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Ein kleiner Stups gefällig?

Wie können wir das Gewohnte hinter uns lassen und uns dem Neuen öffnen? In seinem Gedicht Wünschelrute formulierte Joseph von Eichendorff einen Ansatz:

Doch was soll dieses Zauberwort sein? Es ist das Wesentliche, der innere Kern einer Sache, die Essenz, die zugrunde liegende universelle Gesetzmäßigkeit. Sie bildet die Quelle, aus der die Lebenskraft entspringt und die in jedem Lebewesen zu einem Ausdruck gebracht werden möchte. Das Wesentliche veranlasst eine Raupe dazu, sich in einen Kokon zu verspinnen, um das Raupendasein hinter sich zu lassen und sich zum Schmetterling zu wandeln. Oder ein Samenkorn, wenn es auf fruchtbaren Boden fällt, so dass es keimt, wächst und zu einer üppigen Pflanze gedeiht.

Wir können das Wesentliche als Potential betrachten,

also als eine Möglichkeit, die in einer Sache, einer Situation oder einem Lebewesen vorhanden ist und zu einem Ausdruck gebracht werden kann. Und wird das Wesentliche aufgespürt und das Potential zu einem Ausdruck gebracht, so ist das immer mit einer befreienden Wandlung verbunden.

Wir können die Situation mit einem Berg vergleichen, auf dessen Gipfel eine Kugel liegt. Um die Kugel auf den Berg zu bringen, ist ein gewisse Arbeit erforderlich, die als potentielle Energie in der Kugel gespeichert ist. Diese Energie gibt der Kugel die Möglichkeit, sich schnell zu bewegen. Doch oben auf dem Berg ruht die Kugel erst einmal, das Potential kommt nicht zum Ausdruck. Geben wir der Kugel jedoch einen Stups, so rollt sie den Berg hinab und wird dabei immer schneller. Dabei wird die potentielle Energie der Kugel in Bewegungsenergie umgewandelt. Schließlich kommt die Kugel im Tal an. Dann hat sich die Situation verändert. Das Potential der Kugel wurde zu einem Ausdruck gebracht.

Doch es stellt sich die Frage: Wie können wir Menschen wesentlich werden? Und was steht diesem Wesentlichen häufig im Weg? Betrachten wir folgende Geschichte mit Mullah Nasrudin:

Der verlorene Schlüssel

Eines Abends kniete Mullah Nasrudin neben einer Laterne und suchte etwas auf der Straße. Da kam ein Freund vorbei und fragte, was er denn suche.

„Meinen Schlüssel, ich habe meinen Schlüssel verloren“, antwortetet Nasrudin. Das erklärte natürlich, wieso der Mulla auf dem Boden kniete. Da der Freund aufrichtig war, half er Nasrudin bei der Suche nach dem Schlüssel.

So suchten die beiden im Schein der Laterne nach dem Schlüssel. Und suchten, und suchten. Es wurde immer später, doch sie fanden den Schlüssel nicht. Um Mitternacht sagte der Freund sodann: „Nasrudin, wir haben jetzt jeden Stein dreimal umgedreht. Dein Schlüssel ist nicht hier. Wo hast du ihn denn verloren?“

Der Mullah streifte sich den Staub vom Gewand und antwortete: „Dort hinten in dem Gebüsch habe ich ihn verloren.“ Der Freund traute seinen Ohren nicht und erwiderte ungläubig: “Aber wieso suchen wir dann hier unter dieser Laterne, und nicht dort hinten, wo du den Schlüssel verloren hast?“

Mulla Nasrudin schmunzelte: „Das ist doch ganz klar. Weil es hier im Laternenschein viel angenehmer ist zu suchen.“

Nehmen wir die Geschichte unter die Lupe

Jetzt mögen wir über den Nasrudin lachen, wie dumm er doch ist, da unter der Laterne zu suchen, wo doch der Schlüssel in das Gebüsch gefallen ist. Doch halt. Nicht so schnell. Denn wie oft ergeht es uns so wie dem Nasrudin. Wie oft machen wir etwas unüberlegt oder einfach aus der Gewohnheit heraus, obwohl die Situation doch eigentlich etwas ganz anderes erfordert. Wir sind dann wie gefangen in der Situation und können sie aus eigener Kraft gar nicht ändern, weil wir meinen: Es muss so sein. Es geht doch gar nicht anders. Ja da braucht es dann einen Stups von außen. Jemand, der uns fragt: Warum machst Du das eigentlich? Und dann betrachten wir die Situation auf einmal in einem neuen Licht. Und plötzlich wird uns klar, dass unser Handeln gar nicht zielführend ist und dass wir es zu ändern haben.

Nasrudin in seiner Mulde

Betrachten wir die Geschichte in unserer Berglandschaft. Der Gipfel des Berges ist die Ausgangssituation, von der aus Nasrudin mit seiner Suche beginnt. Denn er möchte den Schlüssel finden. Dafür steigt er den Berg hinab. Doch er kommt nicht direkt am Fuße des Berges an, wo er seinen Schlüssel finden könnte. Stattdessen gelangt er in ein Seitental, in eine Mulde. Von dort aus führt der Weg weiter über einen Zwischengipfel bis zum Fuße des Berges:

Nasrudins Suche im Lichte der Laterne entspricht hier der Lage in dem Seitental, in der Mulde. Hier macht und tut Nasrudin. Doch es ist nicht wirklich zielführend. Denn er wird nicht am Fuße des Berges angekommen. Er wird seinen Schlüssel unter der Laterne niemals finden. Die Mulde gibt zwar der Situation eine gewisse Stabilität und richtet das Handeln aus, doch indem wir in der Mulde verharren, kommen wir nicht zum Ziel. Dafür haben wir uns aufzuraffen, den Zwischengipfel zu erklimmen und von dort aus weiter in das Tal herabzusteigen.

Doch Nasrudin hat es sich in seiner Mulde bequem gemacht, er hat sich mit seiner Situation arrangiert und sucht den Schlüssel im Lichte der Laterne. Und er denkt überhaupt nicht daran, die Sache zu ändern. Erst als sein Freund ihn fragt: Wo hast Du denn den Schlüssel verloren? wird klar, dass die bisherige Suche vergebens war.

Doch wie geht die Geschichte weiter?

Haben die beiden erkannt, dass sie sich aufraffen müssen, die „Mulde“, das Gewohnte hinter sich zu lassen, den Zwischengipfel zu erklimmen und den Schlüssel im Gebüsch zu suchen? Ja das klingt vernünftig. So könnten sie ihr Ziel erreichen und zum Wesentlichen in der Situation vordringen – zum Schlüssel. Doch für die Geschichte gibt es durchaus auch ein anderes Ende. Die ganze Situation artet in einen Streit aus, da Nasrudins Freund sich veräppelt fühlt, da er seine Zeit unnütz vertan hat, da die ganze Suche vergebens war.

Ja wir haben nicht dort zu suchen, wo das Licht ist, sondern wir haben das Licht dahin zu bringen, wo es was zu suchen gibt!

Doch wie erreichen wir das? Es braucht einen Stups! Damit wir unser Verhalten ändern und zum Wesentlichen gelangen. Allerdings müssen wir mit unserem Stups vorsichtig sein, denn die Sache kann auch nach hinten losgehen. Doch wie sorgen wir dafür, dass unser Stups wirklich zielführend ist? Wie kriegen wir es hin, dass die Beteiligten sich aufraffen, den Nebengipfel überwinden, um so zu dem Wesentlichen vorzudringen?

Wir haben uns zu fragen:

Wie können wir das Wesentliche in der konkreten Situation verwirklichen?

Also ganz unabhängig von unseren althergebrachten Vorstellungen und Ansichten über die Situation und unseren Gewohnheiten. Betrachten wir ein Beispiel:

Die Urlaubsplanung

Jedes Jahr so zu der Weihnachtszeit, plane ich mit meiner Frau den Urlaub für das nächste Jahr. Und jedes Mal sind wir dabei durchaus unterschiedlicher Meinung. Denn meine Frau liebt die Ostsee – da gibt es schöne Strände, ausgedehnte Wälder, man kann prima Radfahren und sich die alten Hansestädte anschauen. Ich hingegen will in die Berge. Wandern, die Natur genießen, mich körperlich verausgaben und die Weite und Freiheit spüren, wenn ich auf einem Berggipfel stehe. Möglichst irgendwo in den Alpen, gerne in den Dolomiten.

Nun schön. Wie kommen wir in dieser Situation zu einer Entscheidung, die für uns beide passt? Die Sache ist durchaus vertrackt. Denn wenn ich jetzt auf den Bergen bestehe und das Wandern immer schöner ausmale, dann stimmt meine Frau eine Lobeshymne für die Ostsee an. Und wenn ich jetzt versuche meiner Frau die Ostsee madig zu machen, dann fängt sie an über die schweißtreibende Plackerei in den Bergen zu schimpfen. Und so nimmt das Gespräch keinen guten Verlauf.

Wir sind gefangen in unseren Mulden

Für meine Frau ist die Ostsee die Mulde. Für mich die Berge. Doch wie kommen wir aus unseren Mulden heraus? Es braucht einen passenden Stups! Eine passende Frage, die uns anregt, die Situation in einem anderen, in einem neuen Licht zu betrachten. Dabei geht die Frage jetzt nicht von unseren unterschiedlichen Positionen aus, wie wir meinen, dass der Urlaub zu gestalten sei und versuchen sie zu verbinden. Stattdessen braucht es eine höhere, eine übergeordnete Perspektive, die wie ein Scheinwerfer die Situation neu ausleuchtet.

Dabei verfolgen meine Frau und ich durchaus ein gemeinsames Ziel: beide wollen wir zusammen einen gelungenen Urlaub verbringen. In dem Punkt sind wir uns völlig einig. Unsere Streitigkeiten resultieren aus den unterschiedlichen Vorstellungen, wie wir unser Ziel erreichen möchten. Und an diesem Punkt war es für uns eine befreiende Frage:

Was macht für uns einen attraktiven Urlaub eigentlich aus?

Mit dieser Frage rücken die Positionen in den Hintergrund, wohin wir in unserem Urlaub fahren wollen. Dabei stellten wir erstaunt fest, dass unsere Vorstellungen, was einen attraktiven Urlaub für uns ausmacht, gar nicht so unterschiedlich sind. Ja wir möchten unseren Urlaub aktiven gestalten, an der frischen Luft, etwas unternehmen, neue Eindrücke gewinnen. Und diese Vorstellungen können wir an den unterschiedlichsten Orten verwirklichen. Dabei spielen unsere alten Positionen gar keine Rolle mehr. Und anstatt uns zu streiten, machten wir uns in einem konstruktiven Gespräch auf die Suche nach einem passenden Urlaubsziel, das unseren gemeinsamen Vorstellungen entspricht.

Nach einigem Hin und Her einigten wir uns auf einen Urlaub im Elbsandstein Gebirge. Das ist eine schöne Gegend, da kann man prima Radfahren, wandern und Dresden sowie Meißen besuchen. Der Urlaub wurde wunderbar. Und dabei waren wir unablässig damit beschäftigt, unsere Vorstellungen auszutauschen, damit es für uns beide ein attraktiver Urlaub wurde.

Wir werden schöpferisch

Indem wir eine Frage stellen, wie wir in einer Situation das Wesentliche zum Ausdruck bringen können, lassen sich die althergebrachten Positionen überwinden. Alle Beteiligte möchten die Frage zu einer Antwort bringen. Doch zuerst einmal hat keiner eine passende Antwort parat. Denn mit der Frage lassen wir das Vertraute, das Bekannte hinter uns. Uns wird gewissermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen. Wir werden unsicher.

Doch wenn das Wesentliche in der Situation für uns wirklich attraktiv ist, wenn wir es wirklich erreichen wollen, dann werden wir bereit, das Alte hinter uns zu lassen. Dann werden wir aktiv. Dann finden wir passende Ideen, dann machen wir uns auf die Suche nach attraktiven Lösungsansätzen. Dabei interessieren wir uns für die Ansichten und Meinungen der anderen, da sie die gleiche Zielsetzung verfolgen. In einem konstruktiven Miteinander werden wir bereit, die Ansätze weiter zu hinterfragen und zu konkretisieren. So entsteht eine gemeinsam geschaffene Substanz, eine Lösung, nach der sich die Situation neu ausrichten lässt. Und dabei haben die Beteiligten es selbst in der Hand, dass die Lösung bestmöglich wird.

Durch die Frage: Wie können wir das Wesentliche in einer Situation erreichen? werden wir schöpferisch. Im kooperativen Miteinander entstehen attraktive und tragfähige Lösungen.

Betrachten wir noch einmal unser Bild mit der Berglandschaft:

Zuerst sitzen meine Frau und ich in den beiden Seitentälern. Sie will an die Ostsee. Ich will in die Alpen. Indem wir auf diesen Positionen beharren, kommen wir zu keiner gemeinsam getragenen Lösung. Durch die gezielte Frage, wie können das Wesentlichen in der konkreten Situation verwirklichen? – also in unserem Beispiel: Was ist uns in unserem Urlaub eigentlich wichtig? – öffnet sich ein neues, ein verbindendes, ein großes Tal. Und da es für uns beide attraktiv ist, werden wir bereit, aus den Nebentälern aufzubrechen, den Zwischengipfel zu überwinden und im konstruktiven Miteinander eine attraktive Lösung in dem neuen Tal zu entwickeln. Im schöpferischen Miteinander gestalten wir einen wunderbaren Urlaub.

Der Unterschied zum Kompromiss

Jetzt mögen Sie sagen: Was soll das ganze Theater. Ist der Urlaub in dem Elbsandstein Gebirge nicht einfach ein guter Kompromiss? Das liegt doch geografisch genau in der Mitte zwischen den Alpen und der Ostsee. Da ist doch Verstand bei!

Nun bei einem Kompromiss verharren die Beteiligten in ihrer Mulde. Es wird eine Lösung gesucht, die diese Interessen einerseits zusammenbringt, wobei aber jeder auch ein Opfer hinzunehmen hat. Und als Kriterium für einen guten Kompromiss sagte mir einmal ein Richter: Ein Kompromiss ist dann gut, wenn beide Seiten eine etwa gleichgroße Kröte zu schlucken haben.

Jetzt mag eine Kompromisslösung durchaus logisch sein. Doch allzu leicht sehen wir den Kompromiss als einen aufoktroyierten Zwang an und bleiben mit den Gedanken in unseren Mulden hängen. Dann stiefeln meine Frau und ich zwar durch das Elbsandstein Gebirge. Doch sie beschäftigt im Hinterkopf der Gedanke: Ach wie schön wäre es jetzt doch an der Ostsee! Und ich träume von den Alpen….

Doch in unserem Urlaub im Elbsandstein Gebirge waren wir vollauf damit beschäftigt, die Zeit für uns passend zu gestalten, so dass unsere gemeinsame Sehnsucht zu einem bestmöglichen Ausdruck kommt. Und dabei spielten die Ostsee und die Alpen schlicht keine Rolle.

Fazit

Um das Wesentliche in unserem Leben zu verwirklichen, stehen wir uns allzu leicht selbst im Weg – mit unseren eigenen Vorstellungen und Ansichten. Dann strengen wir uns an, machen und tun, ohne dabei das gewünschte Ziel zu erreichen. Da braucht es einen geeigneten Stups, der eine neue Perspektive öffnet und unser Handeln befreit. Hilfreich ist dabei die Frage:

Wie können wir das Wesentliche in der konkreten Situation verwirklichen?