Site Overlay

Gute Ziele

Xanthippe: Gute Ziele bereichern das Leben. Sie bringen eine Orientierung und einen Sinn in unser Leben. Aber sag Sokrates, was sind gute Ziele?

Sokrates: Ein gutes Ziel liefert eine attraktive Lösung für einen Bedarf.

Xanthippe: Also Du meinst, wenn wir etwas wollen, uns etwas herbeisehnen, dann bietet das Ziel die Möglichkeit, diesen Bedarf, diesen Wunsch zu einer Lösung zu bringen.

Sokrates: Genau. Also wenn ich Hunger habe, dann habe ich den Bedarf, etwas zu essen. Dieser Bedarf treibt mich voran. Ich frage mich: Was soll es zu essen geben? Für wie viele Personen ist zu kochen? Ist noch etwas einzukaufen? Und als Resultat entwickle ich ein Zielbild – eine Vorstellung, wie das Essen aussehen wird und was auf dem Weg dahin, alles zu tun ist.

Xanthippe: Also ehrlich gesagt, ich mache das anders. Wenn ich Hunger habe, dann gehe ich zum Kühlschrank und schaue nach, was zu essen da ist.

Sokrates: Ich gebe zu, das mache ich oft genauso. Es ist bequem, einfach nachzuschauen und zum Joghurt zu greifen.

Xanthippe: Und dafür gehe ich ja auch einkaufen. Ich lege einen Vorrat an, um mich bei Bedarf daran zu bedienen. Und wenn ich einen Kirschjoghurt essen möchte, es ist aber nur noch ein Erdbeerjoghurt da, nun dann greife ich halt zum Erdbeerjoghurt und gehe deswegen nicht extra einkaufen.

Sokrates: Genau. Ich schaue einfach nach, welche Möglichkeiten bietet der Vorrat und wähle entsprechend aus. Bei Fragen, die mir nicht so wichtig sind, richte ich mich auch nach den gegebenen Möglichkeiten aus. Aber bei Frage, die mir wichtig sind, dann möchte ich nicht nur aus dem Vorgegebenen auswählen. Dann möchte ich für die Situation selbst entscheiden, mir mein eigenes Ziel setzen.

Xanthippe: Ja wenn wir nächsten Samstag Besuch bekommen, dann fragen wir uns im Vorfeld: Was soll es zu essen geben? Dann schauen wir nicht einfach nach: was haben wir noch im Kühlschrank, dann planen wir das Essen, gehen gezielt einkaufen und kochen entsprechend.

Sokrates: Wenn unsere Freunde kommen, dann ist es uns wichtig, dass was Ordentliches auf den Tisch kommt. Das ist unser Ziel. Dann entwickeln wir eine konkrete Vorstellung von dem Essen. Wir fragen uns: Was wollen wir kochen? Lassen uns von Kochbüchern inspirieren. Kreieren unser eigenes Gericht. Wir fragen uns weiter: Welche Zutaten benötigen wir? Wie ist zu würzen? Was trinken wir? Was ist einzukaufen? Wir machen und tun, damit das Zielbild bestmöglich in die Realität gebracht wird.

XanthippeI: Ja wenn uns etwas wichtig ist, dann geben wir uns nicht mit den bestehenden Möglichkeiten zufrieden. Stattdessen halten wir Ausschau nach Möglichkeiten, die uns passen. Dann entwickeln wir ein eigenständiges Zielbild. Dann werden wir zu Schöpfern in der Situation.

Sokrates: Dabei haben wir gut darauf zu achten, dass das Zielbild wirklich konkret und realistisch ist.

Xanthippe: Und dass das Ziel im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt und wir nicht irgendwelchen Fantasievorstellungen und Wunschträumen nachhängen.

Sokrates: Ja wir haben uns nicht nur eine Vorstellung von dem Ziel zu machen, sondern auch von dem Weg zum Ziel. Welche Schwierigkeiten und Hindernisse werden uns auf dem Weg begegnen? Wie können wir sie aus dem Weg räumen und dabei das Ziel im Blick behalten? Da sind kreative Lösungen gefragt, um auch in schwierigen Situationen weiter auf dem Weg zum Ziel voranzuschreiten.

Xanthippe: Und außerdem brauchen wir für die Zielerreichung oft einen langen Atem, ein gutes Durchhaltevermögen und dürfen uns von Rückschlägen nicht beirren lassen.

Sokrates: Zu guter Letzt brauchen wir noch eine Vorstellung, bis wann wir das Ziel erreichen wollen.

Xanthippe: Und habe ich eine klare Vorstellung entwickelt, dann werden ich aktiv. Dann mache und tue ich alles, damit das Ziel erreicht wird.

Sokrates: Doch nicht jeder Bedarf, den wir haben, nicht jeder Wunsch, den wir hegen, führt automatisch zu einem guten Ziel.

Xanthippe: Gute Ziele sind mehr. Gute Ziele haben etwas Beständiges. Sie liefern uns heute eine attraktive Lösung, die morgen auch noch gilt. Gute Ziele sind unabhängig von unseren Launen und momentanen Gefühlsregungen.

Sokrates: Ja gute Ziele schaffen einen Wert, etwas das mir wichtig ist.

Xanthippe: Deshalb lohnen gute Ziele den Aufwand. Für gute Ziele bin ich bereit, aktiv zu werden.

Sokrates: Und je wichtiger mir das Ziel ist, je größer der Bedarf für mich ist, umso eher bin ich bereit, für die Sache aktiv zu werden.

Xanthippe: Doch allzu oft lassen wir uns für Ziele einspannen, die uns in Wirklichkeit gar nicht wichtig sind. Dann sind wir gefangen in unserem Aktivismus und verlieren unser eigentliches Ziel dabei völlig aus den Augen. Es gehört schon eine gute Courage dazu, sich da abzugrenzen.

Sokrates: Dazu fällt mir eine Geschichte ein:

Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral                               

Heinrich BölI, 1963

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt. Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum meßbare, nie nachweisbare zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht. „Sie werden heute einen guten Fang machen.“

Kopfschütteln des Fischers. „Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist.“ Kopfnicken des Fischers.

„Sie werden also nicht ausfahren?“ Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit. „Oh? Sie fühlen sich nicht wohl?“ Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über.

„Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch.“

Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“ Die Antwort kommt prompt und knapp.

„Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ „War der Fang gut?“ „Er war so gut, daß ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.“

Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die Schulter. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug!“ sagte er, um des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“

„Ja, danke.“

Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor!“

Der Fischer nickt.

„Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“

Der Fischer schüttelt den Kopf.

„Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden…“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann…“ – wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“ fragt er leise.

„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“

„Aber das tu ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“ Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Zur Übersicht der zehn Schritte