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Wie bändigen wir unseren Affengeist?

Kennen Sie das auch, dass einem die Gedanken nur so durch den Kopf schwirren? Man kommt vom Hütchen aufs Stöckchen, und es findet kein Ende. Buddha nannte es den Affengeist, der im Kopf herumturnt und sich von einem Gedanken zum nächsten schwingt.

Eigentlich wollen wir mit unserem Affengeist die täglichen Situationen in den Griff kriegen. Deshalb machen wir uns unser eigenes Bild über die Situationen. Wir beurteilen sie, bewerten sie und stellen unsere Überlegungen dazu an: das ist gut jenes schlecht, das will ich jenes nicht, das ist falsch jenes richtig… und so weiter und so fort. Doch anstatt jetzt die Situation in den Griff zu kriegen, entwickeln die Gedanken ein Eigenleben: wir kommen von einem zum nächsten, die Gedanken fangen an zu kreisen, wir werde verwirrt und unruhig, verfallen ins Grübeln und fühlen uns elend.

Hinter dem ganzen Bewerten und Urteilen entschwindet die Wirklichkeit. Die tatsächliche Situation tritt immer mehr in den Hintergrund. Denn wir sehen nicht mehr das, was ist, sondern nur noch das, was wir mit unserem Affengeist denken. Im Extremfall ergeht es uns wie dem Mann in der folgenden Geschichte:

Der moderne Mensch

Ein Mann war überzeugt, niemand könne ihm etwas vormachen. Eines Tages verirrte er sich in der Wüste, und nach vielen Tagen endlosen Laufens sah er, vor Hunger und Durst halb wahnsinnig, in der Ferne eine Oase. „Lass dich nicht täuschen!“, sagte er zu sich selbst. „Du weißt genau, dass das eine Luftspiegelung ist. Die Oase existiert in Wirklichkeit gar nicht, es ist nur eine Fata Morgana.“

Er kam näher, doch die Oase verschwand nicht. Im Gegenteil, er sah Dattelpalmen, Wiesen und Wasser, eine Quelle, die zwischen Felsen lag. „Sei vorsichtig!“, warnte er sich selbst. „Das ist alles nur eine Ausgeburt deiner Hungerfantasie.“ Als er das Wasser sprudeln hörte, dachte er bei sich: „Aha, ganz typisch! Eine Gehörhalluzination.“

Am nächsten Tag fanden ihn zwei Beduinen – er war tot. „Kannst du das verstehen?“, fragte der eine. „Die Datteln wachsen ihm doch beinahe in den Mund? Wie ist das möglich?“ Der andere antwortete: „Er hat seiner Wahrnehmung nicht getraut, er war ein moderner Mensch.“

Reichel, Gerhard: Der Indianer und die Grille, Birgit Reichel Verlag, Forchheim 2006, S. 103

Wie können wir unseren Affengeist bändigen?

Zuerst stellen wir fest: Es ist nicht so wichtig, was wir über eine Situation denken. Stattdessen haben wir die Situation selbst zu betrachten, so wie sie wirklich ist. Doch wie kommen wir dahin? Wir brauchen etwas, das unser Denken in der Situation ausrichtet. Eine Art führenden Maßstab, einen Leitgedanken, nach dem wir unsere eigenen Gedanken ausrichten, prüfen, anpassen oder auch verwerfen können, wenn sie sich als untauglich erweisen.

Doch was mag der führende Maßstab sein? Es ist das Wesentliche in der Situation, das zentrale Bedürfnis, unsere Sehnsucht. (Siehe auch: Was ist das Wesentliche?) Es ist die Antwort auf die Frage: Was wollen wir wirklich? Mit dieser Frage entwickeln wir ein Interesse an der Situation und sind aufgefordert, zu schauen und zu hinterfragen, um uns selbst ein möglichst realistisches Bild zu verschaffen. Wir orientieren uns ganz konkret an der Situation und geben uns nicht mit den althergebrachten Vorstellungen zufrieden. Und haben wir das Wesentliche aufgespürt, dann können wir dafür eine attraktive Lösung entwickeln. Doch betrachten wir ein Beispiel:

Parkplatznot

In diesem Beispiel greife ich mal wieder auf den alten Sokrates zurück und verlege einen fiktiven Dialog mit ihm in die heutige Zeit. Sokrates Freund Thomas führt ein IT-Unternehmen und er sucht bei wichtigen Fragen immer wieder den Rat des Philosophen.

Thomas: Hallo Sokrates, ich brauche deine Hilfe!

Sokrates: Ja Thomas, sag, wo drückt der Schuh?

Thomas: In meiner Firma haben wir in den letzten Jahren einen starken Wachstumskurs gefahren, doch jetzt kommen wir mit dem Platz an unsere Grenzen. Bei den Arbeitsplätzen geht es grad noch so, doch die Situation mit den Parkplätzen ist recht prekär. Es ist mittlerweile so, dass das Parkhaus am Morgen schon nach 9:00 Uhr voll ist und die Mitarbeiter dann im ganzen Viertel herumfahren müssen, um doch noch irgendwo einen Abstellplatz fürs Auto zu ergattern. Das Ganze sorgt für eine Menge Ärger und ich muss dieses Parkplatzthema in den Griff kriegen.

Sokrates: Und, hast du eine Lösung für das Dilemma?

Thomas: Na ja, jetzt hat ein Mitarbeiter vorgeschlagen, wir könnten eine App entwickeln, die einerseits anzeigt, wieviel freie Plätze es aktuell in der Tiefgarage gibt und über die sich Parkplätze im Voraus buchen lassen. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich mich entscheiden soll. Soll ich den Aufwand mit der App betreiben oder nicht?

Sokrates: Hm, ja. Eine App. Doch frag dich mal: Was möchtest du wirklich? Denn es gibt doch viele Ansätze. Etwa könntest du die Mitarbeiter vermehrt ins Home-Office schicken, du könntest es über ein Job-Ticket attraktiver machen, dass die Mitarbeiter mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, sie könnten vermehrt Fahrgemeinschaften bilden und so weiter und so fort. Aber die entscheidende Frage dahinter ist, was ist für das Unternehmen die beste Lösung?

Thomas: Ja, Home-Office. Das machen jetzt immer mehr. Doch ich sehe das sehr skeptisch. Wir machen ja Projektarbeit und arbeiten intensiv in Teams zusammen. Und wenn die Leute dann alle in ihrem Home Office sitzen, da arbeitet ja doch jeder für sich allein und wird mehr und mehr zum Einzelkämpfer. Das ist bei einer konkreten Aufgabenstellung, die ein konzentriertes Arbeiten erfordert, durchaus angebracht, doch die besten Ideen, die kommen nun mal beim lockeren Gespräch in der Kaffeeküche oder beim gemeinsamen Essen. Und das können Online-Meetings einfach nicht ersetzen. Außerdem verlieren die Mitarbeiter durch das Home Office auch allzu leicht den Bezug zum Team und überhaupt zum Unternehmen.

Sokrates: Ah, das willst du also wirklich: Deine Mitarbeiter sollen konstruktiv zusammenarbeiten.

Thomas: Ja genau! Du bringst es auf den Punkt!

Sokrates: Dann musst du dafür halt die Möglichkeit schaffen!

Thomas: Du meinst, ich muss die Arbeit in dem Unternehmen so organisieren, dass eine möglichst konstruktive Zusammenarbeit erfolgt?

Sokrates: Ja, denn das ist es, was du willst. Die konstruktive Zusammenarbeit ist der Garant für den Erfolg deines Unternehmens!

Thomas: Ah ja! Und wenn ich dieses Ziel vor Augen habe, dann ist das mein Maßstab, mein Leitgedanke. Er verschafft mir eine Übersicht, in die ich die verschiedenen Ideen und Lösungsansätze einordnen kann, und außerdem gibt er mir ein klares Entscheidungskriterium – die Idee fördert die Zusammenarbeit oder nicht. Aus dieser Perspektive kann ich die verschiedenen Möglichkeiten für das Parkplatzdilemma abwägen, sie bewerten und zu einem Entschluss kommen.

Sokrates: Ja, erhebe das, was du wirklich willst, was die Basis bildet für den Erfolg deines Unternehmens, zur Grundlage für deine Ideen und deine Entscheidungen.

Thomas: Sokrates, hab vielen Dank. Jetzt weiß ich, was ich will! Und jetzt kann ich den Ball selbst weiter aufgreifen und mit meinen Mitarbeitern eine passende Lösung für die Parkplatzsituation entwickeln.

Nehmen wir den Dialog unter die Lupe:

Sokrates ist der Experte, der von seinem Freund Thomas konsultiert wird wegen seines Parkplatzdilemmas. Dabei geht es Thomas in der Ausgangssituation darum, einen Entschluss zu treffen. Er möchte eine Antwort auf die Frage: Soll die App entwickelt werden oder nicht? Doch Sokrates greift das Thema auf viel breiterer Basis auf. Ihm geht es nicht darum, einen ganz bestimmten Entschluss zu treffen, sondern vorab die Frage zu beantworten: Was will Thomas eigentlich? Und dieses Wesentliche, das, was Thomas wirklich will, arbeitet Sokrates mit ihm in dem Gespräch heraus.

Dabei wird die Situation immer genauer erfasst, bis Sokrates schließlich das Wesentliche erkennt und auch formulieren kann. Ist das Wesentliche einmal klar auf den Punkt gebracht, so wird es zum Leitgedanken erhoben, der einen Überblick in der Situation verschafft. Danach kann Thomas sein Denken, Fühlen und Handeln gezielt ausrichten. Er kann selbst den Prozess weiterführen und mit seinen Mitarbeitern passende Ideen finden, Entscheidungen treffen und eine attraktive Lösung entwickeln.

Ein halbes Jahr später treffen sich Thomas und Sokrates wieder:

Sokrates: Thomas, jetzt bin ich aber doch neugierig. Sag, wie hat sich die Situation mit den Parkplätzen entwickelt?

Thomas: Ganz prima! Ich habe zusammen mit meinen Mitarbeitern eine wirklich gute Lösung gefunden.

Sokrates: Und wie sieht die aus?

Thomas: Wie du mir geraten hattest, haben wir die Zusammenarbeit im Unternehmen neu organisiert. Einerseits haben wir Projekttage eingerichtet, an denen die Mitarbeiter, die gemeinsam an einem Thema arbeiten, sich in der Firma treffen und sich austauschen. Für jedes Projekt sind zwei Projekttage in der Woche vorgesehen. Die übrige Zeit haben wir die Mitarbeiter gebeten, im Home Office zu arbeiten, sofern bei ihnen zu Hause die nötigen Voraussetzungen gegeben sind. Ein Plan sorgt dafür, dass sich die Anzahl der Mitarbeiter vor Ort recht gleichmäßig über die Woche verteilt.

Sokrates: Und wieso verbessert das die Zusammenarbeit?

Thomas: Einerseits ermöglichen die Projekttage eine wirklich effektive Teamarbeit, da die Mitarbeiter den Rücken frei haben von anderen Terminen. Und außerdem wurde die Einführung der Home Office Tage allgemein begrüßt. Denn diese ermöglichen einerseits ein konzentriertes Arbeiten an konkreten Fragestellungen, und außerdem können die Mitarbeiter ihre privaten Termine an diesen Tagen viel besser unterbringen.

Sokrates: So ist die Arbeit auch abwechslungsreicher geworden.

Thomas: Ja, und das belebt. Die Kollegen freuen sich regelrecht auf die Projekttage, auf den Austausch bei der Arbeit und auf das gemeinsame Essen.

Sokrates: So ist die Lösung sowohl für die Angestellten als auch für die Unternehmensführung ein Gewinn?

Thomas: Auf jedem Fall. Denn die Teams sind motivierter und die Arbeit läuft viel effektiver als zuvor. Zugleich hat sich das Parkplatzproblem wie von selbst gelöst. Und nicht zuletzt haben wir den Eindruck, dass durch die Neuausrichtung der Zusammenarbeit das gesamte Unternehmen für die Mitarbeiter attraktiver geworden ist.

Sokrates: Ja, was will man mehr. Und die App?

Thomas: Nun von der App war gar nicht mehr die Rede.

Fazit

Mit der Fokussierung auf das Wesentliche, richten wir unser Denken nach einem geeigneten Leitgedanken aus. So durchlüften wir unseren Geist, befreien ihn von überflüssigem gedanklichem Ballast und bändigen unseren Affengeist.

Bekannter ist heute allerdings ein anderes Vorgehen, um unsere Affen im Zaum zu halten: indem wir bewusst im hier und jetzt leben. Mit Interesse betrachten wir dafür den gegenwärtigen Moment und aktivieren dabei all unsere Sinne. So kommen wir zur Ruhe, nehmen uns selbst wahr, kommen im Jetzt an und schließlich können wir die Situation betrachten und akzeptieren, wie sie tatsächlich ist.

Und welcher Ansatz ist jetzt „besser“? Mal der eine, mal der andere. Sind wir innerlich sehr aufgewühlt, dann ist das bewusste Wahrnehmen einer Situation eine sehr hilfreiche Methode, um eine gewisse innere Ruhe und Gelassenheit zu erreichen. Doch wenn uns nicht nur unsere innere Unzufriedenheit quält, sondern an der Situation selbst etwas zu ändern ist, dann ist die Ausrichtung nach dem Wesentlichen das geeignete Mittel.

So bändigen wir unseren Affengeist. Doch zur Warnung sei gesagt: die Affen wollen turnen, sie wollen von Ast zu Ast schwingen und nutzen dazu jede Gelegenheit. Ja, es ist für uns als Dompteure eine ewige Aufgabe, dem wilden Treiben unserer Affen Einhalt zu gebieten.