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Loslassen

Xanthippe: Sokrates, sag wie ist das. Jetzt habe ich ein gutes Ziel für mich gefunden und möchte loslegen, es zu erreichen. Ich mache und tue, habe dabei jedoch den Eindruck, gar nicht dem Ziel näher zu kommen und mich stattdessen unnötig zu verausgaben.

Sokrates: Ja häufig steht unser Wille, ein Ziel zu erreichen, dem Erreichen des Zieles im Wege.

Xanthippe: Wie meinst Du das? Ich habe doch ein Ziel und dann habe ich doch alle Mittel und Wege in Bewegung zu setzen, um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Das ist dann doch meine Aufgabe.

Sokrates: Nur die Frage ist: Wie wollen wir unser Ziel erreichen? Sicher dafür brauchen wir eine Ausrichtung auf das Ziel. Dabei ist es sehr hilfreich, sich von einer konkreten Vorstellung von dem Ziel leiten zu lassen, also ein inneres Bild zu entwickeln, wie die Situation aussieht, wenn das Ziel erreicht ist und nach diesem Bild das Handeln auszurichten.

Xanthippe: Also nein, ich mache das anders! Für mich steht bei den Zielen mein Wille im Vordergrund. Ich will das Ziel erreichen und dafür bin ich bereit, Hand anzulegen. Dafür mache ich und tue ich.

Sokrates: Ja nur allzu oft sind wir bei unseren Zielen von unserem Willen getrieben. Dann engagieren wir uns, werden aktiv und handeln mit vollem Einsatz.

Xanthippe: Zugegeben dannverkrampfe ich oft, schaue weder rechts noch links, sehe nur noch meine Aufgabe, mein Ziel, doch ich komme ihm nicht näher.

Sokrates: Denn du steckst deine Energie nicht in die Gestaltung des Zieles, also in das, was du wirklich möchtest, sondern du steckst die Energie in den Willen, in deine eigene Vorstellung, wie du meinst, dass du das Ziel erreichen kannst.

Xanthippe: Ach so und meine Vorstellungen, wie ich das Ziel erreichen will, müssen nicht die wirklich geeigneten sein, um das Ziel möglichst gut zu erreichen?

Sokrates: Ja genau. Unsere eigenen Vorstellungen sind für die Zielerreichung oftmals gar nicht so wichtig. Häufig stören sie geradezu. Um das Ziel sicher und gut zu erreichen, haben wir von unseren eigenen, behindernden Vorstellungen loszulassen.

Xanthippe: Aha! Und das machen wir, indem wir uns das Zielbild immer klarer vorstellen?

Sokrates: So ist es. Dabei stellen wir uns auch die Frage: wie lässt sich das Ziel erreichen? Welche Hindernisse und Schwierigkeiten liegen auf dem Weg?

Xanthippe: So wird nicht nur das Zielbild immer klarer, sondern auch der Weg zum Ziel tritt immer deutlicher hervor.

Sokrates: Und je klarer, je konkreter und realistischer das Zielbild wird, umso mehr treten unsere störenden Vorstellungen und Annahmen in den Hintergrund. Sie sind dann einfach nicht mehr so wichtig und wir können sie loslassen.

Xanthippe: Schließlich sehen wir das Ziel schon als Quasi-Realität. Dann können wir das Ziel von einer klaren Vorstellung geführt erreichen und unser Handeln ganz exakt auf das Ziel ausrichten. Bei jedem Schritt, den wir zum Ziel machen, sind wir uns dann sicher, dass er uns dem Ziel näherbringt.

Sokrates: Es erinnert an einen Bildhauer, der bereits die deutlichen Umrisse von der Skulptur in dem Gesteinsblock sieht, bevor er mit dem Meißel ansetzt und das überflüssige Gestein weghaut.  

Xanthippe: Doch häufig treffen wir beim Erreichen von Zielen auf ganz massive Widerstände. Denn die beteiligten Personen identifizieren sich mit ihren Vorstellungen und Ansichten, wie das Ziel zu erreichen sei. Und sie setzen alles daran, ihre Vorstellungen durchzusetzen.

Sokrates: Ja, da ist das Verständnis zu wecken, dass das Erreichen des Ziels wichtiger ist, als die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Aber allzu oft fehlt dazu die Bereitschaft.

Xanthippe: Dann geschieht das Loslassen von unseren Annahmen mehr oder weniger zufällig, wenn wir staunend erfahren, dass unser Ziel auch ohne unseren Aktionismus erreichbar ist.

Sokrates: Oder wenn wir älter werden. Wenn wir merken, dass unsere Kräfte nachlassen, nicht mehr für den Aktionismus reichen und wir dann plötzlich feststellen, es geht auch anders.

Xanthippe: Das nennen wir dann Altersweisheit. Dazu fällt mir eine Geschichte ein:

Tagetes

Sobald die Schneeglöckchen verblüht sind, die Buschwindröschen, Primeln und Narzissen ihre Knospen zeigen, juckte es Vatern in den Fingern. Der Garten ruft! Die Rosen wollen zurückgeschnitten sein, der Boden aufgelockert. Aber ein rechter Gärtner möchte auch was wachsen sehen, was aufziehen. Für die Aussaat im Garten ist es noch zu früh, aber im Hause, da lassen sich schon erste Sommerblüher vorziehen. Auf den Fensterbänken in Wohnzimmer, Schlafzimmer und auf der Toilette standen die Saatschalen und anschließend die zahlreichen Blumentöpfe mit den pikierten Pflänzchen – hauptsächlich Tagetes der verschiedensten Arten. Im Mai, nach den Eisheiligen verpflanzte Vatern die Tagetes dann hinaus in den Garten.

Muttern gefiel das überhaupt nicht. All diese Töpfe und Schalen auf den Fensterbänken! Da ließ sich nicht einfach mal das Schlafzimmer- oder Toilettenfenster aufreißen, immer waren zuerst die Tagetes aus dem Weg zu räumen. Lästig! Nein, das wollte Muttern im Hause nicht mehr haben!

In seiner Not fiel Vatern mein Frühbeetkasten ein, in dem Sommers die Kakteen standen. Er versprach mir: „Nach den Eisheiligen, da sind die Tagetes alle in den Garten verpflanzt und die Kakteen können in den Kasten.“ Leichtfertig willigte ich ein. Doch stellte sich heraus, dass Vatern eine ganz eigene Sicht von den Eisheiligen hat. Die kalendarischen Eisheiligen beginnen am 11. Mai mit dem heiligen Mamertus und enden am 15. Mai mit der kalten Sophie. Wann Vaterns Eisheilige anfangen, das weiß ich nicht, sie erstrecken sich jedenfalls bis in den Juni hinein – denn erst dann hatte er die Tagetes alle ausgepflanzt und solange standen meine Kakteen halt im dunklen Keller.

Als ich bei meinen Eltern auszog, vertraute ich Vatern die Pflege der Kakteen an. Doch ich hätte es ahnen sollen – in einem Jahr vergaß er die Kakteen im Herbst in den Keller zu holen. Das Gerangel um die Nutzung des Frühbeetkastens hatte ein Ende. Aber dann säte Vatern die Tagetes einmal nach den Eisheiligen direkt in den Garten aus und musste feststellen, dass diese zwar später blühen als die vorgezogenen, jedoch viel kräftigere und blühwilligere Pflanzen ausbilden. Denn die vorgezogenen Tagetes strecken sich auf der Fensterbank oder im Frühbeetkasten immer so nach dem Licht, bekommen lange Stiele und werden spidderich. Seitdem sät Vatern die Tagetes immer direkt ins Beet aus. Ist ja auch viel bequemer.

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