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Über das Wesen unseres Menschseins

In unserem Alltag fühlen wir uns häufig wie ein Hamster in seinem Laufrad. Angetrieben von den äußeren Anforderungen strampeln wir uns ab, ohne das Gefühl zu haben, wirklich voran zu kommen. Stattdessen dreht sich das Rad immer schneller: immer neue Informationen strömen auf uns ein, immer mehr Anforderungen werden an uns gestellt, die in einer immer kürzeren Zeit zu erledigen sind. Und dabei sind wir immer seltener zufrieden mit dem, was wir geschafft haben. Denn schon warten neue Anforderungen auf uns. Wir sind getrieben, ziellos, rastlos und häufig unzufrieden.

Doch fragen wir uns: Was ist die Ursache unserer Unzufriedenheit? Was wollen wir wirklich? Wo drückt der Schuh? Ich glaube die Antwort ist einfach: Wir Menschen möchten als Menschen behandelt werden. Das ist der springende Punkt! Wir sind es leid, nur als Human Resources verwaltet zu werden – egal ob in der Wirtschaft, im Gesundheitswesen, im Umgang mit der Technik, der Politik oder sonst wo. Überall werden wir als gefügige Masse betrachtet, die den äußeren Anforderungen zu entsprechen hat. Und das haben wir satt. Wir möchten mit unseren Belangen wahrgenommen werden. Wir möchten mit unseren Belangen ernst genommen werden. Und wir möchten dafür Lösungen, die attraktiv und tragfähig sind.

Doch halt! Was macht unsere Menschlichkeit eigentlich aus? Wie können wir menschlich werden? Wie kommen wir zu einem menschlichen Miteinander? Auf diese Fragen gibt dieser Artikel eine praktische Antwort. Doch fragen wir uns zuerst:

Was bin ich?

Zuerst stellen wir fest, das „Ich“ existiert unser ganzes Leben – von der Wiege bis zur Bahre. Es ist eine Art innerer Quell, der mich, der meinen Körper mit Leben erfüllt. Eine Art Potential, das als Möglichkeit in mir angelegt ist und zu einem Ausdruck gebracht werden kann. So muss das „Ich“ durch etwas Absolutes bestimmt sein. Durch etwas, das unabhängig von meinem Körper und von meinem Tätigsein existiert. Denn mein Körper ändert sich im Laufe der Zeit: die Zellen erneuern sich, die Haare werden grau, die Zähne fallen aus, die Kräfte lassen nach. Und auch das, was ich mache, was ich denke, was ich fühle ändert sich mit jeder Situation.

Dagegen ist die Kraft, die unser „Ich“ prägt, zeitlos, etwas Universelles, das unabhängig von mir existiert und mich zugleich in meiner Art zu sein prägt. Und nicht nur mich. Alle Menschen. Und nicht nur uns Menschen. Alle Lebewesen. Das „Ich“ resultiert aus einer universellen Lebenskraft, die die Grundlage für das Leben auf dieser Erde bildet. Wir können den Ursprung dieser Lebenskraft als das Wesentliche bezeichnen, als die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit, die in jedem Lebewesen auf eine ganz spezielle Art veranlagt ist und das Sein maßgeblich prägt. Bei uns Menschen sowie auch bei den Tieren drückt sich dieses Wesentliche im Aussehen und Verhalten aus. Bei den Pflanzen bestimmt es ebenfalls das Aussehen aber auch die Heilwirkung.

Das Wesentliche unseres Menschseins

Wir Menschen finden einen Zugang zu dieser Lebenskraft in unseren inneren, seelischen Bedürfnissen, die unser Verhalten, die unsere Persönlichkeit ausmachen. (siehe auch: Die seelischen Bedürfnisse) Dabei lässt sich die Vielfalt der seelischen Bedürfnisse auf neun Grundbedürfnisse zurückführen, die in jedem Menschen angelegt sind:

  1. Der Wunsch nach Orientierung
  2. Der Wunsch nach Zentrierung
  3. Der Wunsch nach Weite
  4. Der Wunsch nach Eigenständigkeit
  5. Der Wunsch nach Klarheit
  6. Der Wunsch nach sozialer Verbundenheit
  7. Der Wunsch nach Neuausrichtung
  8. Der Wunsch nach Aktivität
  9. Der Wunsch nach Ordnung

Wir können die Grundbedürfnisse als einzelne Wesen betrachten, die in jedem Lebewesen spezifisch wirken und in ihrem Zusammenspiel das Dasein ausmachen.

Der Wesenskern

Dabei gibt es stets ein dominierendes Wesen, das ein Lebewesen maßgeblich prägt – den Wesenskern. Bei den Pflanzen kommt der Wesenskern maßgeblich durch die genetischen Programme zum Ausdruck und bestimmt ihr Aussehen. Darüber hinaus ist der Wesenskern bei den Tieren maßgeblich durch den Instinkt geprägt und bestimmt das Verhalten.

Jetzt steuern uns Menschen viel weniger die genetischen Programme oder der Instinkt als die Tiere. Stattdessen haben wir unser Bewusstsein, das uns die großartige Möglichkeit bietet, unseren Wesenskern zu erkennen und zu einem bewussten Ausdruck zu bringen. Doch der Wesenskern ist uns meistens nicht bewusst. Er ist überschattet von unseren eigenen Vorstellungen und Annahmen, wie wir meinen, dass der Alltag zu meistern wäre. Um den Kern zu erkennen, braucht es durchaus einen detektivischen Spürsinn.

Finden wir unseren Wesenskern heraus, dann wirkt das belebend. Es ist wie bei einem Fisch, der sein Wasser gefunden hat, in dem er munter umher schwimmen kann. Dabei ist der Wesenskern individuell ganz unterschiedlich. So ist der eine Mensch in seinem Element, wenn er etwas machen und tun kann, der andere möchte Fragen beantworten, eine Situation umfassend betrachten, einer Sache auf den Grund gehen oder Entscheidungen treffen und würdevoll vertreten. Und so weiter und so fort. Ganz nach der individuellen Veranlagung. (siehe auch: Erkenne Dich selbst!)

Dem Wesen auf die Schliche kommen

Die Erkenntnis des eigenen Wesenskerns und die entsprechende Ausrichtung der anderen Wesen ist eine Entwicklung. Zu Anfang haben wir vielleicht nur eine leise Ahnung davon, was unser Wesen ausmacht und wie wir es in den verschiedenen Situationen zu einem Ausdruck bringen können. Doch mit den Erfahrungen, die wir dabei sammeln, werden wir uns unseres „Ichs“ immer bewusster, immer klarer wird die Vorstellung, was uns als Menschen eigentlich ausmacht und immer souveräner, leichter und freudiger können wir es in unserem Handeln zum Ausdruck bringen.

Indem wir dabei unseren Wesenskern zu unserem ausrichtenden Maßstab erklären, treten unsere eigenen Vorstellungen und Ansichten über die Situation in den Hintergrund. So können wir unsere eigenen Meinungen betrachten und prüfen. Wir können entscheiden, was anzupassen oder zu verwerfen ist. Welche Eigenschaften wir weiter beibehalten wollen, und welche wir noch gezielt stärken und weiterentwickeln möchten.

Dabei ist es zweckmäßig, einige zentrale Grundeigenschaften herauszukristallisieren – vielleicht so zwei oder drei – die für unser Wesen gut passen, und nach denen wir unser Handeln in der Situation bewusst ausrichten können. Schritt für Schritt reift eine eigene Vorstellung, wie wir das Wesentliche zu einem Ausdruck bringen wollen. Und je klarer diese Vorstellung wird, umso leichter können wir die Situation danach gestalten. Schließlich bringen wir das Wesentliche ganz authentisch zum Ausdruck.

Auf dem Weg werden wir selbst zu Schöpfern. Wir werden selbst zu bewussten Gestaltern. Und dabei liegt es in unserer eigenen Hand, dass die entwickelten Lösungen attraktiv, tragfähig und für die Situation angemessen werden, dass sie unser Leben befreien und ihm Fülle geben.

Wir können es in einem Bild darstellen:

In der Mitte des Bildes steht der Wesenskern. Um den Kern zu einem guten Ausdruck zu bringen, werden die anderen Wesen entsprechend ausgerichtet. Der Große alles umfassende Kreis steht für die verbindende Ordnung, die das wirksame Zusammenspiel und den Ausgleich zwischen den einzelnen Wesen ermöglicht.

Betrachten wir ein Beispiel: einen Lehrer

Jetzt mag es der Wesenskern unseres Lehrers sein, etwas zu vermitteln. Das entsprechende Grundwesen ist die Verbundenheit, das bewusste Gestalten des Miteinanders, um seinen Schülern etwas beizubringen. Damit er diese Aufgabe gut erledigen kann, richtet der Lehrer seine anderen Persönlichkeitseigenschaften für seinen Zweck aus.

Zuvor ist es allerdings erforderlich, dass der Lehrer den Lehrstoff aus dem Eff-Eff beherrscht, dass die Lehrinhalte für ihn selbst völlig klar sind. Erst dann kann er herangehen und seine Kenntnisse vermitteln. Das erfolgt in folgenden Schritten:

  1. Zuerst beobachtet der Lehrer die Schüler in seiner Klasse genau und stellt sich die Frage: Wie setzt sich die Klasse zusammen? Wo stehen die Schüler mit dem Lernen gerade? Mit der Antwort verschafft er sich eine Orientierung in der Situation.
  2. Weiter stellt der Lehrer sich die Frage: Was habe ich den Schülern als nächsten Schritt zu vermitteln? So kommt er dem Wesentlichen auf die Spur, dem, was er als Lehrer in der Situation wirklich möchte.
  3. Weiter fragt er sich: Wie kann ich den Lehrinhalt vermitteln? Als Antwort findet er verschiedene Ideen, als Ausdruck der Transzendenz.
  4. Dann ist ein Entschluss zu fassen als Antwort auf die Frage: Welche der Ideen greife ich konkret weiter auf? Mit dem Entschluss gibt er seinem Willen, seiner Eigenständigkeit einen Ausdruck.
  5. Weiter stellt sich die Frage: Wie ist der Lehrstoff zu konkretisieren? Wo gibt es noch offene Fragen? Als Resultat entsteht Klarheit.
  6. Und weiter: Wie ist der Lehrstoff zu vermitteln, so dass er bei den Schülern möglichst verständlich ankommt? Dies ist ein Ausdruck der Verbundenheit.
  7. Dann stellt sich die Frage: Was ist die Zielsetzung für die nächste Unterrichtsstunde? Die Antwort gibt eine Ausrichtung für die Unterrichtsstunde.
  8. Zu guter Letzt stellt sich die Frage: Wie gestalte ich die Unterrichtsstunde, damit das Lernen für die Schüler erfolgreich wird und auch Freude macht? Mit der Antwort wird der Lehrer aktiv.
  9. Allumfassend wirkt die Ordnung, die den Wesenskern und die einzelnen Wesen verbindet, so dass ein gutes Resultat erzielt wird.
Nehmen wir das Beispiel unter die Lupe

Bei dem Vorgehen lässt sich der Lehrer durch Fragen leiten und aktiviert durch diese seine verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften. Mit den selbst entwickelten Antworten richtet der Lehrer die einzelnen Wesen nach seinem Wesenskern aus.

Der verbindende Prozess richtet die Reihenfolge der einzelnen Wesen aus, in der sie zusammenwirken. Dabei wirken die Fragen als treibende Kraft. Das konstruktive Zusammenwirken, die ordnende Verbindung und der Ausgleich zwischen den Wesen entsteht aus der Grundeinstellung des Lehrers, mit der er das ganze Vorgehen gestaltet. Für den einen Lehrer mag dies die Freude und Leichtigkeit sein, mit der er seinen Lehrstoff vermittelt; ein anderer Lehrer mag besonderen Wert darauflegen, seine Lehrinhalte möglichst klar und einfach zu vermitteln oder anhand von möglichst anschaulichen Beispielen – ganz nach der individuellen Veranlagung.

Auf dem Weg zur Lehrerpersönlichkeit

In dem Vorgehen richtet sich der Lehrer nach dem Wesentlichen in der Situation aus – also hier nach der Frage: Was habe ich den Schülern als nächstes zu vermitteln? – und entwickelt für diese Frage eine passende Antwort, nach der er dann die Unterrichtsstunde gestaltet. Dabei kommen dem Lehrer die Antworten nicht durch das Grübeln im stillen Kämmerlein. Für die Antworten hat er seine Kenntnisse mit der konkreten Situation der Schüler in der Klasse zusammen zu bringen.  

Indem der Lehrer das für ihn Wesentliche in den Unterrichtsstunden aufgreift und zu einer tragfähigen Lösung bringt, beherrscht er mehr und mehr seinen Beruf. Dabei mögen zu Anfang durchaus die Antworten auf die einzelnen Fragen noch nicht so richtig passen, manche Fragen mögen offenbleiben oder sich Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg stellen. Doch mit der Zeit reift bei dem Lehrer die Vorstellung, wie er seinen Unterricht erfolgreich nach seinem Wesenskern gestalten kann. Mehr und mehr fällt dabei all das Störende, das Behindernde, das Unwesentliche ab. Schließlich beherrscht er seinen Beruf, dann weiß er um den Wert seiner Lehrtätigkeit, dann kann er seine Lehrinhalte souverän und authentisch weitergeben, dann wird er zu einer eigenständigen Lehrerpersönlichkeit, in gewissem Sinne unabhängig von dem Lehrplan.

Und wirkt alles gut zusammen: der Wesenskern, die im Miteinander ausgerichteten Wesen und die ordnende Grundeinstellung, dann erfasst den Lehrer und seine Schüler eine freudige Verbundenheit, ein Einheitsgefühl. Dann erfüllt sie eine heitere, eine befreiende Harmonie. Und dieses Gefühl nennen wir Liebe.

Fazit

Indem wir uns unseres Wesenskerns bewusstwerden und ihn immer souveräner in den täglichen Situationen verwirklichen, reifen wir als Persönlichkeit. Mehr und mehr entwickeln wir eine Identität, die uns aufrichtet und mit der wir uns in unseren Aufgaben in ein konstruktives Miteinander einbringen können. Schließlich bringen wir unsere Menschlichkeit zu einem authentischen Ausdruck – zu unserem eigenen Wohle und zum Wohle unserer Mitmenschen.