ist und zu einem Ausdruck gebracht werden möchte. Und die anderen Wesen werden entsprechend ausgerichtet und genutzt, um den Wesenskern zu einem Ausdruck zu bringen. Dieses Zusammenspiel des Wesenskern mit den einzelnen Wesen ist die Grundlage, auf der sich die Vielfalt des Lebens entwickelt hat.

Das Wesentliche unseres Menschseins

Bei Pflanzen bestimmt der Wesenskern das Aussehen sowie die Heilwirkung. Bei Tieren das das Aussehen und Verhalten. Und bei uns Menschen findet er Ausdruck in unserer prägenden Persönlichkeitseigenschaft. Diese ist bei jedem Menschen ganz individuell veranlagt.

Doch wir sind uns unseres Wesenskerns meistens nicht bewusst. Stattdessen richten wir unser Leben nach dem aus, was wir wollen: unsere Familie, unsere Arbeit, der Fußballverein, das Auto, das wir fahren, die Socken, die wir tragen, die Gedanken, die wir uns über die Dinge machen, oder unsere Gefühle, die uns erfassen. Ohne Frage, diese Sachen haben alle ihre Berechtigung, doch sie sind vergänglich.

Dagegen ist der Wesenskern etwas Absolutes, das unser ganzes Leben lang existiert und das unser Leben prägt. Der Kern möchte erkannt, er möchte aufgeweckt werden, damit unser inneres Potential zu einem Ausdruck kommt. Dann können wir unsere „innere Handbremse“ loslassen und ein befreites Leben führen. Es ist, als wenn ein Fisch sein Wasser gefunden hat, in dem er munter umherschwimmen kann.

So mag der eine Mensch in seinem Element sein, wenn er etwas machen und tun kann, der andere lebt auf, wenn er eine Frage klären kann, eine Situation eingehend betrachten kann oder einen Entschluss herbeiführen kann…. und so weiter und so fort – ganz nach der individuellen Veranlagung.

Doch wie können wir unseren Wesenskern auf Schliche kommen?

Bilder schaffen für das Wesentliche

Dafür haben wir eine konkrete Vorstellung zu den einzelnen Wesen zu entwickeln, wie sie in uns veranlagt sind und unser Sein prägen. Hilfreich ist es dabei, sich Tiere anzuschauen, die ihr Wesen in einem gewissen Extrem verkörpern. Die Tiere wirken wie ein Spiegel. Indem wir sie eingehend betrachten, verschaffen wir uns eine Vorstellung von der Vielfalt unserer eigenen Persönlichkeitseigenschaften. Und gleichzeitig bekommen wir einen Zugang zu unserem Wesenskern, also zu der Eigenschaft, die uns maßgeblich prägt. Wir könnten uns auch Pflanzen oder Landschaften anschauen. Allerdings kommen die Eigenschaften bei den Tieren am direktesten zum Ausdruck. Doch betrachten wir ein Beispiel:

Die Eigenständigkeit

Ein Löwe gilt als Inbegriff der Würde. Diese strahlt er in seinem majestätischen Wesen aus. Er verkörpert Ruhe und Erhabenheit, verbindet Gelassenheit mit Stolz, zeigt Entschiedenheit, ist aufgerichtet, kraftvoll, mutig, willens- und durchsetzungsstark und gleichzeitig eigenständig und frei. Die zentrale Eigenschaft des Löwens ist es, seine Eigenständigkeit zum Ausdruck zu bringen, der Stolz mit dem er das „Ich bin!“ souverän und würdevoll verkörpert und ausstrahlt.

Und wie können wir Menschen eine Würde entwickeln? Zuerst ist natürlich die Voraussetzung, dass wir uns unseres Wesenskerns bewusst sind, dass wir eine Vorstellung davon haben, was unser Wesen ausmacht. Und von dieser Vorstellung müssen wir im tiefen Inneren überzeugt sein. Diese Vorstellung richtet uns auf. Dann können auch wir Menschen unser „Ich bin!“ mit einem selbstverständlichen Stolz zum Ausdruck bringen. Dann werden wir Eigenständig und Würdevoll.

Für Beschreibungen zu den anderen Wesen siehe: Erkenne Dich selbst!

Den Wesenskern zum Ausdruck bringen

Bei den Tieren ist das Wesen maßgeblich durch den Instinkt geprägt. Und sie bringen ihre Art zu sein quasi von Geburt an zu einem Ausdruck. Wir Menschen sind weniger instinktgeprägt. Stattdessen haben wir unser Bewusstsein. Wir haben die großartige Fähigkeit, uns selbst eine Vorstellung zu verschaffen, wie die einzelnen Wesen in uns veranlagt sind und was unseren Wesenskern ausmacht. Doch dieses Bewusstsein haben wir nicht von Geburt an. Wir haben es zu entwickeln. Und weiter haben wir zu lernen, wie wir unseren Wesenskern zu einem Ausdruck bringen können. Und dieses Lernen endet nie. Es kann uns das ganze Leben über begleiten. Dabei können wir uns von einem Veränderungsprozess leiten lassen, der die neun Wesen zu einem Zusammenwirken verbindet.

Der Prozess besteht aus 10 Schritten. In der Abbildung erstreckt er sich aus dem Inneren der Spirale, aus der Enge der Anfangssituation hinaus in die Weite der neu gestalten Situation. Dabei besteht der Prozess aus 5 Phasen, die durch die Rauten in der Spirale voneinander getrennt sind. Jede der Phasen ist mit einer führenden Frage verknüpft, die in dem Zusammenspiel der zugehörigen Prozessschritte zu einer Antwort geführt werden.

In dem Prozess betrachten wir zuerst die Ausgangssituation und fragen uns: Was ist hier das Wesentliche, das verwirklicht werden möchte? Und haben wir das Wesentliche herausgefunden, dann stellen wir uns die Frage: Wie bringen wir es zu einem guten Ausdruck? Als Antwort finden wir Ideen und entwickeln aus ihnen eine attraktive und tragfähige Lösung, bis sie einen Wert darstellt, nach dem wir die Situation neu ausrichten und gestalten. So entsteht eine Ordnung, die uns eine sichere Orientierung und einen Halt in der Situation bietet und die uns freudig und heiter stimmt.

Der Prozess hat vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Etwa als persönlicher Entwicklungsprozess, oder als soziale Prozess in der Beratung, Mediation oder im Coaching, als pädagogischer Prozess oder auch in dem mehr technischen Umfeld als Entwicklungs- und Innovationsprozess. Ich habe den Prozess für die Gesprächsführung konkretisiert und daraus die Methode der Guten Gespräche entwickelt.

Erkläre das Wesentliche zum Maßstab

Als Grundlage des Prozesses, erklären wir das Wesentliche in einer Situation zu unserem führenden Maßstab, nach dem wir uns ausrichten. Dabei stellen wir uns die Frage: Wie kann ich mit meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten – also meinem Wesenskern entsprechend – einen konstruktiven Beitrag leisten, um das Wesentliche in der Situation zu einer guten Lösung zu bringen?

Bei dem Vorgehen ist es zweckmäßig, für sich einige zentrale Grundeigenschaften herauszukristallisieren, wie wir unseren Wesenskern zum Ausdruck bringen. So mag vielleicht Ihr Wesenskern das Machen und Tun sein. Und die Eigenschaften, wie Sie dieses Machen und Tun in Ihren Aufgaben zum Ausdruck bringen, mag die Zuverlässigkeit und Hingabe sein. Bei einer anderen Person mag es die Tatkraft und Einsatzbereitschaft sein. Dabei geht es jetzt nicht darum möglichst viele oder großartige Eigenschaften herauszustellen, sondern die Eigenschaften zu erkennen, die zu der eigenen Person wirklich gut passen und der individuellen Veranlagung entsprechen.

Mit den Eigenschaften bringen wir unseren Wesenskern in den täglichen Aufgaben zum Ausdruck. Dabei sammeln wir Erfahrungen, mit denen wir die Eigenschaften immer weiter klären und konkretisieren. Gleichzeitig wird uns unser Wesenskern immer bewusster. Immer angemessener, leichter und freudiger können wir unsere Tätigkeiten nach dem Kern ausrichten. Schließlich wird er für uns zu einem führenden Wert. Dann entsteht eine befreiende Ordnung in unserem Inneren – wir wissen, was unser Wesen ausmacht und wie wir es zum Ausdruck bringen können.

Auf dem Weg spezialisieren wir uns auf unsere prägenden Fähigkeiten. Sie bestimmen, wie wir uns in unseren Tätigkeiten einbringen. Einerseits werden wir dabei schöpferisch, wenn wir unser inneres Potential zum Ausdruck bringen. Andererseits werden wir als Personen für unsere Mitmenschen greifbar und verlässlich, wenn wir unser Handeln bewusst und beständig nach entwickelten Werten ausrichten. So entsteht ein Vertrauen ins Miteinander. Gleichzeitig stellen wir fest: wir brauchen die Unterstützung der anders geprägten Menschen, um unsere täglichen Aufgaben zu meistern. Der eine schafft eine Übersicht, der nächste ergründet das Wesentliche, findet Ideen, trifft Entscheidungen, klärt Fragen, vermittelt Lösungen, definiert Ziele für die Umsetzung oder gestaltet die Situationen neu.

Miteinander Werte schöpfen

Erst im konstruktiven Zusammenwirken von unterschiedlich geprägten Menschen können wir für eine konkrete Situation Werte schöpfen. Dafür ist einerseits die Voraussetzung, dass wir das Wesentliche in der Situation klar auf den Punkt bringen. Im Weiteren haben wir im Austausch eine stabile und attraktive Lösung zu entwickeln.

Durch die gemeinsame Ausrichtung nach dem Wesentlichen, also nach dem, was in der Situation wirklich erforderlich ist, treten die individuellen Vorstellungen und Ansichten der Beteiligten in den Hintergrund. Das ist die Voraussetzung für ein konstruktives Miteinander. So können wir die einzelnen Beiträge, Ideen und Vorschläge kritisch prüfen und anpassen, damit sie sich in das Lösungsbild möglichst gut einfügen. Doch wir können Ideen auch verwerfen, wenn sie sich als untauglich erweisen. Denn das Schöpfen einer möglichst guten Lösung ist den Beteiligten wichtiger, als ihre individuellen Vorstellungen durchzusetzen. Alle ziehen an einem Strang.

Dabei betrachten wir das Lösungsbild aus immer neuen Perspektiven und stellen uns die Fragen: Wo ist hier noch etwas unklar? Was kann hier noch verbessert werden? Mit den Antworten sorgen wir selbst dafür, dass die Lösung attraktiv und stabil wird. Wir verbessern sie immer weiter, bis sie einen für die Situation spezifischen Wert darstellt, aus dem eine befreiende Ordnung im Äußeren resultiert, nach der wir die Situation neu ausrichten und gestalten können.

Der zentrale Diamant steht für das Wesentliche, für das die Beteiligten in der konkreten Situation einen Wert schöpfen. Danach richtet sich jeder mit seinem Wesenskern aus und bringt sich mit seinen individuellen Fähigkeiten und Interessen ein – dargestellt durch die angedeuteten Personen in den verschiedenen Farben. Ist die Lösung gut herausgearbeitet, dann resultiert eine Ordnung, die Orientierung und Halt gibt und die Beteiligten mit einem verbindenden Einheitsgefühl erfüllt.

Zwei Entwicklungsrichtungen

Einerseits fokussieren wir uns immer mehr auf unseren Wesenskern. Wir schaffen eine immer klarere Vorstellung, was unser eigenes Wesen ausmacht und wie wir es zum Ausdruck bringen können. Andererseits bringen wir uns mit unserem Wesen immer konstruktiver in ein Miteinander ein, so dass stabile Lösungen für unsere Fragen und Aufgaben entstehen.

Die beiden Entwicklungsrichtungen ergänzen sich und wirken zusammen: Je klarer wir unseren Wesenskern auf den Punkt bringen, umso leichter und souveräner können wir uns in die Gestaltung der Situationen einbringen. Und mit den Erfahrungen, die wir dabei sammeln, konkretisieren wir die Vorstellung von unserem Wesenskern und den zugehörigen Eigenschaften.

Diese Wechselbeziehung stärkt die Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten, und wir reifen als Persönlichkeit. Dabei entsteht eine ganz individuelle innere Ordnung, mit der sich jeder mit seinen Fähigkeiten in das Miteinander einbringt, um gemeinsam eine äußere Ordnung in unserer Umwelt zu schaffen. Für beide Entwicklungsrichtungen gibt der Veränderungsprozess eine hilfreiche Orientierung.

Bei dem Vorgehen erfasst uns mehr und mehr eine Freude und Heiterkeit. Denn wir sehen, wie wir durch unser Wirken dem Leben einen Sinn und eine bereichernde Fülle geben können. Gleichzeitig empfinden wir eine Verbundenheit mit den Mitmenschen, wenn wir uns nach einem gemeinsamen Wert ausrichten. Es entsteht ein Einheitsgefühl – die Liebe.

Doch zur Warnung sei gesagt: die Entwicklung ist durchaus ein langwieriger Prozess. Es ist eine Lebensaufgabe. Am Anfang sind wir vielleicht bockig und störrisch wie das Rumpelstilzchen und es ist mitunter ein weiter Weg bis zum weisen König.

Gottes Handwerker

So werden wir zu „Gottes Handwerkern“ – wie Platon es ausdrückte [6]. Jetzt mögen Sie sagen: „Gottes Handwerker“, ist das nicht sehr weit hergeholt? Was soll dieses Göttliche sein? Nun für mich ist Gott der Schöpfer dieser Welt, mit all den zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten – seien es die physikalischen Gesetze in der unbelebten Natur, seien es die Wesen in der belebten Natur.

Jetzt richteten sich für Platon die „göttlichen Handwerker“ danach aus, die universellen Werte zu erkennen. Dabei bereichern die Werte direkt unser Leben. Oder anders ausgedrückt: die „göttlichen Handwerker“ pflücken die Werte wie reife Äpfel vom Baum, die unmittelbar dem Leben eine Fülle und befreiende Ordnung verleihen. Doch dieses Bild ist statisch, ähnlich dem ptolemäischen Weltbild. Die Werte geben wie die Kristallsphären einen festen äußeren Rahmen vor, in dem unser Leben gelingen soll. Dabei werden allerdings die spezifischen Anforderungen in unseren täglichen Situationen ignoriert [7].

Im Gegensatz dazu nimmt der hier vorgestellte Ansatz das Wesentliche als Ausgangspunkt, um dafür mit unseren eigenen Mitteln, Werte zu entwickeln, die in der konkreten Situation eine befreiende Ordnung schaffen. Doch wir Menschen sind dabei immer auf unseren Wesenskern eingeschränkt. Wir brauchen das Miteinander, den Austausch mit unseren Mitmenschen, damit die Lösungen attraktiv und stabil werden. Oder anders ausgedrückt: als „göttliche Handwerker“ haben wir im Miteinander den Samen – als Bild für das Wesentliche – in guten Boden zu bringen, damit er keimt, wächst und gedeiht, so dass ein prächtiger Baum entsteht, der jedes Jahr blüht und Früchte trägt. In diesem Bild sind die Werte und die damit verbundene Ordnung das Resultat eines dynamischen Entwicklungsprozesses.

Die Sonnenblume

Das Vorgehen können wir an der Sonnenblume veranschaulichen:

Die Sonnenblume ist ein Korbblütler. Das Innere des Korbes besteht aus zahlreichen einzelnen Röhrenblüten, die in Spiralen angeordnet sind. Dabei sind zwei Arten von Spiralen zu unterscheiden. Einerseits gehen Spiralen vom Zentrum aus, die sich, im Uhrzeigersinn orientiert, zum Rand des Korbes erstrecken. Andererseits gibt es Spiralen mit der umgekehrten Ausrichtung. Sie verlaufen vom Rand des Korbes im Uhrzeigersinn in Richtung Zentrum. Um den Blütenkorb sind die unfruchtbaren Strahlen- oder Zungenblüten angeordnet, die in ihrem freudigen gelb wie die strahlende Sonne wirken.

Die Spiralen, in denen die einzelnen Röhrenblüten angeordnet sind, und die umgebenden, leuchtenden Strahlenblüten geben der Sonnenblumenblüte eine klare Struktur und Ordnung.

Ein Bild für die Lebensfreude

Wir können die Struktur der Sonnenblumenblüte in Verbindung bringen mit dem Ausrichten nach dem Wesentlichen:

Dabei entspricht das Wesentliche dem Zentrum des Blütenkorbes. Und der äußere Rand des Korbes steht für die Situation. Indem wir uns jetzt die Frage stellen: Was ist in der Situation das Wesentliche?, bewegen wir uns entlang der Spiralen von dem äußeren Rand des Blütenkorbes in Richtung Zentrum. Schließlich kommen wir in der Mitte an. Dann haben wir das Wesentliche auf den Punkt gebracht.

Sodann stellen wir uns die Frage: Wie können wir das Wesentliche in der Situation zu einem Ausdruck bringen? Als Antwort schöpfen wir eine attraktive und stabile Lösung, einen Wert, nach dem wir die Situation neu ausrichten. Oder anders ausgedrückt: jetzt gehen wir entlang der vom Zentrum ausgehenden Spiralen zum Rand des Blütenkorbes und gestalten die Situation. Dabei entsteht eine befreiende Ordnung. Wir werden gelöst, froh und heiter, uns umfasst ein verbindende Einheitsgefühl – was durch die äußeren gelben Blütenblätter der Sonnenblume dargestellt wird.

So zeigt uns die Sonnenblume, wie wir Menschen zur Lebensfreude gelangen können.

Fazit

Als Kosmos bezeichnen wir die geordnete Welt. Für die antiken Griechen war das ptolemäische Weltbild der Inbegriff der Ordnung, Schönheit und Harmonie. Doch dieses Weltbild mit seinen Kristallsphären, auf denen sich die Planeten um die Erde bewegen, ist statisch und deshalb nicht auf die spezifischen Situationen unseres Lebens übertragbar.

Heute schauen wir die Welt anders an. Dynamische Prozesse bestimmen die Bewegung der Planeten in unserem Sonnensystem. Und diesen Ansatz können wir auf unser Leben übertragen. Einerseits entwickeln wir uns zu reifen Persönlichkeiten, die sich ihres Wesens bewusst sind. So entsteht eine Ordnung in unserem Inneren. Andererseits bringen wir unser Wesen in ein konstruktives Miteinander ein, um für die konkreten Situationen Werte zu schöpfen, die eine befreiende Ordnung im Äußeren schaffen und dem Leben Fülle geben. So werden wir zu „Gottes Handwerkern“. Dabei erfüllt uns eine Lebensfreude und Heiterkeit sowie ein verbindendes Einheitsgefühl mit unseren Mitmenschen – die Liebe.

Zusammengefasst können wir sagen:

Das Wesentliche ist ein Quell,

aus dem wir ein erfülltes Leben

schöpfen können.

Damit haben wir die „geheimen Naturgesetze“ aufgespürt, von denen Goethe sagte, dass sie die Grundlage für die Schönheit bilden. Zugleich haben wir eine Antwort auf die gestellte Frage aus der Bergpredigt entwickelt: das Wesentliche bildet das Fundament, auf dem wir Menschen mit unseren Möglichkeiten im konstruktiven Miteinander ein stabiles Haus errichten können.

Doch bringen wir Menschen diese Erkenntnis in unser Leben, so haben wir aufzupassen, dass wir nicht anmaßend werden. Dass wir uns nicht mit Gott vergleichen oder atheistisch werden. Denn mit seiner ungeheuren Schöpferkraft hat Gott die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten in diesem Kosmos geschaffen, die in der Natur ihren Ausdruck finden. Und wir Menschen haben die großartige Fähigkeit, diese Gesetzmäßigkeiten erkennen zu können und sie weiter aufzugreifen, um unserem Leben Fülle zu geben.

Also werden Sie wesentlich! Schöpfen Sie Werte, damit die ordnenden Kräfte mehr und mehr unser Leben durchdringen und ihm Sinn und Fülle geben. Und bleiben Sie demütig. Dabei wünsche ich Ihnen viel Spaß und Erfolg.

Quellen

[1]       Johann Wolfgang Goethe: Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze

[2]       Jochen Althoff: Der Kosmos als moralischer Maßstab der antiken Philosophie: JEAC5_Artikel_Althoff.pdf

            Salvatore Lavecchia: Philosophie – Kosmos: Die Zukunft eines antiken Begriffs

[3]       Herbert Goldstein: Klassische Mechanik, Wiley-VCH Verlag, Weinheim, 2006

[4]       Vladimir Arnol’d: Mathematische Methoden der klassischen Mechanik, Birkhäuser Verlag; Basel, Boston, Berlin, 1988

[5]       Bergpredigt: Bibel, Neues Testament, Matthäusevangelium: 7. 24 – 27

[6]       Der Begriff: „Gottes Handwerker“ stammt von Platon aus seinem Dialog: Timaios.

[7]       Xaver Brenner: Zur Geburt von Kultur: Mit Sokrates gegen das platonische Paradigma; Königshausen und Neumann, Würzburg, 2016