Es ist eine alte Sehnsucht der Menschheit, in einem gelingenden Miteinander zu leben, wobei sich jeder mit seinen individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten konstruktiv einbringen kann. Der türkische Poet Nâzim Hikmet drückte diese Sehnsucht in seinem Gedicht „Davet“ (Die Einladung) schön aus. Hier in der Übersetzung von Hannes Wader [1]:
Leben einzeln und frei
wie ein Baum und dabei
brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist alt.
Doch wie kann diese Sehnsucht zur Wirklichkeit werden? In der Vergangenheit gab es dazu verschiedene Ansätze. Letztlich ist es der Ausdruck einer jeden Kultur. Dabei basiert eine Kultur immer auf einem entsprechenden Menschenbild. Doch wenn wir die Kulturen und Menschenbilder der Vergangenheit betrachten, so stellen wir fest: irgendwie passen sie nicht so recht in unsere heutige Zeit. Denn im Laufe der Geschichte haben wir Menschen uns entwickelt, und unsere Einstellungen und Vorstellungen haben sich geändert. So können wir nicht die Vergangenheit wieder beleben, sondern wir brauchen ein neues Menschenbild als Grundlage einer neuen Kultur!
In diesem Artikel stelle ich das Menschenbild des bewussten Seins vor. Es liefert eine Perspektive, nach der wir uns selbst sowie das Miteinander bewusst gestalten und dabei attraktive und tragfähige Lösungen für unsere Fragen und Probleme entwickeln können.
Was sind Menschenbilder?
Menschenbilder dienen uns Menschen dazu, eine Vorstellung von uns selbst zu entwickeln: was uns als Mensch ausmacht, was uns einen Sinn im Leben gibt und wie wir uns in ein Miteinander einbringen können.
Zugegeben, heute ist die Frage nach einem Menschenbild nicht mehr modern. Denn heute richten sich die Menschen maßgeblich nach dem aus, was sie für sich selbst als passend und richtig empfinden. Und da wird über ein allgemeines Menschenbild doch leicht die Stirn gerunzelt. Dabei bietet das Menschenbild die Grundlage für die gelingende Gestaltung des Miteinanders sowie für die Werte, die eine Gesellschaft vertritt und die sie prägt. Ein bewusstes Menschenbild bildet die Grundlage für eine Kultur.
Im Laufe der Zeit haben sich die Menschenbilder geändert und mit ihnen die Kulturen. Dabei haben die Kulturen jeweils eine Anfangsphase, eine Blüte und dann einen Verfall durchlaufen. Doch betrachten wir einige Beispiele [2]:
Die Kultur des alten Ägyptens
war maßgeblich geprägt durch den Pharao, der als göttlich angesehen wurde, der verehrt wurde, so dass sich die Bevölkerung des Landes bereitwillig in seinen Dienst stellte. Dabei wurde unterschieden zwischen Sklaven, die die Arbeiten ausführten, Aufsehern die die Sklaven kontrollierten, einer zentralisierten Verwaltung mit einem großen Beamtenwesen, das für Recht und Ordnung sorgte, und Priestern, die göttliche Wahrheiten verbreiteten und darauf achteten, dass die Götter verehrt wurden – insbesondere der Pharao.
Die ägyptische Kultur überdauerte mehr als drei Jahrtausende. Dabei wurde die strenge, hierarchische Struktur nicht in Frage gestellt. Jeder einzelne hatte seinen Platz in der Hierarchie und definierte sich dadurch, wie er dem Pharao diente oder wir er der Verehrung für den Pharao einen Ausdruck gab – sogar die Sklaven, wenngleich sie zu ihrer Arbeit verpflichtet wurden. So hatte jeder seine Aufgabe. Und mit den Pyramiden und Tempeln entstanden Kulturgüter, die wir bis heute bewundern.
Das Menschbild des alten Ägyptens scheint für uns heute nicht mehr angebracht. Wir wollen uns nicht einem göttlichen Pharao unterordnen, um ihm zu dienen. Denn warum ist der Pharao göttlich? Und warum sollen wir nicht göttlichen Wesen dazu verdammt sein, dem Gott zu dienen? Ja im alten Ägypten hat das funktioniert. Da wurde die Hierarchie nicht in Frage gestellt. Doch heute hinterfragen wir. Wir wollen wissen. Und so erscheint uns heute die ägyptische Kultur als nicht akzeptabel – bei all der Bewunderung für die geschaffenen Kulturgüter.
Die griechische Kultur
Waren die Ägypter in ihrer Staatsform zentralistisch ausgerichtet, so war Griechenland durch die Vielzahl seiner Stadtstaaten geprägt. Die Städte waren selbstständig und hatten eine eigene Gesetzgebung und Verwaltung. Dabei wurden die Entscheidungen nicht von einem Hierarchen vorgegeben. In den Jahren 508 bis 322 v. Chr. herrschte in Athen eine direkte Demokratie mit einer Bürgerbeteiligung. Jeder Bürger konnte an der Volksversammlung teilnehmen; jeder Bürger war befugt, ein Amt zu bekleiden und besaß ein Rederecht. Im dialogischen Austausch der Argumente und Positionen wurden die Entscheidungen getroffen, die dann gemeinsam beschlossen und vertreten wurden [3].
Dabei war die Teilnahme an der Versammlung den männlichen Bürgern der Städte vorbehalten. Frauen, Sklaven und Metöken (d. h. Bewohner ohne Bürgerstatus, sehr oft Fremdarbeiter) galten nicht als Bürger im politischen Sinne und waren von der Beteiligung ausgeschlossen.
Die getroffenen Gesetze und Vorschriften gaben einen äußeren Rahmen vor, in dem jeder Bewohner Athens sein freies Leben entwickeln konnte.
Die antike griechische Demokratie basiert auf den politischen Theorien antiker Denker wie Sokrates, Platon und Aristoteles und gilt bis heute als wegweisend für die Entwicklung der modernen Demokratien. Bis heute ruft sie mit ihrem hohen Grad an bürgerlicher Beteiligung Bewunderung, aber auch Kritik hervor.
Denn in dieser Art Demokratie ist die zentrale Schwierigkeit, wirklich zu tragfähigen Entscheidungen zu kommen. Dafür braucht es sowohl eine klare Orientierung, wofür eine Entscheidung zu treffen ist, als auch möglichst objektive Entscheidungskriterien, die zu bewerten und abzuwägen sind. Und das ist nicht unbedingt das Resultat einer öffentlichen Diskussion oder Debatte, wo sich doch eher die Ansicht des überzeugendsten Rhetors durchsetzt.
Die Kultur der Römer
Die griechische Kultur wurde letztlich durch die römische Kultur abgelöst. Jetzt hatten die Römer einerseits ihre Götter, die sie verehrten. Doch mehr als durch die Götter war das römische Reich geprägt durch die Macht und Disziplin seiner Legionen.
Zuoberst stand der Kaiser, der zugleich Heeresführer war. Ihm untergeordnet war die Armee, die sich in einer streng geordneten Hierarchie strukturierte. Wobei die römischen Legionäre sich durchaus bereitwillig in die Hierarchie einfügten und ihre Befehle ausführten. Denn sie bekamen einen Sold für ihre Arbeit. Damit sahen die Legionäre für sich einen Sinn in ihrer Tätigkeit.
Jetzt hielt das römische Reich etwa tausend Jahre. Und es hat beeindruckende Bauten hinterlassen: etwa die Theater, Arenen, Tempel und Triumphbögen.
Eine ähnlich hierarchische Struktur finden wir heute in vielen großen Unternehmen – in denen sich die Hierarchen über die Anzahl ihrer Mitarbeiter definieren und den Einfluss, den sie auf diese ausüben können. Allerdings sind wir heute als Arbeitnehmer nicht mehr in der Rolle des reinen Befehlsempfängers. Wir wollen und sollen unsere eigenen Vorstellungen und Ansichten mit einbringen, um die gestellten Aufgaben bestmöglich zu erledigen. Doch dabei haben wir uns jeweils den Unternehmenszielen unterzuordnen.
Heute betrachten wir die Hierarchien oft mit Skepsis. So sind wir nur bereit, uns in eine Hierarchie einzubringen, wenn es uns einerseits einen persönlichen Vorteil verschafft und uns gleichzeitig die Freiheit bietet, die gestellten Aufgaben in einem gewissen Rahmen nach unseren eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Doch bieten sich diese Rahmenbedingungen, dann haben wir durchaus die Möglichkeit, gute Resultate bei der Arbeit zu erzielen und uns dabei gleichzeitig als Persönlichkeit zu entwickeln.
Das Christentum
Ganz anders ist das Menschenbild des Christentums. Danach sind alle Menschen göttlich und damit gleich – unabhängig von ihrer Herkunft, von ihrem Rang oder ihrem Einkommen. Dieser Glaube gipfelt in der Maxime: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.“ Damit war die Hierarchie vom Tisch. Und deshalb fand das Christentum zahlreiche Anhänger.
Dabei hatten die Urchristen das Ziel, die Nächstenliebe so wie Jesus zum Ausdruck zu bringen. Doch dieses Ziel ist das Resultat einer persönlichen Entwicklung. So führten etwa die Wüstenväter ein Leben in Askese und wurden zu Einsiedlern. Sie kreisten mit ihren Gedanken um sich, um Gott und die Welt, doch von ihnen kam kein befreiender Impuls ins Leben.
Doch dann wurde das Christentum zur römischen Staatsreligion erhoben. Es verband sich mit der römischen Kultur. Die Institution der Kirche wurde gegründet. Es entstand eine mächtige Hierarchie. Der Glaube wurde verbreitet. Und mit den Dombauten und Kathedralen wurden imposante Bauwerke geschaffen.
Doch dabei hat sich das Christentum von seinem Grundgedanken entfernt. Der Glaube wurde mit dem Schwert verbreitet und den Menschen übergestülpt. Die individuellen Interessen und Vorstellungen wurden dabei nicht berücksichtigt oder hatten nur eine untergeordnete Bedeutung. So wurden die Menschen hörig und gleich gemacht. Sie gingen ihrer Arbeit nach, glaubten an Gott und achteten das Wort des Pfarrers. Ihre Eigenständigkeit, ihre eigenen Interessen und Vorstellungen ordneten die Menschen mehr oder weniger bereitwillig unter.
Bis heute vertritt die Kirche den Ansatz, dass alle Menschen göttlich und damit gleich sind. Diese Vorstellung soll den Gläubigen eine Würde als Ebenbild Gottes verleihen, das zur Liebe, Freiheit, Gemeinschaft und Verantwortung berufen ist [4]. Doch heute nehmen wir dieses Menschenbild nicht mehr einfach so hin. Wir hinterfragen es! Was soll das Göttliche sein? Wie können wir das Göttliche aufgreifen und in unserem Leben zum Ausdruck bringen? Und sind wirklich alle Menschen gleich? Jeder Mensch ist doch irgendwie anders. Wir wollen doch unsere eigene Art zu sein herausfinden und ins Leben bringen. Und da passt die Vorstellung des gefügigen Gläubigen nicht mehr so recht in die heutige Zeit passt.
Mit dem humanistischen Menschenbild
besann man sich auf die antike griechische und römische Kultur. Man wollte die philosophischen Ausrichtungen wiederbeleben. Dabei rückte das Individuum in den Vordergrund des Interesses. Als Individuell wurde die Fähigkeit verstanden, sich eigene Gedanken und Vorstellungen machen zu können und diese mit dem eigenen Willen zu verwirklichen. So betrachteten sich die Menschen im Wesentlichen als verstandesgeprägte Wesen. Der Ausspruch von Descartes: „Ich denke, also bin ich“ wurde zur Maxime erklärt.
Im Miteinander war es das Ziel, die gesellschaftlichen Belange vernünftig zu regeln. Das Vorbild war die griechische Demokratie. Im Austausch sollten die Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wobei die Einstellungen der Mitmenschen zu achten und zu tolerieren sind.
Im Humanismus bezog der Mensch sein Selbstverständnis aus dem, was er dachte und wie er es im Miteinander einbringen und durchsetzen konnte. Das belebte die Philosophie und war die Grundlage für die Naturwissenschaften.
Doch je mehr das Denken reifte, umso unabhängiger, umso kritischer wurden die Individuen. Sie sahen die erzielten Erkenntnisse als das Resultat ihres Denkprozesses. Und auf einmal ist da kein Platz mehr für einen Gott oder für Werte und Moralvorstellungen unabhängig von den eigenen Erkenntnissen.
Die Moderne
Aus dem humanistischen Menschenbild entwickelte sich das Menschenbild der Moderne, das speziell im Existentialismus seinen Ausdruck fand [5]. Dabei wird das Individuum mit seinen eigenen Gedanken und Vorstellungen immer mehr in das Zentrum des Bewusstseins gestellt. Alle äußeren Wertvorstellungen, Regeln und Gesetze sowie auch die Existenz einer menschlichen Natur werden hinterfragt und letztlich verworfen.
So hat sich der Mensch durch seine Entscheidungen und Handlungen selbst zu definieren. Wir existieren zunächst und müssen dann selbst entscheiden, wer wir sein wollen und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Es wird zum Ausdruck der Freiheit und Eigenständigkeit, dass sich jeder Mensch seine eigene Welt konstruieren kann. So ist unsere Gesellschaft heute von vielen Ansichten über den Menschen geprägt, die ihren Ausdruck in unterschiedlichen Lebensstilen finden.
Der wunde Punkt dabei ist: wenn jeder die Welt auf seine Art für sich erfindet, dann steht jeder für sich alleine da. Dann gibt es keine Beziehungen, keine Werte und Moralvorstellung mehr, die uns mit den Mitmenschen verbinden. In der Folge verarmt das soziale Miteinander.
Das heutige Dilemma
Betrachten wir die gängigen Menschenbilder, dann stellen wir fest: keins kann heute als solide Grundlage für eine Kultur des Miteinanders dienen. In dem humanistischen Menschenbild und mehr noch mit der Moderne werden die Menschen zu Individualisten, die sich über ihre Gedanken identifizieren, wobei oft das soziale Miteinander in den Hintergrund tritt. Das christliche Menschenbild basiert auf einem Glauben, wobei wir heute ein gut begründetes Vertrauen in eine Sache entwickeln wollen. Das griechische Menschenbild stellt die Dialogfähigkeit in den Vordergrund, wobei sich bei den Entscheidungen eher der überzeugendste Redner durchsetzt, anstelle von objektiven Kriterien. Und die hierarchischen Menschenbilder der alten Römer oder Ägypter werden in Frage gestellt, denn immer weniger akzeptieren wir die äußeren Vorgaben, und immer weniger zollen wir unseren Vorgesetzen die nötige Achtung.
Anscheinend können uns heute die Religion und die Philosophie keine Orientierung mehr im Leben geben. Deshalb suchen sich die Menschen ihren Halt in anderen Gebieten. Zum Beispiel im Materiellen – etwa als Homo oeconomicus oder in der Technik.
Als Homo oeconomicus
betrachtet der Mensch das erfüllte Leben in der optimalen Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse [6]. Er wird einerseits zum bewussten Konsumenten, der sich informiert, prüft und rational seine Kaufentscheidung trifft. Und andererseits wird der Mensch zum Anbieter von Waren oder Dienstleistungen, die ihm sein Auskommen sichern.
Und ja, es braucht eine gut entwickelte Wirtschaft. Sie bildet die Grundlage für unseren Wohlstand. Doch mit dem Extrem des Homo oeconomicus wird der Mensch selbst zum ausführenden Objekt degradiert. Nicht der Mensch, sondern der wirtschaftliche Erfolg stehen im Vordergrund. Die eigene Individualität, die Vorstellungen, Meinungen, Ansichten und Gefühle treten dagegen in den Hintergrund.
Der technische Fortschritt
entlastet die Menschen und macht uns das Leben bequemer. So wollen wir heute nicht mehr auf die Waschmaschine verzichten, auf das Auto, den Fernseher, den Computer und so weiter. Ja, heute durchzieht die Technik alle Lebensbereiche. Dabei haben wir uns in vielen Bereichen von ihr abhängig gemacht: gibt es eine technische Störung, dann stehen die Räder still. Denn die Technik gibt uns, was wir tun und wie wir es tun. So machen wir uns selbst zu Marionetten der Technik.
Getoppt wird die Vorstellung durch den Anspruch der künstlichen Intelligenz, so denken zu können wie wir Menschen. Spätestens mit dem Einzug der künstlichen Intelligenz nutzt der Mensch die Technik nicht mehr vornehmlich für seine Zwecke, sondern die künstliche Intelligenz entwickelt eine Eigenständigkeit und übernimmt die Führung. In letzter Konsequenz besteht die Gefahr, dass die künstliche Intelligenz uns Menschen überflüssig macht [7].
Anforderungen an einen Ausweg
So kann uns die Rolle des Homo Oeconomicus oder des Ideenfinders für den technischen Fortschritt zwar eine Aufgabe im Leben geben. Doch diese Ansätze taugen nicht als Grundlage für ein Menschenbild. Denn die Menschen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle – beim Homo Oeconomicus steht der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund und bei der Technik der wissenschaftliche Fortschritt.
So haben wir Menschen uns in eine Sackgasse manövriert. Wo finden wir Orientierung und Halt? Ja das ist eine große Sehnsucht. Doch was kann die Orientierung bieten? Was ist eine passende Ausrichtung?
Um diese Frage zu beantworten, können wir jetzt nicht die Zeit zurückzudrehen und alte Kulturen wiederbeleben. Denn wir Menschen haben uns im Laufe der Zeit geändert, mit unseren Vorstellungen und Ansichten. Deshalb passen die alten Menschenbilder nicht mehr in die heutige Zeit. Stattdessen brauchen wir ein neues Menschenbild, das den Menschen selbst in den Vordergrund stellt mit seinen ganz individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten, so dass er sich bereitwillig und konstruktiv in ein soziales Miteinander einbringen kann.
Das Menschenbild des bewussten Seins
Doch wenn wir den Menschen in das Zentrum stellen, so stellt sich direkt die Frage: Was macht unser Menschsein eigentlich aus? Was ist das Wesentliche unseres Menschseins? Es muss etwas sein, das während unseres gesamten Lebens vorhanden ist. Eine Art innerer Quell, der mich, der meinen Körper mit Leben erfüllt. Eine Art Potential, das als Möglichkeit in mir angelegt ist und zu einem Ausdruck gebracht werden kann.
So muss das „Ich“ – also das Wesen unseres Menschseins – durch etwas Absolutes bestimmt sein. Durch etwas, das unabhängig von meinem Körper und von meinem Tätigsein existiert. Denn mein Körper ändert sich im Laufe der Zeit: die Zellen erneuern sich, die Haare werden grau, die Zähne fallen aus, die Kräfte lassen nach. Und auch das, was ich mache, was ich denke, was ich fühle ändert sich mit jeder Situation. Doch es stellt sich die Frage:
Was ist das Wesentliche?
Es ist der innere Kern einer Sache, die Essenz, die zugrunde liegende universelle Gesetzmäßigkeit. Doch wie prägt das Wesentliche eine Sache? Wie kommt es zu einem Ausdruck? Wir können das Wesentliche als Potential betrachten, also als eine Möglichkeit, die in einer Sache, einer Situation oder einem Lebewesen vorhanden ist, die jedoch aktuell noch nicht verwirklicht ist aber zu einem Ausdruck gebracht werden kann. Und wird das Wesentliche aufgespürt und das Potential zu einem Ausdruck gebracht, so ist das immer mit einer befreienden Wandlung verbunden. Das Wesentliche ist der Quell unserer Lebenskraft [8].
Wir können es an einer Kugel illustrieren, die oben auf einem Berg liegt. Um diese Kugel auf den Berg zu bringen, ist ein gewisse Arbeit erforderlich, die als potentielle Energie in der Kugel gespeichert ist. Diese Energie gibt der Kugel die Möglichkeit, sich schnell zu bewegen. Doch oben auf dem Berg ruht die Kugel erst einmal, das Potential kommt nicht zum Ausdruck. Geben wir der Kugel jedoch einen Stups, so rollt sie den Berg hinab und wird dabei immer schneller. Dabei wird die potentielle Energie der Kugel in Bewegungsenergie umgewandelt. Das Potential der Kugel wird zu einem Ausdruck gebracht.
Wir können das Wesentliche auch in einem Samenkorn erkennen. In dem Korn liegt das Potential, sich zu einer Pflanze zu entwickeln. Doch damit das Samenkorn zu der Pflanze wird, hat es auf fruchtbaren Boden zu fallen, hat es genügend zu regnen, so dass das Korn keimt, wächst und gedeiht. Dann kann aus dem Korn eine üppige Pflanze werden. Das Potential, das in dem Samenkorn liegt, kommt zu einem Ausdruck.
Wir finden diese Art der Wandlung auch bei den Tieren. Etwa bei einer Schmetterlingsraupe, wenn sie sich in ihren Kokon verspinnt, der dann aufbricht, womit die Raupe ihr Raupendasein hinter sich lässt und zum Schmetterling wird. So ist in der Raupe das Potential zum Schmetterling vorhanden. Doch damit sich das Potential verwirklicht, hat die Raupe sich soweit zu entwickeln, bis die Wandlung tatsächlich erfolgen kann.

Der Wesentliche unseres Menschseins
Jetzt genügt die Bewegung der Kugel den Gesetzen der klassischen Mechanik. Während die Wandlung des Samenkorns zur Pflanze sowie auch der Raupe in einen Schmetterling nach genetisch vorgegebenen Programmen erfolgt. Doch wir Menschen werden in unserem Verhalten nicht durch irgendwelche physikalischen Gesetze oder genetischen Programme bestimmt. Stattdessen ist unser Verhalten maßgeblich durch unsere Vorstellungen, Ansichten und Meinungen geprägt, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Doch was soll da das Wesentliche sein?
Jetzt ist das Wesentliche eine universelle Eigenschaft. Einerseits existiert es damit unabhängig von uns Menschen. Andererseits bestimmt es maßgeblich unser Sein. Das Wesentliche unseres Menschseins sind unsere Persönlichkeitseigenschaften und die damit verbundenen Bedürfnisse [9]. Die Eigenschaften sind in jedem Menschen ganz individuell veranlagt. Und jeder Mensch bringt sie auf seine Art zu einem Ausdruck. Dabei lassen sich neun Grundeigenschaften unterscheiden, die wir auch als Wesen bezeichnen können:

Wir können uns die einzelnen Wesen als Lebenskräfte vorstellen, die in uns wirken, uns mit Leben erfüllen und in ihrem Zusammenspiel unser Menschsein ausmachen. Dabei finden wir die Wesen bei uns Menschen aber auch bei den Tieren, den Pflanzen sowie in den täglichen Situationen und Dingen. Und dabei gibt es stets eine Wesenheit die dominiert – den Wesenskern [10].
Dem Wesenskern auf der Spur
Doch wir sind uns unseres Wesenskerns meistens nicht bewusst. Stattdessen richten wir unser Leben nach dem aus, was wir wollen: unsere Familie, unsere Arbeit, der Fußballverein, das Auto, das wir fahren, die Socken, die wir tragen, die Gedanken, die wir uns über die Dinge machen, oder unsere Gefühle, die uns erfassen. Ohne Frage, diese Sachen haben alle ihre Berechtigung, doch sie sind vergänglich.
Dagegen ist der Wesenskern etwas Absolutes, das unser ganzes Leben lang existiert und das unser Leben prägt. Der Kern möchte erkannt, er möchte aufgeweckt werden, damit unser inneres Potential zu einem Ausdruck kommt. Dann können wir unsere „innere Handbremse“ loslassen und ein befreites Leben führen. Es ist, als wenn ein Fisch sein Wasser gefunden hat, in dem er munter umherschwimmen kann.
Doch wie können wir unseren Wesenskern erkennen? Er existiert in uns. Doch er ist verborgen, verschüttet hinter all unseren Vorstellungen, Ansichten und Gefühlen. Wir können es vergleichen mit einem Arzt, der eine Diagnose stellt. Denn auch die Ursache einer Krankheit liegt oftmals im Verborgenen und ist nicht direkt sichtbar.
So schildert der Patient zuerst sein Leiden. Er erzählt von den ganzen Symptomen, wo es kneift und wo es drückt. Und von diesen Symptomen geht der Arzt aus und beginnt mit seiner Untersuchung. Dabei hat er das Ziel, die Ursache des Übels zu packen zu kriegen. Bei seinem Vorgehen lässt sich der Arzt von Krankheitsbildern leiten, die er gelernt hat und die er mit seinen Untersuchungsergebnissen abgleicht. Und je klarer, konkreter und detaillierter für ihn diese Krankheitsbilder, umso leichter fällt es ihm, die Ursache der Krankheit herauszufinden. Und wenn er die Ursache herausgefunden hat, kann er die Heilung in die Wege leiten.
Das Wesentliche schauen
Von diesem Ansatz können wir uns auch leiten lassen, um das Wesentliche bei einer Person oder auch in einer Situation zu erkennen. Wie ein Arzt für sich seine Krankheitsbilder entwickelt, haben wir bewusste Vorstellungsbilder zu den einzelnen Wesen zu entwickeln. Sehr hilfreich ist dabei das Betrachten der Tierbilder, die ihr Wesen in einem gewissen Extrem verkörpern. Zum Beispiel einen Löwen als Ausdruck der Eigenständigkeit, ein Pferd für die freudige Aktivität oder einen Adler als Ausdruck der Unabhängigkeit und Freiheit [11].

Und erkennen wir die Wesenheiten bei Tieren, dann können wir diese Vorstellungsbilder übertragen, um das Wesen in anderen Situationen herauszufinden. So sehen wir zum Beispiel die Eigenständigkeit bei einem Löwen. Und haben wir das Bild gut verinnerlicht, dann erkennen wir die Zeichen der Eigenständigkeit auch bei einem Hirschen, in einer verschneiten Landschaft, bei der wilden Karde, bei spielenden jungen Löwen oder bei einem Menschen. Indem wir immer weitere Bilder zu der Eigenständigkeit betrachten, verinnerlichen wir die Eigenschaften, die damit verbunden sind: das Aufgerichtet sein, die Würde, die Entschiedenheit, das Kraftvolle, aber auch die Phantasie, das Spielerische sowie die Ruhe.

Facetten der Eigenständigkeit
Bei dem Betrachten der Bilder konkretisiert sich unsere Vorstellung von der Eigenständigkeit immer mehr. Und zugleich können wir die Eigenständigkeit in unseren täglichen Situationen, bei Tieren, Pflanzen, in Landschaften oder bei Menschen immer besser erkennen. Indem wir auf diese Weise zu den verschiedenen Wesen konkrete Vorstellungsbilder entwickeln, können wir unserem Wesenskern auf die Schliche kommen.
Und haben wir den Kern erkannt, so greifen wir ihn auf, um ihn zu einem Ausdruck zu bringen. Und dabei leben wir auf. Es ist, als wenn ein Fisch sein Wasser gefunden hat, in dem er munter herumschwimmen kann. So mag der eine Mensch in seinem Element sein, wenn er etwas tun und machen kann, der andere lebt auf, wenn er eine Frage klären kann, eine Situation eingehend betrachten oder einen Entschluss herbeiführen kann…. und so weiter und so fort – ganz nach der individuellen Veranlagung.
Der eigene Stil
Um den Wesenskern zum Ausdruck zu bringen, ist es zweckmäßig, einige zentrale Grundeigenschaften herauszukristallisieren – vielleicht so zwei oder drei – die für uns als Person gut passen, und nach denen wir unser Handeln in den verschiedenen Situationen bewusst ausrichten. Schritt für Schritt reift dabei eine eigene Vorstellung, wie wir unseren Wesenskern ins Leben bringen können. Und je klarer diese Vorstellung wird, umso leichter können wir die Situationen danach gestalten. Schließlich sind die Eigenschaften zu unseren individuellen Werten gereift, mit denen wir unseren Wesenskern in den unterschiedlichen Situationen ganz authentisch verwirklichen. Dann haben wir unseren eigenen Stil entwickelt. Auf dem Weg werden wir zu Schöpfern. Wir werden selbst zu bewussten Gestaltern unseres Lebens [12].
Betrachten wir ein Beispiel: einen geselligen Typen
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir haben ein Bedürfnis nach sozialer Nähe, dem freudigen Miteinander und dem Austausch. Das zugehörige Wesen ist die Verbundenheit. Wir finden diese Eigenschaft auch bei den Tieren. Vor allem bei den hoch entwickelten Tieren, den Primaten, den Menschenaffen – wenn sie sich gegenseitig lausen oder, wie in diesem Bild, wenn wir den Eindruck haben: Die Affen diskutieren ja um eine Sache, als seien es Menschen.

Hinter der Verbundenheit steht die Sehnsucht nach sozialer Nähe, nach dem freudigen Miteinander und dem Austausch. Menschen mit dem Wesenskern der Verbundenheit sind etwa der Lebenskünstler, der in der Gemeinschaft das Leben genießt, es durch seine Art, durch die Gespräche und Handlungen bereichert und sich zusammen mit seinem Umfeld daran erfreut. Aber es ist auch der Lehrer, der seinen Schülern etwas beibringt, etwas vermittelt, das dann ihr Leben bereichert. Oder halt unser geselliger Typ, der bei auftretenden Fragen stets den Austausch mit anderen sucht, sie um Hilfe bittet und selbst bereit ist, anderen zu helfen. Der gesellige Typ fühlt sich in der Gemeinschaft wohl und bringt sich dabei konstruktiv ein.
Dabei hat unser geselliger Typ verschiedene Eigenschaften. Etwa:
- ist er empathisch. Er kann gut zuhören, sich gut auf andere Menschen einstellen, den Kontakt zu ihnen aufbauen und ihre Gefühle nachempfinden.
- Er kann gut Fragen stellen und weiß, wen er anzusprechen hat, um auf seine Fragen eine passende Antwort zu bekommen.
- Er ist hilfsbereit und unterstützt gerne mit Rat und Tat.
Mit diesen Eigenschaften bringt unser geselliger Typ seine Art zu sein in den verschiedensten Situationen zu einem Ausdruck. Zum Beispiel, wenn ein Entschluss zu treffen ist, wenn eine Frage zu klären ist, wenn eine Situation zu erfassen ist oder wenn etwas zu machen und zu tun ist. Stets wendet er sich an andere Personen, um gemeinsam die Aufgaben zu meistern.
Dabei mag ein anderer geselliger Typ durchaus andere Eigenschaften haben, mit denen er seinen Wesenskern zum Ausdruck bringt. Vielleicht kann ein anderer Typ gut Menschen unterhalten, humorvoll Geschichten und Anekdoten zum Besten geben und auf diese Art etwas vermitteln. Und so weiter. Jeweils nach der individuellen Veranlagung.
Der Weg führt ins Miteinander
Indem wir unseren Wesenskern mit den entsprechenden Eigenschaften herausfinden, spezialisieren wir uns. Wir entwickeln einen Stil, mit dem wir unsere Aufgaben erledigen. Einerseits werden wir dabei schöpferisch, wenn wir unser inneres Potential zum Ausdruck bringen. Andererseits werden wir als Personen für unsere Mitmenschen greifbar und verlässlich, wenn wir unser Handeln bewusst und beständig nach entwickelten Werten ausrichten. So entsteht ein Vertrauen ins Miteinander. Gleichzeitig stellen wir fest: wir brauchen die Unterstützung der anders geprägten Menschen, um unsere täglichen Aufgaben zu meistern. Der eine schafft eine Übersicht, der nächste ergründet das Wesentliche, findet Ideen, trifft Entscheidungen, klärt Fragen, vermittelt Lösungen, definiert Ziele für die Umsetzung oder gestaltet die Situationen neu [13].
Miteinander Werte schöpfen
Erst im konstruktiven Zusammenwirken von unterschiedlich geprägten Menschen können wir für eine konkrete Situation tragfähige Lösungen schöpfen – Werte die uns verbinden, die wir gemeinsam tragen und nach denen wir uns ausrichten. Kulturelle Werte. Dafür fragen wir uns zuerst: Was erfordert die Situation? Was ist das Wesentliche in der Situation? Und haben wir diese Frage klar beantwortet, dann schöpfen wir im konstruktiven Austausch für die Aufgabe eine stabile und attraktive Lösung [14].
Durch die gemeinsame Ausrichtung nach dem Wesentlichen, also nach dem, was in der Situation wirklich erforderlich ist, treten die individuellen Vorstellungen und Ansichten der Beteiligten in den Hintergrund. Das ist die Voraussetzung für ein konstruktives Miteinander. So können wir die einzelnen Beiträge, Ideen und Vorschläge kritisch prüfen und anpassen, damit sie sich in die Lösung möglichst gut einfügen.
Und der Austausch inspiriert. Wir finden und konkretisieren immer weitere Ideen, die passend in der Lösung berücksichtigt werden. Aber wir können Ideen auch verwerfen, wenn sie sich als untauglich erweisen. Denn das Schöpfen einer möglichst guten Lösung für das Wesentliche ist den Beteiligten wichtiger, als ihre individuellen Vorstellungen durchzusetzen.
Als Resultat entsteht Bild von der Lösung. Dabei betrachten wir das Bild aus immer neuen Perspektiven und stellen uns die Fragen: Wo ist hier noch etwas unklar? Was kann hier noch verbessert werden? Mit den Antworten sorgen wir selbst dafür, dass die Lösung möglichst attraktiv und stabil wird. Wir verbessern sie immer weiter, bis sie für die Situation einen spezifischen Wert darstellt.
Alle ziehen an einem Strang. Jeder fragt sich dabei: Was kann ich in das Miteinander einbringen, um die Aufgabe möglichst gut zu meistern? Wir können uns das Vorgehen wie ein gemeinsames Puzzeln vorstellen, bei dem jeder seine Teile hinzufügt und im Miteinander geschaut wird, dass ein tragender, kultureller Wert entsteht.

Werte schaffen Ordnung
Im Bewusstsein der Werte entsteht eine Ordnung auf drei Ebenen [15]:
- Zuerst für uns selbst, indem wir unseren Wesenskern für uns zu einem führenden Wert entwickeln. So werden wir uns unser selbst bewusst und bringen unser Sein in den täglichen Situationen zu einem souveränen und erfolgreichen Ausdruck.
- Außerdem entsteht eine Ordnung im Miteinander, wenn wir im konstruktiven Zusammenwirken einen ausrichtenden Wert für eine konkrete Frage oder Situation schöpfen.
- Und zu guter Letzt entsteht eine Ordnung im Äußeren, in der konkreten Situation, indem wir sie nach dem gemeinsam geschaffenen Wert neu ausrichten und gestalten.
So werden wir zu „Gottes Handwerkern“, wie Platon es nannte: wir richten uns nach dem Wesentlichen, nach dem Universellen aus und schöpfen für die konkrete Situation einen tragenden Wert [16]. Dabei wirkt die geschaffene Ordnung befreiend – sie gibt uns einerseits eine sichere Orientierung, einen Halt, und andererseits gibt sie uns einen Rahmen, in dem wir unser inneres Potential entfalten können. Das wirkt befreiend. Und so erfüllt uns bei dem Vorgehen eine Lebensfreude, eine Heiterkeit sowie ein verbindendes Einheitsgefühl mit unseren Mitmenschen – die Liebe.
Wir können den Zusammenhang in einem Bild veranschaulichen:

Der zentrale Diamant steht für das Wesentliche, für das die Beteiligten in der konkreten Situation einen Wert schöpfen. Danach richtet sich jeder mit seinem Wesenskern aus und bringt sich mit seinen individuellen Fähigkeiten und Interessen ein – dargestellt durch die angedeuteten Personen in den verschiedenen Farben. Ist die Lösung gut herausgearbeitet, dann resultiert eine Ordnung, die Orientierung und Halt gibt und die Beteiligten mit einem verbindenden Einheitsgefühl erfüllt.
Voraussetzungen
Die zentrale Voraussetzung für das Menschenbild des bewussten Seins ist die Vorstellung, dass es etwas Übergeordnetes, etwas Wesentliches oder Universelles gibt, das sich in uns Menschen und unseren täglichen Situationen wiederfindet. Und dass wir Menschen die großartige Fähigkeit haben, dieses Übergeordnete zu erkennen, zu ergründen und es bewusst aufzugreifen, um danach unser Leben zu gestalten [17].
Dabei braucht es zuerst einmal das Vertrauen, dass das Wesentliche überhaupt existiert – auch wenn wir es in einer Situation vielleicht anfangs noch nicht kennen. Doch wir können das Vertrauen entwickeln, indem wir für uns immer klarere Vorstellungsbilder zu den einzelnen Wesen verschaffen. Zum Beispiel indem wir uns immer weitere Tierbilder anschauen.
Außerdem braucht es das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, in die eigene Schöpferkraft, um das Wesentliche herauszufinden, es weiter aufzugreifen und zum Ausdruck zu bringen. Auch dieses Vertrauen können wir entwickeln. Denn haben wir eine Aufgabe entsprechend gemeistert und dabei die befreiende Wirkung in unserem Leben erfahren, so stärkt das mehr und mehr die Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Und wir können die nächste Aufgabe durchaus etwas leichter und souveräner ausführen.
Und zu guter Letzt braucht es die passenden äußeren Rahmenbedingungen – also Regeln, Gesetze und Vorschriften – damit das bewusste Miteinander sich entfalten kann und gemeinsam kulturelle Werte geschöpft werden können.
Definition der Begriffe für das bewusste Menschenbild
Das Wesentliche ist das innere Potential, das in einer Situation oder einem Lebewesen zum Ausdruck gebracht werden kann.
Individualität beschreibt die Art des Lebens im Bewusstsein des eigenen Wesenskerns.
Ein Wert ist eine attraktive und stabile Lösung für etwas Wesentliches.
Das Miteinander ist das konstruktive Zusammenwirken, bei dem jeder seine individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten einbringt, um gemeinsam einen Wert für die konkrete Situation zu entwickeln.
Der Sinn des Lebens besteht darin, seinen Wesenskern zu erkennen und im Miteinander in den täglichen Situationen zu einem souveränen und erfolgreichen Ausdruck zu bringen.
Fazit
In diesem Artikel haben wir verschiedene Menschenbilder als Grundlage der Kulturen betrachtet. Dabei sind wir zu dem Punkt gekommen, dass wir heute – zumindest in unserer westlichen Welt – kein verbindendes Menschenbild mehr haben. Stattdessen kann jeder nach seiner Façon selig werden. Jeder kann sich seine Werte schaffen, die ihm einen Sinn im Leben geben. Doch damit haben wir eigentlich keine tragende, keine verbindende Kultur mehr und das soziale Miteinander verarmt.
Als einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma habe ich das „Menschenbild des bewussten Seins“ dargestellt. Danach ist jeder Mensch durch einen individuellen Wesenskern geprägt, durch einen universellen Gedanken. Und wir können es als Sinn unseres Lebens betrachten, diesen Wesenskern für uns herauszufinden und in unserem Leben zu einem bestmöglichen Ausdruck zu bringen [18].
So werden wir uns unseres Selbst bewusst und gleichzeitig öffnet sich eine Beziehung in das Miteinander. Dabei werden wir zu Schöpfern. Im konstruktiven Miteinander entstehen Synergien, die zu attraktiven Lösungen führen, die mehr sind als die Beiträge der einzelnen Personen [19]. Und in dieser befreiten Schöpferkraft liegt unsere Zukunft! Denn nur als Schöpfer können wir das Alte hinter uns lassen und wirklich attraktive und stabile Lösungen für unsere drängenden Fragen und Aufgaben entwickeln [20].
Ein Aufruf
Also werden wir zu „Gottes Handwerkern“! Richten wir uns nach dem Wesentlichen aus und meistern danach die konkreten Situationen! Schaffen wir eine neue Kultur des bewussten Seins [21].
Und dabei sei jeder aufgerufen mitzumachen. Jeder an seinem Platz. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Doch bitte, fangen wir klein an. Bei uns selbst, in unserem unmittelbaren privaten Umfeld. Indem wir im Kleinen anfangen, konkrete Aufgaben aufgreifen und sie im Miteinander zu attraktiven Lösungen führen, verstärkt sich immer mehr das Vertrauen in unsere Schöpferkräfte, und gleichzeitig konkretisiert sich unsere Vorstellung von dem Wesentlichen. So wächst die Zuversicht in unsere eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Dann können wir die Kreise erweitern: in der Familie, mit unseren Freunden, im Verein, mit den Kollegen bei der Arbeit… Schließlich werden wir fähig, die großen gesellschaftlichen Aufgaben und Fragen anzugehen.
Quellen und Hinweise zur weiteren Lektüre
[2] Martin Puchner: Kultur – eine neue Geschichte der Welt, Klett-Cotta, Stuttgart, 2025
[3] Grundzüge der athenischen Demokratie | Demokratie | bpb.de
[4] Papst Leo XIV: Magnifica humanitas: Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Enzyklika, Herder Verlag, Freiburg, 2026
[5] Existentialismus – Wikipedia
Siehe auch: Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, Pieper Verlag, München, 2021
[6] Homo oeconomicus – Wikipedia
[7] Make artificial intelligence work for everyone | Bill Gates
– Wir Menschen und die künstliche Intelligenz
– Mensch und Technik – Dem Leben Fülle geben
[8] Das Wesentliche ist der Quell der Lebenskraft – Dem Leben Fülle geben
[9] Die seelischen Bedürfnisse – Dem Leben Fülle geben
[10] Was ist mein Wesenskern? – Dem Leben Fülle geben
[11] Erkenne Dich selbst! – Dem Leben Fülle geben
[12] Die drei Fragen des Lebens – Dem Leben Fülle geben
[13] Vielfalt im Einklang – Dem Leben Fülle geben
[14] Miteinander Werte schöpfen – ein Quell zum erfüllten Leben – Dem Leben Fülle geben
[15] Wie das Wesentliche Ordnung schafft – Dem Leben Fülle geben
[16] Der Begriff: „Gottes Handwerker“ stammt von Platon aus seinem Dialog: Timaios.
[17] Kosmos und Mensch – Dem Leben Fülle geben
[18] Der Sinn des Lebens – Dem Leben Fülle geben
[19] Jeder Mensch kann schöpferisch sein – Dem Leben Fülle geben
[20] Wie kommt das Neue in die Welt?
[21] Eine Kultur des bewussten Seins – Dem Leben Fülle geben
